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Fußball-WM in Russland
„Erdbeben“ erschüttert den Mitfavoriten

Der 51 Jahre alte Baske Julen Lopetegui wird kommende Saison Real Madrid trainieren. Das gefällt dem spanischen Verband überhaupt nicht.
Der 51 Jahre alte Baske Julen Lopetegui wird kommende Saison Real Madrid trainieren. Das gefällt dem spanischen Verband überhaupt nicht. FOTO: dpa / Uncredited
Krasnodar. Spanien trennt sich kurz vor der WM von Erfolgstrainer Lopetegui, weil der zu Real wechselt. Hierro übernimmt.

Es war ungefähr so, als habe der FC Bayern gerade mal drei Tage vor dem ersten Spiel der deutschen Nationalmannschaft bei der WM in Russland beschlossen, Joachim Löw als seinen neuen Trainer vorzustellen. Und Reinhard Grindel habe daraufhin entschieden, den Bundestrainer sofort zu feuern. Undenkbar? Nicht in Spanien. Einer der Favoriten auf den Titel steht ohne Trainer da: Julen Lopetegui wurde gestern von Verbandspräsident Luis Rubiales gefeuert.


Es ist „ein Erdbeben“, kommentierten die Sportzeitungen in Spanien praktisch gleichlautend den in der WM-Geschichte wohl einmaligen Vorgang. Und nur zur Erinnerung: Morgen Abend spielt Spanien in Sotschi (20 Uhr/ARD) gegen Europameister Portugal. Auslöser des Erdbebens: Real Madrid. Die Königlichen hatten am Dienstag bar jeglichen Feingefühls und ohne Rücksicht auf Verluste die Verpflichtung von Lopetegui als Nachfolger von Zinedine Zidane hinausposaunt.

„Nach allem, was passiert ist, konnten wir nicht anders handeln“, sagte Rubiales gestern bei der Verkündung seiner Entscheidung. Der Verband RFEF sei nicht in die Verhandlungen involviert gewesen, diese Art des Vorgehens könne er nicht dulden. Anstelle von Lopetegui wird nun Fernando Hierro die Mannschaft betreuen. Der 50 Jahre alte Andalusier war seit 2007 Sportdirektor der Nationalmannschaft, für die er 89 Länderspiele bestritt. 



Im Gegensatz zu Rubiales wusste Sergio Ramos wohl Bescheid: Der Kapitän von Real und der Nationalmannschaft soll seinen Segen zu der Verpflichtung von Lopetegui gegeben haben, allerdings konnte er seinen neuen Clubtrainer nicht vor dem Rauswurf bei der Roten Furie retten. Schon bei seiner Ankunft im spanischen WM-Quartier am Montag in Krasnodar im Südwesten Russlands hatte der wütende Verbandschef Lopetegui feuern wollen, auch eine Mini-Meuterei der Spieler um Ramos am Dienstag stimmte ihn nicht um.

„Wir danken Julen für alles, was er getan hat“, sagte Rubiales, der 51 Jahre alte Baske sei einer jener „großartigen Menschen, die uns nach Russland gebracht haben“ – unter Lopetegui blieben die Spanier in den vergangenen 20 Spielen unbesiegt. Und nein, fügte der Verbandschef hinzu, er fühle sich „nicht betrogen“. Nur könne er „nicht ignorieren“, dass die Gespräche über den Wechsel und am Ende auch dessen Bekanntgabe am Verband vorbei geführt wurden. Nein, so gehe es einfach nicht.

Die Auswirkungen auf die spanische Mannschaft könnten gleich in mehrfacher Hinsicht katastrophal sein. Vor allem dürften nun die Gräben zwischen den Spielern von Real und des FC Barcelona, die Lopetegui zugeschüttet zu haben schien, wieder aufbrechen. Zum ersten Mal seit der WM 2006 stehen mehr Spieler der Königlichen im Kader (6) als aus Barcelona (3). Bereits die Nachricht von Lopeteguis Wechsel sei bei der Mannschaft „nicht gut angekommen – außer bei den Spielern von Real“, schrieb die Zeitung Sport. Und der erste Vorrundengegner ist ausgerechnet Erzrivale Portugal.

„Wir schauen nicht auf mögliche Probleme der Spanier“, betonte Mittelfeldspieler Bernardo Silva gestern. Auch Real-Stürmer Ronaldo lasse sich davon auch nicht ablenken. „Der Fokus von Cristiano liegt auf der Auswahl, und er wird sein Bestes geben“, betonte Silva. Es sei nichts anderes, als wenn einer gegen Freunde oder Teamkollegen aus der Nationalmannschaft in der Meisterschaft spielen würde.