Er lebt von der perfekten Balance

Er lebt von der perfekten Balance

Cottbus. Der große Rausch klingt bei ihm ganz nüchtern. "Im Grunde geht es nur darum, einen abgesteckten Parcours von 400 Metern schneller als die sieben Gegner zu fahren", sagt Daniel Schlang. Es ist die Spielregel, die sein Leben bestimmt, seit er mit fünf Jahren zum ersten Mal auf einem BMX-Rad saß

Cottbus. Der große Rausch klingt bei ihm ganz nüchtern. "Im Grunde geht es nur darum, einen abgesteckten Parcours von 400 Metern schneller als die sieben Gegner zu fahren", sagt Daniel Schlang. Es ist die Spielregel, die sein Leben bestimmt, seit er mit fünf Jahren zum ersten Mal auf einem BMX-Rad saß. Jetzt, 15 Jahre später, sitzt er wieder auf seinem Rad, diesmal in der Trainingshalle des Cottbuser Olympiastützpunktes, und wirkt völlig gelassen und abgeklärt. Doch seine Leidenschaft verrät sich an der Art, wie er von den Rennen erzählt - den Bergabwärtssprints von der Startrampe, den meterweiten Sprüngen, den Steilkurven: eben noch locker auf den Lenker gestützt, im nächsten Moment angespannt, unter Strom. Man könnte auch sagen: Daniel Schlang redet sich in Fahrt.Auch dann, wenn er auf seinen "Riesentraum" zu sprechen kommt - der Teilnahme an den Olympischen Spielen 2012. Der 20-Jährige aus Heusweiler ist im deutschen Nationalkader des "BMX Air Teams", das derzeit noch um ein Ticket nach London kämpft. Bei der BMX-WM im Mai entscheidet sich, welche Länder im Nationenranking die ersten elf Plätze belegen und Fahrer auf die Insel schicken dürfen. "Zur Zeit sind wir qualifiziert, aber das könnte sich auch noch ändern", gibt sich Schlang zurückhaltend.

Wer vom deutschen Team mitfahren würde, steht ebenfalls noch nicht fest. Als amtierender deutscher Meister im Time Trail und Hoffnungsträger der deutschen BMX-Elite hat Schlang zwar allen Grund zu Optimismus, aber überschwänglich wird er deshalb nicht. "Ich habe sehr gute Chancen", räumt der 20-Jährige ein. Dennoch: Das "Olympic Test Event" auf der Londoner Strecke im vergangenen August lief für ihn nicht gut, und auch in der jetzigen Saison, die olympiabedingt sehr früh begonnen hat, arbeitet er noch an seiner Form - dieser Tage etwa im Trainingslager in Südfrankreich. "Ich muss fokussiert bleiben. Das könnte sonst in die Hose gehen."

Höher, schneller, weiter - und dabei die Bodenhaftung wahren: Das ist typisch für seinen Sport. BMX-Fahren lebt von der perfekten Balance, in jeder Hinsicht. Zum einen beim Fahrstil, denn da ist ein Gleichgewicht der Kräfte unerlässlich; reine Muskelpakete setzen sich ebenso wenig an die Spitze wie brillante Techniker. "Es kommt auf den optimalen Mix an", sagt Daniel Schlang. BMX-Profis sind Allround-Talente, das macht die Sportart für ihn so faszinierend.

Zum anderen geht es auch um perfekte Körperbeherrschung: Im rasenden Pulk muss Schlang urplötzlich reagieren, in eine aufbrechende Lücke vorpreschen, einem stürzenden Konkurrenten ausweichen, gefährlichen Windböen trotzen. Und innerhalb von Millisekunden die eigenen Grenzen ausloten: "Man muss sich sehr gut einschätzen können und wissen, ob man einen Sprung schafft - oder nicht. Halb ausprobieren geht nicht", sagt Schlang. "Ich muss immer wieder aufs Neue mein Limit pushen, um größere Sprünge zu machen."

Große Sprünge macht Schlang schon seit seiner ersten Probefahrt 1996 auf einer Bahn in Saarwellingen. Sein älterer Bruder wollte dort die "etwas exotischere" Sportart ausprobieren - dann packte alle drei Brüder das BMX-Fieber. Mit dem harten Training, kurzzeitig auch in Wemmetsweiler, stellten sich rasch Erfolge ein: Daniel Schlang gewann die Landesmeisterschaft, siegte in Bundesliga-Rennen, wurde vier Mal deutscher Meister der Junioren. Da war er schon mit seinem jüngeren Bruder Aaron nach Cottbus gezogen, dorthin, wo das Nationalteam um Trainer Florian Ludewig seinen Sitz und Schlang die besten Trainingsbedingungen hat. Seit 2007 wohnt der 20-Jährige in Brandenburg, "ich fühle mich sehr wohl hier". Ob er das Saarland vermisse? "Schon. Vor allem, wenn ich zuhause bin und dann wieder weg muss."

Aber dann gibt es da ja noch Freundin Laura, mit der er in Cottbus zusammenlebt - und Sam, ihr zehn Monate alter Nachwuchs. "Meine Energiequelle", sagt Schlang und schwärmt von seinem kleinen Sohn: "Der ist so pflegeleicht, schläft durch und lacht den ganzen Tag, das ist unglaublich." Und vor allem ein großes Glück für Schlang, der an der Potsdamer Fachhochschule für Sport und Management studiert - von zuhause aus via Computer, "anders wäre das nicht zu schaffen".

So knapp wie sein Budget - rund 1000 Euro hat die Familie im Monat - ist deshalb auch seine Freizeit bemessen: Schlang trainiert sechs Tage die Woche, jeden zweiten Tag vier bis fünf Stunden. Vor allem feilt er an der Technik, macht außerdem Kraft- und athletische Übungen. Immer mit Olympia im Blick, der Goldmedaille vielleicht - und hoffentlich auch den übernächsten Spielen in Rio de Janeiro: "Bis 2016 will ich auf jeden Fall noch fahren", sagt Schlang: "Meine Leistungsfähigkeit ist noch längst nicht ausgereizt; ich kann mich noch um einiges steigern." Und danach? Trainer oder Sportmanager könnte er sich als Beruf vorstellen, selbst wenn sich damit nicht das große Geld machen lässt. Aber BMX, sagt Schlang, wird immer Bestandteil seines Lebens bleiben: "Ich denke gar nicht daran, das aufzugeben."

"Meine Leistungs-

fähigkeit

ist noch längst nicht ausgereizt."

Daniel Schlang, Olympia-Hoffnung im BMX-Fahren

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