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Ein ganz spezieller Trainer
Ein „Verrückter“ als Mann des Jahres

Dr. Jekyll und Mr. Hyde: Bei Bundesligaspielen rastet Freiburgs Trainer Christian Streich an der Linie gerne mal vor Freude oder Ärger aus. Bei Pressekonferenzen ist er hingegen nachdenklich und gesellschaftskritisch.
Dr. Jekyll und Mr. Hyde: Bei Bundesligaspielen rastet Freiburgs Trainer Christian Streich an der Linie gerne mal vor Freude oder Ärger aus. Bei Pressekonferenzen ist er hingegen nachdenklich und gesellschaftskritisch. FOTO: Carmen Jaspersen / dpa
Freiburg. Christian Streich vom SC Freiburg ist der dienstälteste Bundesliga-Trainer. Und sorgt auch mit politischen Aussagen für Aufsehen.

Im Internet sind die Videoclips mit dem Titel „Best of Christian Streich“ längst ein Renner. Bundestagswahl, soziale Gerechtigkeit, Wahnsinns-Ablösesummen, Flüchtlings-Politik, Aufstieg von autoritären Regimes – der Trainer des SC Freiburg hatte im zu Ende gehenden Jahr zu all diesen und vielen weiteren Themen eine für viele oft kluge Meinung parat. Die anstehenden Spiele in der Bundesliga wurden bei den Pressekonferenzen oft zur Nebensache – die Auftritte Streichs hatten vielmehr gesellschaftspolitische Relevanz.



Nicht zuletzt deshalb wurde der 52-Jährige, der abseits des Platzes fast schon als linksliberaler Intellektueller bezeichnet werden kann, vom Magazin „kicker“ zum „Mann des Jahres 2017“ gekürt. Die Zeitschrift würdigte mit Streichs Wahl zum Nachfolger von Toni Kroos eine „große Persönlichkeit, die im deutschen Fußball auch mit ihrer Haltung herausragend gewirkt hat“.

Ganz ähnlich hatte es der Börsenverein des deutschen Buchhandels formuliert, als er Streich im November im Freiburger Literaturhaus den Titel „Bücherfreund des Jahres 2017“ verlieh. Er sei dafür bekannt, nicht nur im Fußball, sondern auch bei gesellschaftlichen Themen engagiert Position zu beziehen, hieß es in der Begründung der Jury.

Beim Tabellen-13. Freiburg feiert Streich, der von 1988 bis 1990 auch beim FC Homburg spielte, an diesem Freitag sein sechsjähriges Dienstjubiläum als Cheftrainer. Damit ist er unter den aktuellen Bundesliga-Trainern der mit Abstand dienstälteste bei einem Club.

Und es mag paradox klingen – doch dass Streich die Auszeichnungen für seine Person eher differenziert sieht, gehört mit zu den Gründen für die Preise. „Ich bin natürlich ein eitler Mensch, da fühlt man sich geschmeichelt“, sagte der Trainer: „Wenn Sie mich aber privat kennen und jeden Tag mit mir zusammenleben würden, würde ich wahrscheinlich keine Auszeichnung kriegen. Ich bin genauso fehlbar wie alle anderen.“



Daran besteht kein Zweifel. Wer Streich rund um die Freiburger Spiele erlebt, der muss oft den Kopf schütteln. Allzu oft stellt der Trainer übertriebene Emotionalität, überzogene Kritik und fragwürdige Attitüden zur Schau. Dass Gertjan Verbeek einst als Folge von Streichs grenzwertigem Verhalten an der Seitenlinie die Pressekonferenz boykottierte („Das ist für mich kein Kollege – wie ein Verrückter hat er agiert“), sagt viel über den SC-Trainer aus.

Doch Streich, den viele Experten und Kollegen wohl nicht ganz zu Unrecht für einen der fachlich besten Trainer der Liga halten, ist zur Selbstreflexion in der Lage. Der Mann aus Weil am Rhein mit seinem alemannischen Dialekt weiß nur zu gut, dass er am Spielfeldrand oft von Dr. Jekyll zu Mr. Hyde mutiert – und dass er viele andere Macken hat.

„Ich entschuldige mich die ganze Zeit, weil ich die ganze Zeit Fehler mache“, sagt Streich, der mit seinem Image in der Öffentlichkeit nichts anfangen kann: „Ich will nicht als neunmalkluger Besser- oder Alleswisser erscheinen. Ich bin kein Welterklärer und Weltverbesserer, und ich habe auch nicht immer gute Umgangsformen, achte aber andere Menschen. Und ich denke über unser Zusammenleben nach.“

Dabei geht es Streich vor allem um Humanität und sozialen Frieden. „Wichtig ist, dass ich Steuern zahle in dem Land, in dem ich mein Geld verdiene, damit die Menschen, die nicht viel haben, unterstützt werden und wir eine soziale Marktwirtschaft haben“, findet er: „Wir haben viel Wohlstand. Ich sehe es als Verpflichtung für Prominente, für die Leute einzustehen, denen die Sonne nicht immer ins Gesicht scheint.“