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Formel 1
Vettel gerät mehr und mehr in die Kritik

Suzuka. Die italienische Presse geht mit dem Ferrari-Fahrer nach dem Großen Preis von Japan hart ins Gericht. sid

Schwer geschlagen reiste Sebastian Vettel aus Japan ab. Zurück in Europa erwartete ihn gleich die nächste Tracht Prügel. Der Hoffnungsträger von einst gilt im Ferrari-Land Italien spätestens nach dem neuerlichen Debakel von Suzuka als Gesicht des Scheiterns im WM-Duell mit Lewis Hamilton und Mercedes. Vettel sei „ein schwächlicher Pilot, der aus seinen Fehlern nichts lernt“, schrieb die Gazzetta dello Sport, auch deshalb liege „Ferrari in Trümmern“. Der Corriere dello Sport sieht ihn „in einer tiefen Existenzkrise“, und La Stampa urteilt: „Es mag Pech sein – doch es ist auch eine Tatsache, dass Sebastian Vettel nichts mehr richtig macht.“


Sein ebenso ungestümes wie unnötiges Manöver gegen Max Verstappen hatte den Deutschen schon früh um jede Chance auf einen Erfolg in Japan gebracht, Vettel wurde nur Sechster, es war nicht der erste Vorfall dieser Art. Und in der Tat spricht mittlerweile vieles dafür, dass Vettels Nervenkostüm einer der entscheidenden Schwachpunkte Ferraris in dieser Saison ist.

Mercedes-Starpilot Hamilton fuhr so zu einem ungefährdeten Start-Ziel-Sieg, bereits beim viertletzten Rennen in Austin/USA am 21. Oktober hat der Brite nun die Chance auf seinen fünften Titel. „Nur“ acht Punkte mehr als Sebastian Vettel muss der 33-jährige Brite sammeln. Angesichts der zuletzt arg divergierenden Formkurven von Mercedes und Ferrari wirkt das durchaus wahrscheinlich.



Bei den Silberpfeilen bremst man indes die Erwartungen. Er glaube „nicht daran, dass man eine Hand am Pokal haben kann“, sagte Motorsportchef Toto Wolff nach dem ungefährdeten Doppelsieg von Hamilton und Valtteri Bottas: „Entweder hat man den Pokal oder man hat ihn nicht. Und wir haben ihn nicht, weder in der Fahrer- noch in der Konstrukteurswertung.“

Allein: Es bestehen doch erhebliche Zweifel, dass Ferrari in dieser Verfassung dem Titelkampf noch eine Wendung geben kann. Angeblich belastet ein interner Machtkampf zwischen Teamchef Maurizio Arrivabene und Technikchef Mattia Binotto die Arbeit des Rennstalls enorm, das berichten italienische Zeitungen übereinstimmend.

Doch auch sportlich hat die Scuderia schlicht keine Argumente mehr. Konnte man sich bis zum Heimspiel in Monza Anfang September noch mit einem beeindruckend schnellen Auto trösten, so ist dieser Mutmacher verschwunden. Seither geht die Saison in einer Form den Bach runter, die zwar nicht in der Art und Weise, aber doch im Ergebnis an den schwarzen Herbst der Roten aus dem Vorjahr erinnert. Nur: Damals machten in erster Linie Fahrfehler und technische Defekte Vettels WM-Traum zunichte. In diesem Jahr gesellten sich zu den individuellen Patzern auch plötzliche Leistungseinbußen des SF71H auf den Geraden. Seit Singapur ist das deutlich erkennbar. Und seit Singapur ist auf Geheiß des Weltverbandes Fia an den Ferrari-Batterien ein zusätzlicher Sensor angebracht, der den Energiedurchfluss misst. Dies bestätigte Ferrari-Teamchef Maurizio Arrivabene in Suzuka.

Allerdings widersprach der Italiener Gerüchten, wonach es einen Zusammenhang zwischen Installation und Leistungstief gebe. Vettel hielt knapp fest: „In den letzten Rennen haben wir es Mercedes ein bisschen zu einfach gemacht. Wir müssen unsere Hausaufgaben machen.“ Der Hesse wird wohl 2019 einen fünften Anlauf auf seinen ersten Titel mit Ferrari nehmen müssen. Auch sein Vorbild und Freund Michael Schumacher hatte fünf Jahre gebraucht, bis er 2000 seine erste WM mit der Scuderia gewann.