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Handball: Ein Neuanfang mit offensiven Zielen

Handball : Ein Neuanfang mit offensiven Zielen

Der Völklinger Handball-Profi Yves Kunkel will beim SC DHfK Leipzig durchstarten – und in die deutsche Nationalmannschaft.

Den Umzug nach Leipzig hat er vor einer Woche über die Bühne gebracht. Bis morgen ist Yves Kunkel noch auf Heimatbesuch in Vöklingen, dann für zehn Tage mit Freundin Lina auf den Malediven. Erholen, abschalten, Kraft tanken – bevor der vielleicht wichtigste Abschnitt seiner Handball-Karriere beginnt. Am 10. Juli stehen die ersten Leistungstests an, am 13. Juli das erste Hallentraining bei seinem neuen Verein, dem Bundesligisten SC DHfK Leipzig.

Kunkel geht in seine fünfte Saison in der stärksten Liga der Welt. Nach zwei Spielzeiten mit GWD Minden und zweien mit HBW Balingen-Weilstetten zieht es ihn nach Sachsen zu einem aufstrebenden Club, der sich der deutschen Spitze Schritt für Schritt nähern will. Das passt ganz gut zu dem 23-jährigen Saarländer, der nach dem zweiten Abstieg, den er gerade miterlebt hat, einen entscheidenden Schritt nach vorne kommen will. Mit seiner Mannschaft, auch für sich selbst. „Der Abschluss in Balingen“, sagt Kunkel beim Besuch in der SZ-Sportredaktion, „der war sehr enttäuschend. Es war zwar schon im Oktober klar, dass ich den Verein verlassen würde, ich hatte extra früh Bescheid gegeben, aber ich hatte nie den Gedanken, von einem sinkenden Schiff zu springen.“

Der Abstiegskampf schlug auf die Stimmung, die im Umfeld „immer angespannt“ gewesen sei. Trotzdem und trotz nicht immer einfacher Konkurrenz-Situationen auf seiner Linksaußen-Position entwickelte sich Kunkel in Balingen zu einem der besten Torjäger der Liga. Mit 171 Treffern lag er zum Abschluss der Runde auf Rang sieben der Torschützenliste. „Es lief ganz ordentlich“, sagt Kunkel.

Der Völklinger ist ein ruhiger, ein zurückhaltender Zeitgenosse, kein Selbstdarsteller oder Lautsprecher. Umso erstaunlicher ist es, wie offensiv er über seine Ziele spricht. „Ich will in Leipzig weitermachen, wo ich in Balingen aufgehört habe. Und dann wird der Bundestrainer nicht drumherum kommen, mich zu nominieren“, sagt Kunkel. Die A-Nationalmannschaft bestimmt seine Gedanken, sein Tun. Nicht jeden Tag. Aber sie motiviert. Immer und immer wieder. „Ein Handballer ist zwischen 27 und 29 Jahren auf seinem Höhepunkt. Wenn es bis dahin nicht funktioniert hat, dann soll es eben nicht sein. Aber ich bin sehr zuversichtlich“, sagt Kunkel.

Er will alles erleben, internationale Meisterschaften, vor allem die Olympischen Spiele. Tokio 2020 – „das ist in meinem Kopf“, sagt er und erinnert sich an Gespräche mit seinem früheren Teamkollegen in Balingen, Nationalspieler Martin Strobel, der ihm von Olympia berichtete: „Das war schon vom Erzählen einfach nur geil.“

Ein Länderspiel hat Kunkel bereits bestritten, vor ziemlich genau zwei Jahren, am 14. Juni 2015. Der damalige Bundestrainer Dagur Sigurdsson hatte zum Abschluss der EM-Qualifikation gegen Österreich ein paar Stammkräfte geschont und Kunkel nachnominiert. Erstmals seit 21 Jahren hatte das Saarland wieder einen Handball-Nationalspieler. 1994 hatte der Niederwürzbacher Jürgen Hartz sein letztes von 58 Länderspielen bestritten.

