1. Sport
  2. Saar-Sport

Favoritenstürze vorhersehbar?

Favoritenstürze vorhersehbar?

Peking. Wilfried Kindermanns Hemd ist durchgeschwitzt. 29,2 Grad herrschen um 10 Uhr morgens, die Luftfeuchtigkeit liegt bereits bei über 61 Prozent. Schmutzigweißer Smog hängt über der 17-Millionen-Einwohner-Stadt. Der Chefarzt der deutschen Mannschaft (Foto: dpa) wischt sich den Schweiß von der Stirn. "Von den Temperaturen ist das hier ähnlich wie in Atlanta, Los Angeles oder Athen

Peking. Wilfried Kindermanns Hemd ist durchgeschwitzt. 29,2 Grad herrschen um 10 Uhr morgens, die Luftfeuchtigkeit liegt bereits bei über 61 Prozent. Schmutzigweißer Smog hängt über der 17-Millionen-Einwohner-Stadt. Der Chefarzt der deutschen Mannschaft (Foto: dpa) wischt sich den Schweiß von der Stirn. "Von den Temperaturen ist das hier ähnlich wie in Atlanta, Los Angeles oder Athen. Aber Peking - das werden die feuchtesten Spiele der olympischen Geschichte", sagt der Leiter des Sportmedizinischen Instituts der Universität des Saarlandes. "Normalerweise verdunstet der Schweiß auf der Haut und sorgt für Kühlung. Hier läuft er nur so herunter."

Kindermann hat sieben deutsche Olympia-Teams begleitet, seine achte und letzte Mission könnte zur größten Herausforderung werden. 28 Ärzte und 40 Physiotherapeuten stehen dem 67-Jährigen in der medizinischen Zentrale im Olympischen Dorf zur Seite. "Ich gehe davon aus, dass wir eine Reihe von Infekten und Atemwegserkrankungen haben werden", meint der Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Sportmedizin.

Besonders gefährlich sei es, wenn Athleten an einer Überempfindlichkeit der Bronchen leiden. Dies könne eine asthmatische Reaktion hervorrufen. Der wichtigste Ratschlag an die 438 deutschen Sportler lautet deshalb: "Macht die Klimaanlage aus, sobald ihr im Zimmer seid." Doch eigentlich wissen die Olympia-Teilnehmer genau, was sie zu tun und zu lassen haben: Der DOSB hat schon Monate vor den Spielen an alle eine 100-seitige Broschüre verteilt: "Medizinischer Ratgeber Peking 2008."

Wichtig sei vor allem, so Kindermann, dass die Sportler mental auf die hohen Temperaturen vorbereitet sind. Und dass es ihnen nicht so geht, wie den deutschen Fußballern bei der Weltmeisterschaft 1994 in den USA: "Die kamen in Dallas aus dem Flieger und prallten bei 50 Grad wie gegen eine Wand."

Die feuchte Hitze werde vor allem die Ausdauersportarten beeinträchtigen, prophezeit der Mediziner aus dem Saarland. Ungewöhnlich viele Favoritenstürze seien voraussehbar. Nicht unbedingt der beste Athlet werde gewinnen, sondern derjenige, der über die beste Klimaverträglichkeit verfügt. Die Bedingungen erinnern Kindermann an die Leichtathletik-WM 1991 in Tokio: "Da rannten die Marathonläufer unter Saunabedingungen."

Die Luftverschmutzung spiele hingegen bisher keine große Rolle. "Die Spiele werden sauberer sein als die Luft", meint Kindermann. Auf jeden Fall sauberer als die von Flächen deckendem Staatsdoping gekennzeichneten Spiele in Zeiten des Kalten Krieges. Der Mannschaftsarzt widerspricht damit seinem Heidelberger Professoren-Kollegen und Anti-Doping-Kämpfer Werner Franke. Der wird nicht müde, das Schreckensszenario der bisher "verseuchtesten Spiele" an die Wand zu malen. dpa