Ein neuer Star – oder ein One-Hit-Wonder?

Ein neuer Star – oder ein One-Hit-Wonder?

Die Tennis-Welt huldigt dem Schweizer Stanislas Wawrinka nach seinem Triumph in Melbourne. Nun stellt sich die Frage: Ist die Vorherrschaft der „Fantastischen Vier“ beendet oder bleibt Wawrinka ein One-Hit-Wonder?

Mittendrin in seinem Medien-Marathon klingelte das Telefon von Stan Wawrinka. Am anderen Ende der Leitung: Roger Federer. Der Maestro aus der Schweiz gratulierte seinem Landsmann zum größten Erfolg seiner bisherigen Karriere, dem Titel bei den Australian Open in Melbourne. Mit seinem ersten Grand-Slam-Triumph trat Wawrinka endgültig aus Federers langem Schatten - mit 28 Jahren ist er die neue Nummer drei der Welt und die Nummer eins der Schweiz. Er ist angekommen im illustren Kreis der Champions.

Die Tennis-Welt überschüttete Wawrinka nach dem Finalsieg gegen den angeschlagenen Rafael Nadal (6:3, 6:2, 3:6, 6:3) mit Lob. Aus dem fernen Las Vegas stellte unter anderem Steffi Graf fest: "Er ist der erste Spieler, der Novak (Djokovic, d. Red.) und Rafa in einem Grand-Slam-Turnier geschlagen hat." Wawrinka konnte es nach seinem Coup selbst kaum fassen. "Vor dem heutigen Abend habe ich immer gesagt: Gegen Roger, Rafa und Novak verlierst du eh immer. Jede Woche", sagte Wawrinka, der bis zum denkwürdigen Endspiel von Melbourne in zwölf Matches nicht einmal einen Satz gegen Nadal gewonnen hatte. Gegen Djokovic verlor er bis zum Viertelfinale 14 Spiele in Serie, gegen Federer gewann er nur einmal in 14 Aufeinandertreffen. Gestern stellte er den Auszug aus der Weltrangliste, die ihn als neue Nummer drei ausweist, bei Twitter rein mit dem Hinweis "Just checking" - ich wollte nur noch mal sichergehen.

"Ever tried. Ever failed. No matter. Try Again. Fail again. Fail better", die Worte des irischen Schriftstellers Samuel Beckett seien ihm lange im Kopf herumgeschwirrt, sagte Wawrinka. Lange bevor er sich das Zitat im vergangenen Jahr auf den linken Unterarm hatte tätowieren lassen. Frei übersetzt heißt es: Lass dich nicht entmutigen, egal, wie oft du scheiterst. "So sehe ich das Leben, vor allem das Leben auf der Tennis-Tour", sagte Wawrinka.

Diesmal ist er nicht gescheitert - und erhebt sich damit aus der Masse der soliden Top-Ten-Spieler, die aufgrund der erdrückenden Überlegenheit der "Fantastischen Vier", zu denen neben Nadal, Djokovic und Federer auch Wimbledonsieger Andy Murray zählt, niemals von einem Grand-Slam-Titel zu träumen gewagt haben. Seit 2005 hatte nur der Argentinier Juan Martin del Potro bei den US Open 2009 die Phalanx der Ausnahme-Athleten sprengen können. Und nun eben der Schweizer Wawrinka.

Die Art und Weise, wie Wawrinka alle Hürden aus dem Weg geräumt und schließlich auch die Nervenprobe gegen Nadal gewonnen hat, macht Mut, dass er mehr ist, als ein "One-Hit-Wonder", einer, der nur einmal auftrumpft. Helfen wird ihm dabei Ex-Profi Magnus Norman. Einige Altmeister galten vor dem Turnier als Anwärter auf den Grand-Slam-Trainer-Titel. Boris Becker mit Titelverteidiger Djokovic, Stefan Edberg mit Rekordmann Federer oder Ivan Lendl mit Olympiasieger Murray standen im Fokus. Schließlich triumphierte jedoch die Kombination Norman und Wawrinka. Der Schwede hatte 2000 bei den French Open selbst ein Finale verloren. Eine wertvolle Erfahrung, von der Wawrinka nun ganz offensichtlich profitierte.

stanwawrinka.com