Ein offensives Problem tut sich auf

Paris · Die Angriffs-Formation von Bundestrainer Joachim Löw funktioniert nicht wie gewünscht und erhofft. Das torlose Remis gegen Polen offenbarte Schwächen. Am Dienstag gegen Nordirland muss das besser werden.

63 Prozent Ballbesitz, 15 Schüsse Richtung Tor, davon drei auf die Kiste. Die Statistiken geben dem deutschen Spiel gegen die Polen am späten Donnerstagabend im Stade de France in Paris eine gute Note. Das Ergebnis nicht. 0:0 stand es am Ende im zweiten Vorrundenspiel bei der Fußball-EM in Frankreich. Und wieder stand die Frage: Warum tut sich der Weltmeister gegen tiefstehende Mannschaften so schwer?

"Mit der Defensive war ich insgesamt sehr zufrieden", sagte Trainer Joachim Löw nach dem Spiel über seine Elf, die auch im ersten Spiel gegen die Ukraine kein Gegentor kassiert hatte (2:0). Das ist positiv zu vermerken. Die Mannschaft habe auch kaum Konter zugelassen, was ja eine Stärke der Polen sei. "Sie hatten zwar eine Großchance nach der Pause. Aber Manuel Neuer musste keinen einzigen Ball halten", erklärte Löw in den Katakomben.

Tatsächlich brachten die Polen laut Statistik keinen Ball aufs Tor - nur daneben. Dennoch fühlte sich das Spiel der deutschen Weltmeister daneben an. Nicht, dass sie nicht kämpften, es nicht versuchten, aber irgendwie scheint es die Mannschaft in ihrem taktischen Korsett zu zwicken. "Die Präzision hat gefehlt, wir haben schlechte Pässe und nicht mit der letzten Schärfe gespielt", sagte Innenverteidiger Mats Hummels , der bei seinem ersten Einsatz bei der EM nach einem nervösem Beginn eine gute Partie zeigte. "Im letzten Drittel haben wir wenige Lösungen gefunden", meinte Löw. Und Toni Kroos meinte: "Wir haben über die linke Seite oft geflankt, aber nichts draus gemacht."

Damit trifft Kroos in seiner Analyse nahezu des Pudels Kern. Links spielt der Saarländer Jonas Hector. Und der bemühte, aber fahrige Julian Draxler. Vor allem Hector ging weite Wege auf der Seite, war am Ende 11,4 Kilometer gelaufen. So viele wie sonst keiner auf dem Platz. Meist umsonst, zumindest nach vorne. Hatte er mal eine Position zum Flanken, schaute er in die Mitte und sah einen ebenfalls bemühten, aber wieder glücklosen Mario Götze , der 1,76 Meter groß ist. "Hohe Bälle waren nicht gefragt, denn die beiden Innenverteidiger sind stark im Kopfball", meinte Löw: "Wir hätten die Abwehr aufreißen müssen." Mit schnellem Kombinationsspiel, vor allem durch die Mitte.

Aber so war das Spiel der Deutschen nicht angelegt. Meist eröffnete der starke Jérôme Boateng die Angriffe mit einem Diagonalpass von rechts auf links. Auf Hector. Der dann freie Bahn zum Flanken hatte, keinen Abnehmer sah oder fand und so wieder abbrach, nach hinten spielte. Spätestens da standen die Polen wieder mit zehn Mann hinter dem Ball - und verteidigten gut. Das sah letztlich alles sehr uninspiriert aus. Auch, weil die rechte Seite mit Benedikt Höwedes und Thomas Müller offensiv völlig aus dem Spiel war. Auch, weil Spielmacher Mesut Özil in der Mitte zwar gut gegen den Ball arbeitete, aber im Spiel nach vorne phlegmatisch wirkte. Dazu kamen viele Ballverluste, die das Spiel zermürbten. Vor allem von Müller und Özil.

"Beide haben überragende Qualitäten", meinte Löw: "Beide haben viel Laufarbeit geleistet, sind aber vielleicht etwas glücklos gewesen. Das wird sich ändern." Muss sich ändern. Das Spiel im letzten Drittel des Platzes muss schneller und präziser werden. "Sonst kommen wir bei diesem Turnier nicht weit", wie Boateng sichtlich genervt erklärte. Es muss mehr Effektivität ins Spiel, mehr Torgeilheit.

Deutschland hat nun vier Punkte, genau wie Polen, und führt die Gruppe C damit an. Durch den Turniermodus mit der Chance für vier Gruppendritte könnte Deutschland - je nach Ergebnissen aus anderen Spielen - in den nächsten Tagen quasi am Fernsehen in die K.o.-Runde einziehen. Dennoch: Am Dienstag kommt es um 18 Uhr im Pariser Prinzenpark zum abschließenden Gruppen-Duell gegen die Nordiren. Wieder eine Mannschaft, die gut und leidenschaftlich verteidigen wird. Wieder eine Mannschaft, gegen die die Deutschen schnell kombinieren müssen. "Sie werden das machen, was sie am besten können: Verteidigen und auf Konter spielen", meinte Löw. Und damit kommen die Deutschen derzeit gar nicht klar.

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Auf einen Blick Adidas hat offenbar den Poker um den Weltmeister gewonnen. Laut Sport Bild hat der Deutsche Fußball-Bund (DFB) den 2018 auslaufenden Vertrag mit den Sportartikel-Hersteller aus Herzogenaurach bis 2022 verlängert. Auch der US-Hersteller Nike hatte Interesse an einem Engagement. "Es gibt in der Ausrüsterfrage bisher weder einen Präsidiumsbeschluss noch einen Vertragsabschluss", sagte DFB-Mediendirektor Ralf Köttker. Das Vertragsvolumen soll von 25 Millionen Euro pro Jahr auf 65 bis 70 Millionen anwachsen. Bekanntgegeben werden soll der Deal am Montag. sid

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