Franziska rettet die Bilanz

Franziska rettet die Bilanz

Timo Bolls Hoffnungen auf den siebten EM-Titel haben sich nicht erfüllt. Sein Verletzungs-Aus besiegelte eine durchwachsene Bilanz der deutschen Tischtennis-Spieler. Nur die Doppel spielten groß auf.

Nach dem Verletzungsschock für Altmeister Timo Boll ist bei der Tischtennis-Europameisterschaft in Budapest von der jahrelangen Überlegenheit der deutschen Herren nur noch ein kümmerlicher Rest übrig geblieben. Durch Bolls unfreiwilliges Aus im Halbfinale wegen einer erneuten Nackenverletzung kehren die einstigen Dominatoren des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB) nur mit einem "halben" Titel für Patrick Franziska vom 1. FC Saarbrücken im Doppel von der Donau zurück.

Bilanz glänzt matt

Mit Franziskas Erfolg an der Seite des Dänen Jonathan Groth, Bronze für Boll sowie Gold im Damen-Doppel für Kristina Silbereisen/Sabine Winter (Kolbermoor) nach dem 4:3 im teaminternen Finalduell mit Petrissa Solja/Shan Xiaona (Berlin) standen für den DTTB zwar vier Podestplätze zu Buche. Gegenüber den Titelkämpfen 2015 in Russland (einmal Gold und einmal Bronze) bedeutete das auf dem Papier eine Verdopplung und erneut Platz eins im Medaillenspiegel. Doch die Bilanz von Budapest glänzt nicht nur wegen des unerwarteten Zweitrunden-Aus des entthronten Einzel-Champions Dimitrij Ovtcharov (Hameln) matt: Die Herren verloren in Ungarn im Einzel nach zuletzt fünf Siegen in Serie, und die Damen blieben wenige Wochen nach Olympia-Silber für die Mannschaft im Einzel diesmal gänzlich ohne Medaille.

"Unser Fazit fällt durchwachsen aus. Vier Medaillen sind ein ordentliches Ergebnis. Aber auch wenn Ovtcharov bald wieder der dominierende Spieler in Europa sein wird, sind wir mit nur einem Spieler im Herren-Achtelfinale nicht zufrieden, und bei den Damen hatten wir uns mit den Nummern eins bis drei der Setzliste auch etwas mehr erhofft", sagte DTTB-Sportdirektor Richard Prause.

Immerhin war auf Franziska Verlass. Herren-Bundestrainer Jörg Roßkopf hatte den Neu-Saarbrücker und Groth schon vor dem Turnier auf seiner persönlichen Favoritenliste gehabt: "Ich habe sie auf der World Tour spielen sehen. Sie sind beide herausragende Doppelspieler und harmonieren sehr gut, am Tisch ebenso wie privat als gute Freunde." Das Duo kennt sich seit Jahren, bildete zu Franziskas Fuldaer Bundesligazeiten zeitweise sogar eine Wohngemeinschaft.

Nach dem 4:11, 11:4, 11:5, 7:11, 11:7 und 12:10 über das polnische Duo Jakub Dyjas/Daniel Gorak freute sich Franziska diebisch. "Es ist einfach ein Wahnsinnsgefühl, jetzt Europameister zu sein. Wir sind in jeder Hinsicht ein harmonisches Team, es läuft perfekt", sagte er, "heute Abend werden wir sicherlich noch gemeinsam ein Bierchen trinken gehen."

Im Einzel war der Saarbrücker in Runde zwei dem Franzosen Emmanuel Lebesson, der überraschend Europameister wurde, unterlegen. Aus dem Doppel-Titel schöpft er weitere Motivation: "Ich werde noch härter an mir arbeiten, damit sich auch im Einzel die Erfolge einstellen." Eine erfreulichere Bilanz verhinderte am Schlusstag auch Bolls dramatische Wandlung vom letzten Hoffnungsträger zum tragischen Helden. Als in seinem Halbfinale gegen den Franzosen Simon Gauzy beim Stand von 1:2 die schon für auskuriert gehaltene Nackenverletzung aus dem Olympia-Turnier wieder auftrat, signalisierte der 35-Jährige dem Schiedsrichter mit traurigem Blick seine Aufgabe.

Nackenprobleme stoppen Boll

"Es ist die gleiche Stelle wie bei Olympia. Nachdem es sich nicht wieder legte, habe ich vorsichtshalber aufgegeben." Der Ausstieg sei auch Vorsichtsmaßnahme mit Blick auf die Heim-WM 2017 (29. Mai bis 5. Juni) in Düsseldorf: "Die WM ist für mich der Saisonhöhepunkt, auf den ich richtig heiß bin. Deswegen wollte ich nicht erneut eine längere Pause riskieren."

Einen Boll in optimaler Verfassung scheinen die DTTB-Herren in Düsseldorf auch zu brauchen. Nach zuletzt mehreren Dämpfern - in Rio mussten sich die DTTB-Herren mit Bronze statt der angestrebten Silbermedaille begnügen - rutschen die lange als "Chinesen Europas" geltenden Spieler von Roßkopf zusehends ins kontinentale Mittelmaß ab.

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