| 20:42 Uhr

Olympische Winterspiele in Südkorea
Ein Spiel für die Ewigkeit

Der deutsche Torhüter Danny aus den Birken (Mitte) hielt gegen Ende des Spiels den deutschen Sensations-Erfolg mit teils grandiosen Paraden fest und ließ Kanadas Angreifer um Derek Roy (rechts) verzweifeln.
Der deutsche Torhüter Danny aus den Birken (Mitte) hielt gegen Ende des Spiels den deutschen Sensations-Erfolg mit teils grandiosen Paraden fest und ließ Kanadas Angreifer um Derek Roy (rechts) verzweifeln. FOTO: dpa / Peter Kneffel
Pyeongchang. Der Wahnsinn nimmt kein Ende. Deutschlands Eishockey-Stars besiegen Rekord-Olympiasieger Kanada und stehen sensationell im Finale.

Als das Unglaubliche passiert war, flogen Schläger und Handschuhe durch die Luft. Auf dem Eis vergoss Kapitän Marcel Goc Freudentränen, und auf der Tribüne sangen deutsche Olympiasieger: „Finale, oho!“ Nach einem Spiel für die Ewigkeit kämpfen die Eishockey-Nationalspieler in Pyeongchang sensationell um Gold. „Das setzt dem Ganzen die Krone auf“, sagte DOSB-Präsident Alfons Hörmann nach dem historischen 4:3 (1:0, 3:1, 0:2) gegen Rekord-Olympiasieger Kanada.


Als der wilde Jubel sich gelegt hatte, versuchten die Eis-Helden zu verstehen, was sie gerade geleistet hatten. „Jeder redet immer noch von 1976, von der Mannschaft, die damals Bronze gewonnen hat“, sagte Abwehrspieler Christian Ehrhoff: „Für die nächsten 50 Jahre wird jeder von diesem Team reden.“ Schon vor dem Endspiel an diesem Sonntag (5.10 MEZ) gegen den Rekordweltmeister Russland ist der größte Erfolg in der deutschen Eishockey-Geschichte perfekt: Die DEB-Auswahl hat Silber sicher – und damit mehr erreicht als die Bronze-Gewinner von 1932 und 1976. „Das nehme ich mit ins Grab“, sagte Stürmer Marcel Noebels. DEL-Rekordtorjäger Patrick Reimer wunderte sich: „Irgendwas Verrücktes passiert hier.“ In den ersten Olympia-Tagen hatten die Eishockeyspieler noch Laura Dahlmeier im Biathlon und Andreas Wellinger im Skispringen zu Gold geschrien, jetzt brüllten Olympiasieger wie der Kombinierer Johannes Rydzek oder die Rodler Tobias Wendl und Tobias Arlt sie zum Sieg.

Mit viel Leidenschaft, aber auch herrlich herausgespielten Toren und einer Abwehrschlacht in den letzten zehn Minuten bezwang zum allerersten Mal bei Winterspielen eine deutsche Mannschaft das Eishockey-Mutterland Kanada. DEL-Toptorjäger Brooks Macek (16.), Matthias Plachta (24.) und Frank Mauer (27.) schossen eine 3:0-Führung heraus – das Kabinettstückchen von Mauer beim dritten Treffer war eine Augenweide, als er mit dem Schläger zwischen den Beinen den Puck ins Tor lenkte.



Nach Gilbert Brules Anschlusstreffer (29.) bei deutscher Unterzahl schlug Patrick Hager (33.) zurück. Brule musste kurz darauf (33.) nach einem brutalen Check gegen David Wolf vorzeitig in die Kabine. Nach dem Gegentreffer durch Mat Robinson (43.), einem vergebenen Penalty von Dominik Kahun (44.) und einer Strafzeit von Plachta kam Kanada durch Derek Roy auf 4:3 heran (50.). Doch die DEB-Auswahl rettete sich ins Ziel.

Einer hatte es schon vorher gewusst: Routinier Marcus Kink hatte bereits vor dem Abflug nach Südkorea für die Mannschaft eine WhatsApp-Gruppe eingerichtet und sie „Mission Gold“ genannt. „Wir haben uns gesagt: Warum nicht? Warum nicht wir?“, berichtete Ehrhoff. Sein Verteidigerkollege Moritz Müller ergänzte: „Wir waren verrückt genug, es auszusprechen. Vielleicht war es dieser Mut, dieser Größenwahn, der uns hierher geführt hat.“

Noch ist die unglaubliche Erfolgsgeschichte der Mannschaft von Bundestrainer Marco Sturm nicht zu Ende. Zwar ist im Endspiel Rekordweltmeister Russland, der sich im Halbfinale gegen den Erzrivalen Tschechien mit 3:0 durchsetzte, klarer Favorit. Doch die Ausgangslage war gegen Kanada und zuvor gegen Weltmeister Schweden (4:3 nach Verlängerung) nicht anders. „Die anderen Mannschaften biegen uns, aber wir brechen nicht“, meinte Torschütze Hager: „Wir spielen fast wie Maschinen, ein Zahnrad greift ins andere.“

Was sie mit ihren begeisternden Spielen in der Heimat auslösen, haben die Eishockeyhelden längst gemerkt. „Die Handys explodieren“, berichtete Hager. Und Verteidiger Yannic Seidenberg erzählte: „Alle Nachbarn daheim haben sich frei genommen, es ist ein richtiges Eishockeyfieber ausgebrochen.“