Doch der Anfang war bereits das Ende – zumindest bis jetzt. Kunkel war danach außen vor. „Vielleicht habe ich im falschen Verein gespielt. In Kiel steht man eher im Blickfeld“, sagt er, ohne seine Entscheidungen etwa für Balingen zu bereuen. Aber die Lage auf Linksaußen in Deutschland ist übersichtlich: Uwe Gensheimer, einst Rhein-Neckar Löwen, heute Paris St. Germain, ist der wohl Beste auf dieser Position weltweit. Er ist der Kapitän der Nationalmannschaft, geschätzt, gesetzt und nicht zu verdrängen. Dahinter buhlt eine Reihe von Spielern um Nominierungen: Michael Allendorf, Rune Dahmke, Matthias Musche, auch Kunkel.

Vor der EM im Januar 2016 fielen erst Gensheimer, dann Allendorf verletzt aus. Sigurdsson nahm nur einen Linksaußen mit nach Polen: den Kieler Dahmke. Ihn hatte er zuvor in den erweiterten 28er Kader berufen, Kunkel nicht. Die Nationalmannschaft startet durch, wird sensationell Europameister, sorgt wieder für Handball-Euphorie in Deutschland. Wie beim WM-Titel 2007 im eigenen Land, dem Wintermärchen. Dahmke hat seither den Fuß in der Tür, profitiert von internationalen Einsätzen auch in der Champions League. In der Bundesliga hat er in der abgelaufenen Runde aber nur etwas mehr als ein Drittel an Toren erzielt wie Kunkel (63 zu 171). „Ja“, sagt Kunkel heute, „ich hatte mich damals schon richtig geärgert, nicht im erweiterten Kader gewesen zu sein.“

Mit seinem neuen Verein will Kunkel jetzt ins Blickfeld des Bundestrainers rücken, und das dürfte gar nicht schwer werden. Denn der heißt nicht mehr Dagur Sigurdsson, sondern Christian Prokop, der gerade erst vom SC DHfK Leipzig zum Deutschen Handball-Bund gewechselt ist. Er hatte mit Kunkel etliche Gespräche geführt, ihn vom Wechsel überzeugt. „Er wollte mich haben, also dürfte er als Bundestrainer sicher kein Nachteil für mich sein“, sagt Kunkel. Mit Prokops Aufstieg hatte der Saarländer „nicht gerechnet“, weil dem 38-Jährigen als Trainer ein Stück weit Erfahrung fehle. „Aber seine Arbeit in Leipzig spricht für sich“, sagt Kunkel, der den neuen Trainer beim SC DHfK als „echt gute Wahl“ bezeichnet. Michael Biegler (56), aktuell Trainer der deutschen Frauen-Nationalmannschaft, hatte zuvor die polnische Nationalmannschaft in die Weltspitze geführt. Dort will Kunkel auch hin – mit Bieglers und Prokops Hilfe.

Es scheint, als würde die Karriere des Saarländers so geradlinig weiterlaufen wie bisher. Ein außergewöhnliches Talent war Kunkel schon immer. Er hat in Fürstenhausen Fußball gespielt, in Fürstenhausen gerungen, beim TV Ludweiler Leichtathletik betrieben. Den Saarland-Rekord im Schlagballweitwurf (84 Meter) hält er immer noch. Ab der fünften Klasse besucht er das Gymnasium am Rotenbühl, wird zum Anführer einer neuen Handball-Generation mit seinem noch heute besten Freund Peter Walz oder Peter Resch. Mit der HSG Völk­lingen spielt er um die deutsche Jugend-Meisterschaft, scheitert erst im Halbfinale am SC Magdeburg – und entscheidet sich nach einem kurzen Gastspiel bei der HG Saarlouis (per Zweitspielrecht) für ein Leben als Handball-Profi. Immer ermutigt, gestützt von der Familie, vor allem von Vater Uwe, der heute noch Vereins-Chef der HSG Völk­lingen ist und ihn lange trainierte. „Ihm hab ich sehr, sehr viel zu verdanken. Wir reden fast täglich über Handball“, sagt Kunkel: „Und bisher ist, bis auf die Abstiege mit Minden und Balingen, alles nach Plan gelaufen. In der Bundesliga klappt es auch ganz gut. Jetzt fehlt nur noch die Nationalmannschaft.“