| 20:32 Uhr

Flugschau in Brasiliens Herzen

Rio de Janeiro. Die „Könige der Athleten“ fangen heute an. Im olympischen Zehnkampf mischen auch deutsche Weltklasse-Sportler mit. Vor allem der Ulmer Arthur Abele ist Anwärter auf eine Medaille, Ashton Eaton aber Favorit. sid-Mitarbeiter Kristof Stühm

Thiago Braz da Silva hüpfte wie aufgedreht auf und ab, voller Stolz trug er die brasilianische Fahne durchs Stadion, die Fans tobten vor Begeisterung. Da Silva kürte sich mit 6,03 Metern als erster Brasilianer überhaupt zum Olympiasieger im Stabhochsprung. Sein Triumph über den Weltrekordler Renaud Lavillenie war eine Sensation, die wohl größte Überraschung, die die Leichtathletik bei diesen Sommerspielen zu bieten hat. Und er wurde zum riesigen Aufreger.


"Ich habe den Brasilianern nichts getan. 1936 war die Menge gegen Jesse Owens . Seitdem habe ich so etwas nicht mehr gesehen. Wir müssen uns damit beschäftigen", sagte Lavillenie, der sich mit übersprungenen 5,98 Metern geschlagen geben musste: "Das war kein Fair Play." Seine Wut war verständlich, doch sein Vergleich mit den Nazi-Spielen war völlig daneben. Owens, der schwarze Sprinter und Weitspringer aus den USA, hatte 1936 vier Goldmedaillen gewonnen. In Hitler-Deutschland wurde dies nicht gern gesehen.

Die Fans im Stadion hatten Lavillenie immer wieder niedergepfiffen, der 29-Jährige war angesichts des ausgesprochen unfairen Verhaltens sichtlich verärgert. Dem London-Olympiasieger hallten bei jedem seiner Versuche lautstarke Buhrufe entgegen. "Wir sehen so etwas im Fußball. Es ist das erste Mal, dass ich es in der Leichtathletik erlebt habe", sagte der Franzose angefressen: "Das ist der größte Moment deines Lebens, ich kann darüber nicht glücklich sein." Vor seinem letzten Versuch senkte er den Daumen für die Zuschauer.

Da Silva äußerte sich nicht zu den Zwischenfällen. Ohnehin wusste er hinterher gar nicht, wie ihm geschah. Der neue Nationalheld steigerte im Wettkampf seines Lebens seine Bestleistung um unglaubliche elf Zentimeter. "Ich bin sehr glücklich, für Brasilien ist das überragend", sagte da Silva, der das erste Männer-Gold in der Leichtathletik für Brasilien seit 32 Jahren gewann. 1984 hatte Joaquim Cruz über 800 Meter triumphiert.

Es war ein Stabhochsprung-Showdown auf höchstem Niveau, das sich da Silva und Lavillenie lieferten. Erstmals seit 1992 stand kein deutscher Stabhochspringer in einem Olympia-Finale. Ex-Weltmeister Raphael Holzdeppe, der deutsche Meister Tobias Scherbarth und Karsten Dilla scheiterten in der Qualifikation. Nachdem der Wettkampf wegen strömenden Regens unterbrochen werden musste, kam es zur Flugschau über mehrere Stunden. "Es ist unglaublich", sagte da Silva (22), der den großen Sergej Bubka als seinen Helden bezeichnet und von dessen ehemaligem Trainer Witali Petrow betreut wird.



Bei der WM 2015 war da Silva noch in der Qualifikation gescheitert, jetzt holte er seine erste Medaille bei einer großen Meisterschaft. Und dann gleich Olympia-Gold. "Ohne Träume ist das Leben nichts wert", sagte da Silva: "Ohne Ziele haben Träume keine Grundlage." Die Medaillenchancen der deutschen Leichtathleten werden immer weniger: Drei Tage nach dem Olympiasieg von Diskuswerfer Christoph Harting sind die Frauen um die WM-Dritte Nadine Müller leer ausgegangen. Die 30-Jährige aus Halle/Saale belegte beim erneuten Sieg der Kroatin Sandra Perkovic (69,21 Meter) mit 63,13 Metern nur Platz sechs. Die EM-Zweite Julia Fischer (Berlin) kam mit 62,67 Metern auf Rang neun, die EM-Dritte Shanice Craft (Mannheim/59,85) wurde Elfte.

"Die letzten Tage waren schwer für mich. Wenn es den Menschen, die ich liebe, schlecht geht, dann ist dass so, als wenn es mir selber schlecht geht", sagte Fischer und meinte damit das unglückliche Olympia-Aus ihres Lebensgefährten Robert Harting in der Qualifikation. "Ich habe alles gegeben, mehr konnte ich nicht machen." Damit wartet der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) nach Gold und Bronze durch Christoph Harting und Daniel Jasinski weiter auf die dritte Medaille in Rio .

Diskus-Olympiasiegerin Perkovic stand bei ihrem Sieg wie in der Qualifikation nach zwei ungültigen Versuchen schon vor dem Aus, schockte dann die Konkurrenz aber mit einem letztendlich unerreichbaren Versuch. Knapp zweieinhalb Meter lag die wegen Dopings bereits gesperrte Kroatin vor der Zweiten, Melina Robert-Michon aus Frankreich.

