Eine Vorbereitung fast ohne Training

Eine Vorbereitung fast ohne Training

Die Qualifikation für die Olympischen Spiele schaffte Johannes Schöttler im Doppel mit seinem Partner Michael Fuchs auf den letzten Drücker. Für Rio trainiert hat Schöttler danach wochenlang nicht. Das zahlt sich aus.

Wie bereitet sich ein Badmintonspieler auf den Höhepunkt seiner Karriere vor? Er nimmt erst mal acht Wochen keinen Schläger in die Hand. Klingt völlig absurd, ist es eigentlich auch. Aber für Johannes Schöttler war es der Schlüssel zum Erfolg, der Schlüssel, um in Rio de Janeiro konkurrenzfähig zu sein.

"Es geht mir sehr gut. Ich bin praktisch schmerzfrei, kann uneingeschränkt trainieren und spielen", sagt der 31-Jährige vom deutschen Serienmeister BC Bischmisheim. Und im Falle von Schöttler muss das etwas heißen. Anderthalb Jahre kämpfte er sich mit massiven Hüftproblemen durch die Qualifikation für die Olympischen Spielen. Es gab Tage, da konnte er sich kaum bewegen. Und erst auf den allerletzten Drücker bei der EM Ende April in Frankreich holte Schöttler gemeinsam mit seinem Doppelpartner und Vereinskollegen Michael Fuchs das Ticket für Rio. "Die Quali war natürlich schön, aber es war klar, dass ich in dem Zustand, in dem ich mich im April befand, in Rio nicht aufs Feld gehen wollte", sagt Schöttler: "Ich hatte mich irgendwie mit Schmerzmitteln durchgeschummelt. Immer waren irgendwelche Wettkämpfe angesagt, auf meinen Körper konnte ich gar nicht mehr achten."

Also fällt er nach der EM eine Entscheidung, von der er gar nicht weiß, ob sie auch was bringt: Reha statt Training. Und zwar in aller Konsequenz. Kein Badminton, kein Schläger in der Hand, stattdessen Kraftraum, Schwimmhalle und Physiotherapie. "Ich bin total happy, dass es funktioniert hat. Und ich bin sogar in richtig guter Form. Das ist viel mehr, als ich mir erhofft hatte", sagt Schöttler.

Und so blickt er voller Vorfreude auf die Abreise am Donnerstag, die Eröffnungsfeier am Freitag und den Start der Badminton-Wettkämpfe am 11. August. Die Auslosung bescherte Schöttler und Fuchs eine Vorrundengruppe mit Fu Haifeng/Zhang Nan (China), mit Goh V Shem/Wee Kiong Tan (Malaysia) und Philip Chew/Sattawat Pongnairat (USA). "Dass es schwer wird, war vorher klar. Aber das Viertelfinale muss unser Ziel sein", sagt Schöttler, der mit Partner Fuchs richtig gut klarkommt - auch weil sie sich auf dem Feld hervorragend ergänzen. Fuchs deckt, ähnlich wie im Mixed mit Birgit Michels, das hintere Feld ab, Schöttler greift die Angriffe des Gegners am Netz ab.

Hinzu kommt der Vorteil, dass beide in Sachen Olympia "alte Hasen" sind - schon 2012 in London waren sie dabei, Fuchs im Mixed mit Michels, Schöttler im Doppel mit Ingo Kindervater. "Bei Olympia dauert alles länger, die Sicherheitskontrollen, die Transporte, das Medienaufkommen ist größer. Darauf muss man sich einstellen", sagt Schöttler, der gespannt ist, ob die zuletzt aufgetretenen Probleme, etwa die Mängel im Olympischen Dorf, bei ihrer Ankunft in Rio de Janeiro noch bestehen.

Im vergangenen Dezember, beim olympischen Testevent, war er erstmals in Brasilien. "Südamerika ist halt nicht wirklich eine Badminton-Hochburg", sagt der 31-Jährige, der das ganze Jahr über bei Turnieren in der Welt unterwegs ist, und lacht: "Das war wie in einer großen Messehalle. Das wird jetzt natürlich anders sein."

In der Tat: Der Rahmen wird gigantisch sein - und geradezu passend für einen erfolgreichen Abschluss einer erfolgreichen Karriere. Schöttler sieht das Ende bereits vor sich. Bei den Bitburger Open im Oktober in der heimischen Saarlandhalle will er noch spielen, viel länger vermutlich nicht mehr. Dem BC Bischmisheim bleibt er erhalten, über die Zahl der Einsätze in der Bundesliga-Mannschaft wird noch gesprochen. Viele werden es nicht mehr sein. Aber selbst ohne Training, selbst nach Wochen ohne Schläger in der Hand kann Johannes Schöttler noch auftrumpfen. In Rio will er das noch ein letztes Mal beweisen.

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