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FCK wandelt in der 3. Liga am Abgrund

Fußball : Heilloses Chaos als Alltagsgeschäft

Abstiegskampf, Hassderby, Ehrmann-Rauswurf, Lizenz in Gefahr: Der FCK wandelt in der 3. Liga am Abgrund.

Der Schmucktempel hoch oben über der Stadt Kaiserslautern ist das einzige der bei der WM 2006 genutzten Stadien, an dem unter dem Vereinswappen noch das Logo des Heimturniers von vor 14 Jahren prangt. Wer das zum Sommermärchen entworfene Konterfei mit den aktuellen Mienen der Verantwortlichen des 1. FC Kaiserslautern abgleicht, kann sich keinen größeren Kontrast vorstellen. Denn die Roten Teufel gehen gerade gegenseitig aufeinander los.

Die Trennung von Torwarttrainer-Legende Gerry Ehrmann, von weiten Teilen der immer noch erstaunlich treuen Fangemeinde als letzter Überlebender aus besseren Herzblut-Zeiten gefeiert, hat den Fußball-Drittligisten zur Unzeit entzweit. „Ich darf dazu nichts sagen“, merkt Trainer Boris Schommers vor dem brisanten Südwest-Derby an diesem Samstag bei Waldhof Mannheim an (14 Uhr/SWR), obwohl er einiges zu sagen gehabt hätte. So soll der 61-Jährige, durch dessen harte Schule Nationaltorhüter wie Roman Weidenfeller, Tim Wiese oder Kevin Trapp gingen, seinen Chefcoach mehrfach mit despektierlichen Äußerungen bedacht haben.

Zu einem Abschlusstraining kam Ehrmann kürzlich wohl ohne Handschuhe, um die Hände als Zeichen des Protestes in den Hosentaschen zu lassen. Darauf deutete auch die zu Wochenanfang verschickte FCK-Pressemitteilung hin, in der es hieß, es sei „mehrfach zu massiven, substanziellen Beleidigungen, Arbeitsverweigerungen und Drohungen gegenüber dem Trainerteam gekommen“. Ehrmann bestritt dies. Mittlerweile haben sich mehr als 10 000 Unterzeichner in einer Online-Petition für einen Verbleib des „Tarzans“ eingesetzt. Letztlich mutete die Vereinsmitteilung zur Frei­stellung der Vereinsikone wie der verzweifelte Versuch an, ein brennendes Haus mit einem Benzinkanister zu löschen.

Was auch dem FCK-Geschäftsführer Soeren Oliver Voigt dämmerte, der die Ehrmann-Partei am Mittwoch zum Gespräch in sein Büro bat. Was nur das Ergebnis brachte, sich nächste Woche erneut zu treffen – und bis dahin öffentlich keine schmutzige Wäsche zu waschen. Allerdings ist der Flächenbrand weit fortgeschritten: Auf dem Weg zum Trainingsplatz wird Schommers von Anhängern so derb beleidigt, dass der 41-Jährige nun sagt: „Das möchte keiner erleben. Diese Woche war sicher nicht die ruhigste. Aber es gehört zu meinem Job, damit umzugehen.“ Chaos als Alltagsgeschäft.

Dabei hat Schommers in der Rückrunde eigentlich genug sportliche Probleme: Seine Mannschaft hat in diesem Jahr noch gar nicht gewonnen, die Abstiegsplätze rücken unerbittlich näher. Und jetzt geht es zum verhassten Rivalen nach Mannheim, der als Aufsteiger bis auf Rang drei vorgestoßen ist. Dort steht, wo der FCK eigentlich hin will.

Schommers sagt, er habe seine Jungs fürs Prestigeduell im ausverkauften Carl-Benz-Stadion – mit fast 3500 FCK-Fans – „eingenordet“. Es wäre indes nicht das erste Mal, wenn die Unruhe im Umfeld auf den sportlichen Bereich abfärbt. Immerhin bestreitet Geschäftsführer Voigt, dass einer Niederlage in der Kurpfalz gleich die nächste Trainerentlassung beim FCK folgen würde. Hoffentlich schmilzt dieses Bekenntnis nicht so schnell wie der Nassschnee, der sich am Donnerstag auf die Bäume rund um den Betzenberg legte.

Zur Causa Ehrmann sagt der neue Frontmann nichts, spricht aber ausführlich über die prekäre Finanzlage. Der Nachweis der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit ist „unser größtes Problem“, bekennt der erst Anfang Dezember eingestellte Voigt.

Die Liquiditätslücke bis zum Ende des nächsten Geschäftsjahres am 30. Juni 2021 und damit zur Lizenz für nächste Saison beträgt rund elf Millionen Euro. Die Lizenzunterlagen für die 2. und die 3. Liga reichte der FCK fristgerecht ein, teilte er am Freitagabend mit. Bis Mai müssen die Pfälzer die fehlenden Mittel auftreiben. Die Stadionmiete ist längst von ursprünglich 3,2 Millionen Euro auf nur noch 425 000 Euro reduziert, soll aber nächste Saison wieder auf 625 000 Euro plus Boni steigen. Dieses Angebot hat die FCK-Geschäftsleitung gemacht, der Stadtrat entscheidet am Montag. Die vom Investor Flavio Becca gewährte Bürgschaft in Höhe von 2,6 Millionen Euro soll möglichst nicht gezogen werden, um sich nicht in Abhängigkeit zu begeben.

Aber ob abermals regionale Partner bereit sind, in das Millionengrab FCK zu investieren? Aus seiner Zeit bei Eintracht Braunschweig (2007 bis 2019) weiß der neue Boss immerhin, wie ein kostendeckender Spielbetrieb in der 3. Liga zu organisieren ist. Der frühere BVB-Fan schuf bei den Niedersachsen ein tragfähiges Fundament für den Einzug in den Profifußball. Dort strebt auch der FCK wieder hin, weil diese Ambition aus der historischen Verpflichtung für die fußballbegeisterte Pfalz als alternativlos gilt. „Wir wollen möglichst in zwei Jahren wieder in die 2. Liga“, sagt Voigt. Sonst müsse der Apparat verschlankt werden. „Aber wenn wir anfangen, die U21 abzumelden, das Nachwuchsleistungszentrum abzuschaffen, wenn wir da die Axt ansetzen“, führt er aus, dann beraube sich der Verein seiner letzten Wurzeln, die ihn am Leben halten.