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Ein ungestörtes Leben in der grauen Anonymität

In einer Serie trifft sich die SZ-Sportredaktion mit deutschen Medaillengewinnern bei Olympischen Spielen, die zugleich eine besondere Beziehung zum Saarland haben. Teil 7 der Serie: Christiane Weber (54). Kai Klankert

Fotografieren lassen will sich Christiane Weber nicht. "Warum?", fragt sie, "ich bin nicht mehr die Fechterin von damals, dieser Abschnitt meines Lebens ist lange vorbei. Es spielt doch keine Rolle, wie ich aussehe." Die 54-Jährige meidet die Öffentlichkeit , und das Interview zu diesem Serienteil hätte sie wohl nicht gegeben, wenn es in einer wohnortnahen Zeitung erschienen wäre. Sie fühle sich wohl in der "grauen Anonymität", und sie mag es nicht, auf einen lange zurückliegenden Teil ihres Lebens reduziert zu werden. "Man darf nicht den Fehler machen, zu glauben, dass ein sportlicher Erfolg einen Menschen aufwertet", sagt sie, "ich bin total dankbar für die Momente, die ich durch den Sport hatte. Aber ohne den Erfolg wäre nichts anders gewesen."

Erfolg hatte Christiane Weber, zweifelsohne. Mit den Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles und 1988 in Seoul, jeweils mit der deutschen Florett-Mannschaft, ist Weber neben Sprinter Armin Hary (zwei Goldmedaillen 1960 in Rom) die erfolgreichste Sportlerin in unserer Serie "Saarländische Olympia-Helden". Aber den Wunsch, ihre Geschichte zu erzählen, hat sie nicht. Dass sie es doch tut, liegt auch daran, den Fechtsport im Saarland ein wenig zu unterstützen - obwohl sie keine Beziehung mehr ins Saarland hat. Ihre Brüder Friedrich und Henner wohnen in Bergisch-Gladbach und in der Eifel. Und ihre Mutter zieht nach dem Tod ihres Vaters von Nalbach nach Leverkusen, "zwei Straßen weiter". Dort, in einer idyllischen Wohngegend, kann Christiane Weber ihr Leben ungestört weiterleben. Sie hat Prinzipien, auf die sie Wert legt, auf die sie stolz ist. "Ich habe meinen Weg immer selbst bestimmt, war nie käuflich, wollte auch niemandem verpflichtet sein", sagt sie.

Dass diese Geradlinigkeit nicht immer der einfache Weg ist, stellt Christiane Weber in ihrem Leben immer wieder fest. Tatsächlich ist sie immer wieder die Außenseiterin. Schon im Grundschulalter, als sie gehänselt wird, weil sie keinen saarländischen Dialekt spricht. Erst mit sechs kommt sie ins Saarland, weil Vater Friedrich, ein Ingenieur, eine Anstellung an der Dillinger Hütte bekommt. Ihr motorisches Talent ist da schon aufgefallen, mit ihrer Mutter tingelt sie durch die Dillinger Sportszene. Turnt, voltigiert, versucht sich im Ballett. Über Kinder eines Arbeitskollegen des Vaters kommt sie zum Fechten bei der FSG Dillingen. "Das war alles noch sehr spielerisch, aber es hat Spaß gemacht. Erst nach zwei Jahren hatte ich mein erstes Freigefecht. Heute wäre das undenkbar", sagt sie.

Ihr Talent kommt ihr schnell zugute, trotzdem hört sie mit 14 Jahren beinahe mit dem Fechten auf. Sie wird in der Schule, am staatlichen Gymnasium in Dillingen (heute Albert-Schweitzer-Gymnasium), in die Leichtathletik-Gruppe geschickt, wegen Jugend trainiert für Olympia, und findet Gefallen daran. Mit nur einmal Training in der Woche wird sie bei ihren ersten saarländischen Mehrkampfmeisterschaften Dritte, qualifiziert sich für die deutschen Meisterschaften. Dass sie doch beim Fechten bleibt, verdankt sie Rainer Bretz, dem "knochenharten Lateinlehrer " ihres Bruders Henner. "Für mich war er der beste Trainer der Welt. Er konnte mich zu allem motivieren", erinnert sich Weber. Bretz fördert sie, aber gibt ihr auch den Rat, dass es für ganz an die Spitze in der Leichtathletik nicht reichen würde. Also bleibt sie beim Fechten .

