| 21:01 Uhr

Fußball-Bundesliga
Ein Tor erhitzt die Gemüter

Werder Bremens Ishak Belfodil (rechts) und Hamburgs Rick van Drongelen rangeln kurz vor der Hamburger Torlinie um den Ball, der schließlich zum 1:0 für Werder im HSV-Netz landet.
Werder Bremens Ishak Belfodil (rechts) und Hamburgs Rick van Drongelen rangeln kurz vor der Hamburger Torlinie um den Ball, der schließlich zum 1:0 für Werder im HSV-Netz landet. FOTO: Carmen Jaspersen / dpa
Bremen. Der Hamburger SV schiebt nach der bitteren Niederlage im 108. Nordderby schweren Frust. Die Situation im Kampf um den Klassenverbleib wird für den Bundesliga-Dino immer auswegloser, Werder Bremen hat schon neun Punkte mehr.

Heribert Bruchhagen war außer sich. Der Vorstandsboss des Hamburger SV fuchtelte wild mit den Händen und blaffte jedes Wort seiner Videoschiedsrichter-Schelte voller Zorn ins Mikrofon. „Jeder, der mal ein bisschen Fußball gespielt hat, sieht, dass es Abseits war“, schimpfte der 69-Jährige nach der 0:1 (0:0)-Niederlage in einem schwachen 108. Nordderby bei Werder Bremen. Und fügte geladen an: „Was sind das da für Leute, die in Köln sitzen?“


Der Wutausbruch des sonst so besonnenen Bundesliga-Urgesteins gab einen tiefen Einblick in das Seelenleben der angeschlagenen HSV-Verantwortlichen. Der aus Hamburger Sicht bittere Schlusspunkt des Derbys wirkte schon wie der finale Stoß Richtung 2. Liga. Sieben Punkte beträgt der Rückstand auf den Relegationsplatz, den der nächste Gegner Mainz 05 besetzt. Vor der Partie am Samstag könnten die Rothosen wie in den vergangenen Jahren ein Kurztrainingslager beziehen. „Wir werden unsere Restchancen in Angriff nehmen und werden sie nutzen“, sagte Bruchhagen kämpferisch.

Auch am Tag danach nagte der Frust noch am erfahrenen Funktionär. Bruchhagen entschuldigte sich zwar für seine „absolut überzogene“ Wortwahl, blieb aber bei seiner Einschätzung der entscheidenden Szene. Vor dem Eigentor des HSV-Verteidigers Rick van Drongelen (86.) hatten die Gäste eine Abseitsposition von Werder-Angreifer Ishak Belfodil erkannt, die auch mit Hilfe der TV-Bilder nicht zweifelsfrei belegt werden konnte. Hamburgs noch immer siegloser Trainer Bernd Hollerbach bemängelte zudem ein Foulspiel. Doch Schiedsrichter Felix Zwayer gab den Treffer, und auch der Videoassistent in Köln sah keinen Grund zur Korrektur. „2. Liga, Hamburg ist dabei“, dröhnte es anschließend voller Hohn aus dem Werder-Block.

Und alles deutet derzeit darauf hin, dass es tatsächlich erstmals so kommt. „Die Niederlage ist scheiße. Aber wir sind der HSV, und wir haben es noch immer geschafft“, meinte Ex-Nationalspieler Andre Hahn zwar nach der 15. Liga-Pleite der Saison. Aber es fehlt in einer fragwürdig zusammengestellten Mannschaft weiter an einem System für die Offensive und damit an jeglicher Torgefahr. Die Fans schwanken zwischen Resignation und wütendem Frust. Anders ist das Verhalten einiger Personen im HSV-Block nicht zu erklären. Während des Spiels fackelten sie massiv Pyrotechnik ab, mehrfach musste Zwayer unterbrechen. Eine Woche nach dem Drohplakat gegen die eigenen Profis war es der nächste Fehltritt, der nicht nur Bruchhagen auf die Palme brachte. „Das sind Fußball-Zerstörer“, wetterte er.

Während beim HSV auf allen Ebenen der Frust regierte, feierten die Bremer völlig losgelöst. „Ein Derbysieg ist etwas ganz Besonderes“, sagte Trainer Florian Kohfeldt nach seinem ersten Rendezvous mit dem HSV. Max Kruse räumte den dürftigen spielerischen Vortrag ein, betonte aber, dass in dem Duell mit dem Erzrivalen „nur drei Punkte zählen – und die bleiben in Bremen“. Auch für die Werderaner bleibt die Situation angesichts von nur zwei Punkten Vorsprung auf Rang 16 angespannt. Ob es in der kommenden Saison zu den Nord-Derbys 109 und 110 kommt, erscheint höchst fraglich.