1. Sport
  2. Saar-Sport

Saarländischer Judo-Bund: Ein Verband versinkt im totalen Chaos

Saarländischer Judo-Bund : Ein Verband versinkt im totalen Chaos

Der Saarländische Judo-Bund ist nach der turbulenten Mitgliederversammlung am Montagabend kaum noch überlebensfähig.

Lange konnten die Verantwortlichen des Saarländischen Judo-Bundes am Montagabend ihr freundliches Gesicht nicht wahren. Zwar wurden zu Beginn der Generalversammlung noch Präsident und Geschäftsführer des Bundesverbandes mit Applaus willkommen geheißen, ehe sich SJB-Präsident Thomas Baronsky den Mitgliedern ausführlich vorstellte – knapp 15 Minuten nach Beginn der Veranstaltung schepperte es dann aber schon. Und es sollte den gesamten Abend so bleiben.

Grund war zunächst eine reine Formalität – das geänderte Protokoll der letzten Mitgliederversammlung im Oktober, an dem Präsident Baronsky einige Ergänzungen vorgenommen hatte, etwa die Begrüßung eines externen Judo-Verantwortlichen. Doch schon diese vermeintliche Banalität löste im Nebenraum der Saarlandhalle eine mit Beleidigungen gespickte Diskussion aus, bei der das eigentliche Thema schnell in Vergessenheit geriet.

Mitglieder warfen dem Präsidenten vor, er unterschlage ihnen absichtlich Informationen. Andere behaupteten, es hätten sich nicht-stimmberechtigte Personen in die Versammlung geschlichen, die trotzdem abstimmten. „Die Diskussion ist doch vollkommen belanglos“, versuchte Karin Nonnweiler, Vorsitzende des Rechtsausschusses und frühere Präsidentin, zudem Präsidiumsmitglied im Landessportverband für das Saarland, die Anwesenden zu beschwichtigen – ohne etwas zu bewirken. Nach 80 Minuten war immer noch keine Entscheidung über das Protokoll gefällt. Es zeigte sich das Bild eines komplett zerrütteten Verbandes, bei dem die Sachthemen schon lange im Hintergrund stehen.

„Das ist nach und nach gewachsen – ich kann nur spekulieren, aber es kann sein, dass sich manche Leute in ihrer Macht beschnitten fühlen“, sagte Thomas Baronsky vor der Mitgliederversammlung über die zwei Lager, die seit gefühlten Ewigkeiten beim SJB konkurrieren. Auf der einen Seite Baronsky, SJB-Präsident und Vorreiter beim Interreg-Projekt, das in den vergangenen Jahren immer wieder internationale Wettkämpfe auf saarländischem Boden ausrichtete – auf der anderen Seite Schatzmeister Emanuel Leiner und Sportreferent Stephan Penth, die Baronsky vorwerfen, ohne Transparenz und nur auf eigene Faust zu arbeiten.

Beide Lager haben Mitglieder auf ihrer Seite – das Leiner/Penth-Lager scheint allerdings zahlenmäßig klar im Vorteil zu sein, was spätestens bei der Neuwahl des Vorstands sichtbar wurde. Dieser wurde nämlich komplett über den Haufen geworfen – Baronsky stellte sich zwar zur Wahl, wurde allerdings trotz Fehlen eines Gegenkandidatens nicht im Amt bestätigt. Seine beiden Vizepräsidenten Mathieu Zimmer und Harald Stoll sind genauso wie Baronsky selbst mittlerweile von ihren Ämtern zurückgetreten. Penth und Leiner dagegen wurden wiedergewählt – trotzdem steht der SJB jetzt ohne gesetzlichen Vorstand da, vertretungsberechtigt sind nämlich nur Präsident und Vertreter.

„Ich finde es schade – mir wäre es lieber gewesen, es wäre noch jemand vom geschäftsführenden Vorstand in seinem Amt“, sagte Penth, der allerdings zugibt, dass er sich mit bestimmten Personen des bisherigen Vorstands „nicht mehr an einen Tisch setzen“ könnte. Zu viele Unstimmigkeiten habe es in der Vergangenheit gegeben, zu oft seien die übrigen Vorstandsmitglieder vom Präsidenten ignoriert und sogar beleidigt worden. Der wiederum zeigte sich „furchtbar enttäuscht – ich habe so viel Arbeit in den Verband gesteckt, um ihn am Leben zu halten. Das wurde aber leider nicht honoriert.“

Wie es jetzt weitergeht, ist völlig offen. Die übriggebliebenen Vorstandsmitglieder wollen sich laut Emanuel Leiner „schnellstmöglich zusammensetzen, eine Vorstandssitzung einberufen und uns beraten“ – auch er weiß, dass sich der SJB ohne Präsident in einer schwierigen Lage befindet. Dazu kommen die durchwachsenen sportlichen Ergebnisse des Verbandes sowie der Insolvenzantrag, den Leiner am Freitag vergangener Woche gestellt hatte, am Tag danach aus formalen Gründen wieder zurückzog – und der bei den Mitgliedern für Diskussionsstoff sorgte.

Seinen Vorstoß bezeichnete Leiner zwar als „voreilig“ – er habe aber lediglich Schaden vom Verband abwenden wollen. Die Baronsky-Fraktion hält dagegen, Leiner habe den Antrag aus wahltaktischen Gründen ohne Abstimmung mit dem restlichen Vorstand losgeschickt – ans falsche Gericht und ohne finanzielle Schwierigkeiten beim SJB. Dazu schaltete sich sogar Peter Frese, der Präsident des Deutschen Judo-Bundes, persönlich ein – er bezeichnete Leiners Argumentation, er stelle lieber einen Antrag zu früh als zu spät, als „dummes Zeug“: „Da wurde ohne Sachverstand und ohne nachzudenken gehandelt.“

Peter Frese, Präsident des Deutschen Judo-Bundes, ist als Gast da. Foto: Andreas Schlichter
Sportreferent Stephan Penth ist ein Kritiker des ehemaligen Präsidenten. Foto: Andreas Schlichter
Karin Nonnweiler scheiterte beim Versuch, die Wogen zu glätten. Foto: Wieck/Thomas Wieck

Die Mitgliederversammlung in der Saarlandhalle löste sich am Montagabend gegen Mitternacht, nach sechs Stunden voller Beleidigungen, also mit einem nicht mehr vorhandenen Vorstand, einer fragwürdigen Finanzsituation und zerrütteten Verantwortlichen auf. „Die Zukunft des Verbandes hängt in der Luft“, sagte Thomas Baronsky – der mit dieser Zukunft wohl nur noch wenig zu tun haben wird.