Zu diesem Zeitpunkt ist Christiane Weber dort schon ein aufgehender Stern. Bei ihrer ersten deutschen Meisterschaft, mit zwölf, wird sie auf Anhieb Dritte. Die Trainingsmöglichkeiten im Saarland sind aber trotz des großen Engagements der Übungsleiter im gesamten Verband schnell ausgereizt. Dass sie sich dennoch weiterentwickelt, schreibt Weber ihrem Vater Friedrich zu: "Er hat mich zu allen möglichen Turnieren gefahren, nach Koblenz, Luxemburg, Frankreich. So habe ich Neues gelernt, in den Duellen mit den Besten in meiner Altersklasse, und so ist letztlich auch der Deutsche Fechterbund auf mich aufmerksam geworden."

Ein Angebot, ans Fechtinternat nach Bonn zu wechseln, lehnt Christiane Weber ab ("Ich wollte nicht weg von Zuhause"), und den großen Stützpunkt in Tauberbischofsheim mochte sie, die Außenseiterin aus dem Saarland, sowieso nicht. "Das begann bei einer deutschen Schüler-Meisterschaft in Saarbrücken. Ich hatte gegen ein Tauber-Mädchen gekämpft, und eine ganze Meute von Leuten hatte versucht, Einfluss auf den Obmann zu nehmen. Ich hatte das Gefühl, nicht gegen eine, sondern gegen ganz viele zu kämpfen. Von da an war mein Ziel für die Zukunft klar: Ich wollte besser werden als die Tauber-Mädchen."

Das gelingt ihr. Mit 16 ist sie erstmals bei einer Jugend-WM. Und plötzlich auf sich allein gestellt. Zu Titelkämpfen im Ausland reist sie allein, egal ob Turin, Como, Paris oder Minsk. Ohne Betreuer des Verbandes. "Mein Vater hat mich da schon eindringlich vorbereitet. Als ich das erste Mal mit dem Zug zum Flughafen nach Frankfurt gefahren bin, war plötzlich in der Pfalz Schluss. Ich hatte nicht mal 20 Pfennig, um Zuhause anzurufen. Aber ich habe das hingekriegt, bin zum Flughafen gekommen und habe auch das Gate gefunden", sagt sie heute und lacht. Es sind Momente, die sie prägen. Sie geht ihren Weg, lässt sich von nichts abbringen.

Christiane Weber wird besser und besser - unterstützt von Bruder Henner, der sie bei Turnieren betreut. "Ohne ihn und meinen Vater hätte ich es nie so weit geschafft." Und nicht ohne ihr Talent. In kürzester Zeit setzt sie um, wofür andere ein halbes Jahr trainieren. Das zumindest sagt Cornelia Hanisch über sie. Eine nationale Konkurrentin, die zu einer guten Freundin wird. Nach dem Abitur wechselt Weber nach Offenbach, zu Hanisch, zu Trainer Horst Christian Tell, "weil er bereit war, sich auf mich einzulassen. Auf Massenabfertigung wie in Tauberbischofsheim hatte ich keine Lust".

Weber mischt fortan in der deutschen Spitze mit - mit vier Mal Training in der Woche. Immerhin doppelt so viel wie zu ihrer Jugendzeit, aber weniger als alle ihre Konkurrenten. "Ich konnte einfach nicht so hart trainieren. Die Olympia-Vorbereitung war der Horror, das hat mich mürbe gemacht. Ich musste vor den Wettkämpfen erstmal eine Woche pausieren, um nochmal richtig zu brennen."

Ihre beiden Goldmedaillen , sagt sie heute, waren auch Glück. Und das Produkt zweier grundverschiedener Spiele. 1984 in Los Angeles, "da bin ich in die Gruppe reingewachsen. Es war klar, dass es in dieser Besetzung unsere letzte Chance auf einen Titel war. Das war einer für alle und alle für einen", sagt Weber. Sie holt Gold , gemeinsam mit Hanisch, Sabine Bischoff, Zita Funkenhauser und Ute Kircheis-Wessel - und ihrem Bruder Henner im Publikum. "Er war auf eigene Kosten nach LA geflogen. Als armer Student. Ich habe Essen aus dem Olympischen Dorf rausgeschmuggelt, weil er sich nur von Erdnüssen ernährt hat. In der Halle war ich in einem Tunnel, ich habe nichts um mich herum wahrgenommen, aber meinen Bruder habe ich gehört, obwohl ich nicht mal wusste, wo er sitzt. Ich habe ihm sehr viel zu verdanken", sagt Weber, die Henner später auch die Medaille von Los Angeles schenkt.