Die deutschen Hürdensprinterinnen um die WM-Zweite Cindy Roleder (Leipzig) zogen geschlossen ins heutige Halbfinale ein. Die 26 Jahre alte Europameisterin gewann ihren Vorlauf in 12,86 Sekunden und hinterließ einen starken Eindruck. Nadine Hildebrand (12,84/Sindelfingen) kam als Zweite ihres Rennens weiter, Pamela Dutkiewicz (12,90/Wattenscheid) reichte Rang drei.

Die Stabhochspringerinnen Lisa Ryzih (Ludwigshafen) und Martina Strutz (Schwerin) gaben sich ebenfalls keine Blöße und kämpfen in der Nacht von Freitag auf Samstag (1.30 Uhr) um die Medaillen. Die 27 Jahre alte Vize-Europameisterin Ryzih meisterte die geforderte Höhe von 4,60 Metern gleich im ersten Versuch, Strutz benötigte einen zweiten Durchgang. Dagegen schied Annika Roloff (25, Holzminden) bei ihrer Olympia-Premiere mit 4,45 Metern aus.

Für Homiyu Tesfaye endete sein Olympia-Auftritt über 1500 Meter im Gerangel auf der Zielgeraden. In einem unruhigen Rennen wurde der 23-Jährige von Europameister Filip Ingebrigtsen angerempelt. Zwar wurde der Norweger später disqualifiziert, für Tesfaye reichten die 3:47,44 Minuten dennoch nicht fürs Finale.

Usain Bolt ist dagegen locker ins Halbfinale über 200 Meter gelaufen. Der 29-jährige Jamaikaner kam gestern in 20,28 Sekunden ohne Probleme weiter. Auch sein US-Rivale Justin Gatlin (20,42) setzte sich klar durch. Trotz Saisonbestleistung reichte es für den Wattenscheider Julian Reus (20,39) nicht. Auch Robin Erewa aus Oberhausen (20,61) und der Leverkusener Aleixo-Platini Menga (20,80) schieden aus. Weltrekordler und Weltmeister Ashton Eaton ist in Rio kaum von seinem Thron zu stoßen. So urteilen fast alle Experten vor dem Zehnkampf , der heute (14.30 Uhr) beginnt. Willi Holdorf, Olympiasieger von 1964, traut Arthur Abele, Kai Kazmirek und Rico Freimuth aber einiges zu. "Wir haben so gute Zehnkämpfer wie lange nicht mehr. Da ist die Chance, eine Medaille zu holen, groß", glaubt Holdorf.

Der 28 Jahre alte Eaton hatte bei der WM 2015 in Peking den Weltrekord auf 9045 Punkte geschraubt. Er ist zweimaliger Weltmeister - und ein Bewegungsgenie. "Er ist überragend. Er ist besonders schnell, und obwohl er nicht so kräftig ist, ist er in den Würfen sehr gut", sagte Holdorf, der den Zehnkampf in den vergangenen Jahrzehnten intensiv verfolgt hat und auch in Rio weilt: "Ich glaube nicht, dass einer die Chance hat, ihm Gold streitig zu machen."

Seit Holdorfs Triumph vor 52 Jahren in Tokio hat nur ein Deutscher Olympia-Gold gewonnen: der Rostocker Christian Schenk 1988 in Seoul für das DDR-Team. Die Weltrekordler Kurt Bendlin, Guido Kratschmer und Jürgen Hingsen standen nie bei Sommerspielen auf dem obersten Treppchen. Der bislang letzte Deutsche, der eine Medaille gewonnen hat, war Sonnyboy Frank Busemann mit Silber 1996 in Atlanta. "Als alter Zehnkämpfer halte ich natürlich zu Arthur Abele. Der Mann ist ein Weltwunder", sagte Busemann: "Was der schon für Verletzungen hatte, und wie er sich immer wieder an die Spitze kämpft, ist enorm." Abele hat in Ratingen 8605 Punkte gesammelt; nur Eaton steht mit 8750 Zählern in der Weltjahresbestenliste vor ihm. Der Kanadier Damian Warner (8523) wird ebenfalls hoch gehandelt.

Zum Thema:

Auf einen Blick David Rudisha feierte seinen zweiten Olympiasieg in Serie über 800 Meter. Nach der Weltrekord-Nacht von London reichten ihm vier Jahre später 1:42,15 Minuten zum Sieg. Silber hinter dem Kenianer holte der Algerier Taoufik Makhloufi in 1:42,61 Minuten. "Das ist der großartigste Moment in meiner Karriere", sagte Rudisha. Er ist der erste Athlet nach dem Neuseeländer Peter Snell 1964, der seinen Olympiasieg über 800 Meter wiederholte. 2012 lief er Weltrekord (1:40,91). Allyson Felix aus den USA hat dagegen den historischen fünften Olympiasieg verpasst. Über 400 Meter schnappte ihr Shaunae Miller von den Bahamas die Goldmedaille in 49,44 Sekunden weg. Felix kam als Zweite in 49,51 Sekunden ins Ziel. Sie wäre bei einem Sieg die erste Frau gewesen, die bei Sommerspielen fünf Mal Gold gewonnen hätte. Ihr bleibt die Chance mit der 4x400-Meter-Staffel. dpa

Gestern gab es für Julia Fischer und ihre Diskuswurf-Kolleginnen Nadine Müller und Shanice Craft nichts zu lachen. Foto: Kappeler/dpa
Gestern gab es für Julia Fischer und ihre Diskuswurf-Kolleginnen Nadine Müller und Shanice Craft nichts zu lachen. Foto: Kappeler/dpa FOTO: Kappeler/dpa