Ergrauter Friedensstifter

Ergrauter Friedensstifter

Carlo Ancelotti tritt für einen Trainer von Real Madrid fast unscheinbar auf, große Fortschritte hat das Starensemble unter der Regie des Italieners trotzdem gemacht. Heute um 20.45 Uhr steht das Viertelfinal-Rückspiel bei Borussia Dortmund an.

Seine Augenbrauen hebt der "Mister" oft. So verleiht Carlo Ancelotti seinen Worten gerne etwas Nachdruck. Das Mienenspiel des 64-Jährigen wirkt nicht aufgesetzt. Manchmal scheint es auf diesem Wege angebracht, seine Verwunderung auszudrücken. Etwa als im Presseraum des Stadions Santiago Bernabeu die Frage aufkam, wie der Trainer von Real Madrid denn nun eine Halbfinal-Begegnung mit seinen Ex-Clubs Paris St. Germain oder FC Chelsea fände. "Das wäre reizend", meinte Ancelotti und schmunzelte. Ansonsten sagte der erfahrene Fußball-Lehrer vor dem heutigen Viertelfinal-Rückspiel bei Borussia Dortmund (20.45 Uhr) das, was bei einem 3:0-Vorsprung vorzutragen ist: "Der BVB wird alles versuchen. Aber wenn wir wieder so gut spielen, können wir das Halbfinale erreichen."

Alles andere würde der Ansammlung von Stars und seinem Star-Trainer in der Champions League auch nicht verziehen. Gedanklich zerbricht sich das Umfeld bereits den Kopf, wer im Halbfinale am besten passen könnte. Paris oder Chelsea, wo Ancelottis streitbarer Vorgänger bei Real, José Mourinho, das Sagen hat. Ein spanisches Duell mit Atletico Madrid oder dem FC Barcelona braucht Real ebenso wenig wie eine Begegnung mit Bayern München.

Doch in der aktuellen Verfassung muss Real niemanden fürchten. "Wir haben das gut gemacht", befand Ancelotti nach dem Hinspiel, um den Willen von einer Persönlichkeit wie Pepe herauszuheben. Etwas unter ging im ersten Vergleich gegen den Bundesliga-Zweiten ja wirklich, wie der Abwehrchef die Dortmunder Gegenspieler abgekocht hatte.

Keiner weiß besser als der in Ehren ergraute Ancelotti, dass es für die großen Triumphe die richtige Mischung aus Offensive und Defensive, aus Künstlern und Arbeitern braucht. Das war schon 1989 und 1990 so, als der Mittelfeldstratege Ancelotti dem stilprägenden Ensemble des AC Mailand diente, das zwei Mal den Europapokal der Landesmeister holte. Oder 2003 und 2007, als der AC Mailand unter seiner Trainer-Regie die Champions League gewann.

Dieser Titelsammler soll den Königlichen endlich die "Decima", die zehnte Krönung in Europa, bescheren. Ancelotti, der von seinem früheren AC-Lehrmeister Arrigo Sacchi geprägt wurde, wird als der beste verfügbare Krisenmanager bezeichnet, wenn Stars im Überfluss angestellt sind. Das Real-Gebilde benötigt ständig solchen Kitt, weil so viele Egoismen einfließen. Erst wieder im Sommer nach der sündhaft teuren Verpflichtung von Gareth Bale für 91 Millionen Euro Ablöse. Ancelotti ersann dafür ein friedensstiftendes 4-3-3-Konstrukt, in dem Cristiano Ronaldo über die linke und Bale über die rechte Flanke vorstoßen und der nicht minder spektakuläre Angel di Maria sich trotzdem einbringt. Der Argentinier wurde einfach rückversetzt in die Dreier-Mittelfeldreihe mit dem passsicheren Strategen Xabi Alonso und dem spielintelligenten Luka Modric. An guten Tagen kommt Real wie eine Dampfwalze daher - auch wieder beim 4:0 am Samstag im Liga-Spiel bei Real Sociedad San Sebastian. Ancelotti weiß ja, was erwartet wird: "Wir müssen mit schönem Fußball Titel holen."

Sich mit den Umständen zu arrangieren, hat Ancelotti vor allem in London gelernt, wo er 2009 dem millionenschweren Werben von Club-Finanzier Roman Abramovich nachgab - aber nach der verpassten Verteidigung des Meistertitels bei Chelsea im Mai 2011 geschasst wurde. In seine geplante einjährige Auszeit platzte wenige Monate später das lukrative PSG-Angebot - ehe er vergangenen Sommer auf eigenen Wunsch nach Madrid weiterzog. Wegbegleiter des wertkonservativen Italieners glauben, Real könnte die letzte Station sein. Sein Vertrag läuft bis 2016.

Irgendwann wird sich der Familienvater - seine Söhne Davide und Simone spielten in der AC-Jugendabteilung, schafften aber keine Profikarriere - auf seinen Bauernhof in der Emilia Romagna zurückziehen, wo er gerne die Pferde füttert und kräftig zulangt, wenn seine Frau Luisa Deftiges auftischt. Auch dann sollen übrigens die Augenbrauen hochgehen.

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Auf einen BlickBorussia Dortmund setzt im Viertelfinal-Rückspiel gegen Real Madrid auf den im Hinspiel gelbgesperrten Torjäger Robert Lewandowski. "Es gibt eine kleine Chance", sagte Lewandowski gestern: "Wir dürfen keine Angst haben und müssen Vollgas geben. Mit unseren Zuschauern im Rücken ist vieles möglich." Trainer Jürgen Klopp hofft auf den Einsatz des verletzten Nationaltorhüters Roman Weidenfeller, der einen Bluterguss an der Hand hat. Möglicherweise kommt Milos Jojic zu seinem Startelf-Debüt beim BVB. Er könnte für den gelbgesperrten Sebastian Kehl spielen. dpa