1988 in Seoul ist es anders. Weber ist der Oldie - in einem Team, das eigentlich keines ist ("die waren sich alle nicht grün"). Anja Fichtel , Sabine Bau und Zita Funkenhauser haben eher ihre eigene Leistung im Blick, holen im Einzel auch Gold , Silber und Bronze. Aber Weber führt sie und Annette Klug zu Gold im Teamwettbewerb. Sie verliert im gesamten Turnier nur einen einzigen Kampf, "und den durch eine klare Fehlentscheidung".

1990 hört Christiane Weber auf. Als zweifache Olympiasiegerin, mehrfache Medaillengewinnerin bei Weltmeisterschaften, als Gesamtweltcup-Siegerin. Aber ohne Abschiedsturnier. Ohne eine öffentliche Bühne, "ich bin sang- und klanglos verschwunden", sagt sie und findet das nicht schlimm: "Man spürt, wenn es vorbei ist, und es war vorbei." Und mit dem ersten Tag ihres praktischen Jahres im Krankenhaus löst der Beruf den Sport ab. Ihr Medizinstudium hat sie vorher immer vorangetrieben, weil sie wusste, dass sie nach dem Sport ein neues Leben führen würde. "Aber zwei Sachen gleichzeitig - das war nicht mein Ding", sagt sie. Wegen des Sports rasselt sie auch durchs Physikum, riskiert ihr Studium, ehe sie sich 1985 eine Auszeit vom Sport nimmt und vor den Sommerspielen 1988 ein Urlaubssemester. In ihrem Beruf geht sie seit 1990 auf, Weber mag den Kontakt zum Patienten. Heute ist sie Fachärztin für Chirurgie in einem Krankenhaus in Langenfeld.

In ihrer Prioritätenliste liegt der Beruf heute aber nicht mehr vorne. Sondern ihre Kinder, Lukas und Hanna Bellmann. "Das Größte und Schönste in meinem Leben sind sie, nicht mein Erfolg", sagt Weber. Der 21-jährige Lukas tritt sogar in die Fußstapfen seiner Mutter, 2015 wurde er Junioren-Weltmeister im Fechten . Die Olympischen Spiele und auch eine Medaille sind sein erklärtes Ziel. "Ich wünsche ihm von Herzen, dass er das erleben kann", sagt die Mutter, die sich aus seinem Sport aber komplett raushält. Das übernimmt ihr Ex-Mann Achim Bellmann. "Das ist eine Vater-Sohn-Geschichte, und das ist okay. Ich sehe mich als Dienstleisterin, die für saubere Wäsche sorgt. Oder mal für einen Fahrdienst", sagt Weber.

Ihre Kinder und ihr Hund Arwen (Filmname aus "Herr der Ringe") geben ihr auch die Kraft, vor sechs Jahren den Kampf gegen den Brustkrebs aufzunehmen. "Ich war damals sehr schnell im Kampfmodus, wollte den Krebs fertig machen. Aber letztlich habe ich doch zwei Jahre gebraucht, um wieder Energien zu haben, um nicht nur den Alltag zu schaffen". Auch ihre Erfahrung aus dem Sport hilft ihr in dieser Phase mit Chemotherapie, abrasierten Haaren, kraftlosem Zustand. Sich disziplinieren, an ein Ziel glauben, sich auch von Rückschlägen nicht unterkriegen lassen. Und zu seinen Prinzipien stehen. Das zeichnet den Menschen Christiane Weber aus. Einen Menschen, der sich nicht für so wichtig hält, im Mittelpunkt stehen zu müssen. Einen Menschen, der die Öffentlichkeit meidet. Der nicht fotografiert werden will. Obwohl sie eigentlich so aussieht wie früher. Nur eben ein bisschen älter.