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Rudern: Ein Erfolgsgarant steht vor dem Aus

Rudern : Ein Erfolgsgarant steht vor dem Aus

Der Bundesstützpunkt der Ruderer in Saarbrücken hat wohl keine Zukunft – trotz millionenschwerer Investitionen in der Undine.

Es gibt wenige Orte in Saarbrücken, die so beschaulich sind wie das Bootshaus der Rudergesellschaft Undine. Es liegt in der Bismarckstraße an einem Altarm der Saar. Selbst die Stadtautobahn klingt hier wie Meeresrauschen. Der gepflegte Bau ist auch eine der ersten Adressen im Saarsport, ein Bundesstützpunkt im Rudern, dekoriert mit etlichen Medaillen. Doch diesen Standort umgibt eine bedrohliche Ruhe. Bald könnte sein Ende besiegelt sein.

Wenige hundert Meter flussabwärts befindet sich das saarländische Innenministerium. Hier macht Minister Klaus Bouillon (CDU) in diesen Tagen große Sportpolitik. Der 69-Jährige sitzt bis 2018 der Sportminister-Konferenz aller Bundesländer vor. Das heißt: Bouillon verhandelt die 2016 angekündigte Leistungssportreform auf höchster Ebene mit. Ohne das Saarland aus dem Blick zu verlieren.

Die Reform soll die Antwort auf das Olympia-Debakel von Rio de Janeiro sein. Bisher wirft sie viele Fragen auf. Auch nach der Anzahl der Bundesstützpunkte, die drastisch sinken dürfte. Das betrifft auch den Deutschen Ruderverband (DRV). Und den Stützpunkt in Saarbrücken. Über dessen Zukunft äußerte sich Minister Bouillon gegenüber der SZ nicht allzu optimistisch.

Hans-Jürgen Förster las das in der Zeitung. Danach besuchte der Stützpunkt-Leiter die Internetseite des Deutschen Olympischen Sportbundes. Dort steht: Die bestehenden Stützpunkte sind bis Ende 2018 sicher. Was danach geschieht? Das weiß Förster nicht. „Über die ganze Geschichte kann man sich täglich nur wundern“, sagt der Sportfunktionär und langjährige Erfolgstrainer: „Vom DRV hört man gar nichts.“ Irgendwann müsse der Verband doch Konzepte auf den Tisch legen.

Im Frühjahr waren DRV-Sportdirektor Mario Woldt und Cheftrainer Marcus Schwarzrock zu Gesprächen in Saarbrücken. Man sei damals einer Meinung gewesen: Der Stützpunkt könne allein nicht weiterbestehen. „Das war auch uns klar, nachdem etliche Sportler und auch der Bundestrainer weg waren“, sagt Förster. Sein Vorschlag: eine länderübergreifende Einrichtung, mit Trainingsrevieren in Saarbrücken und Mainz. Die Rettung?

2013 verlor Saarbrücken seine olympischen Bootsklassen, zuerst den Leichtgewichts-Vierer der Männer, später den Zweier der Frauen. Bundestrainer Uwe Bender verließ Anfang 2015 das Saarland. In dieser Zeit flossen 1,8 Millionen Euro in die Modernisierung der Anlagen in der Bismarckstraße. Doch: Plötzlich fehlten die Athleten.

Kaum eine Sportart im Saarland gilt als so erfolgreich wie Rudern. 1991 stieg Saarbrücken zum Bundesstützpunkt auf. Hier formte der damalige Trainer Wolfgang Schell nach der Wiedervereinigung den Frauen-Achter, später „Saardine“ getauft. Das Boot gewann Bronze bei Olympia in Barcelona, zwei Mal die WM. Auch in anderen Disziplinen glänzte die hiesige Trainingsgruppe: 2009 holten die Zwillinge Martin und Jochen Kühner mit den Brüdern Matthias und Jost Schömann-Finck im Leichtgewichts-Vierer ohne Steuermann WM-Gold. Ungezählte Medaillen im internationalen Wettbewerb, Erfolge bei Olympia – das waren die Argumente für die Undine.

„Saarbrücken war 2012 noch ein sehr, sehr guter, exklusiver Ruder-Stützpunkt“, sagt Anja Noske. Die Sportlerin trainiert seit elf Jahren in Saarbrücken. Sie hat die besseren Tage miterlebt. Manch Spitzenathlet beendete seine Karriere, andere zogen fort. Irgendwann bestand der Stützpunkt nur noch aus Noske. „Ich war zwei Jahre lang nahezu komplett allein“, erklärt die Olympia-Teilnehmerin. Mittlerweile gehört die 31-Jährige zum B-Kader des DRV. Mit Kathrin Morbe hat sie nun ein Talent an ihrer Seite.

Geht es um die Zukunft ihrer sportlichen Heimat, findet Noske deutliche Worte: „Die Tendenz, dass der Saarbrücker Stützpunkt dem DRV nicht wichtig ist, die ist schon lange sichtbar.“ Sie sei wütend und enttäuscht über die Kommunikation des Verbandes. Auch fachlich stellt sie den Verantwortlichen kein gutes Zeugnis aus: „Wenn dort wirklich versierte Leute am Hebel sitzen würden, würden die sehen, was für eine Infrastruktur in Saarbrücken vorherrscht.“

Kritik am DRV kommt nicht nur aus Saarbrücken. Im März schmiedeten elf Rudervereine eine „Allianz“ gegen ihren Spitzenverband. Sie veröffentlichten eine „Frank­furter Erklärung“. Offenbar fühlen sich viele Clubs in die Reformpläne des DRV nicht eingebunden. Die Protestbewegung fand schnell Zulauf. Ihr gehörten zwischenzeitlich 65 Vereine an. Aus dem Saarland ist niemand dabei.

Steht Saarbrücken nun vor dem Aus, weil der DRV auf andere Standorte setzt? Oder fehlte es jenseits des Sports an Anziehungskraft, sodass der Spitzenverband reagieren musste? Ruderer mögen Spitzenathleten sein. Profis sind sie nicht. Das betont Tobias Franzmann, der auch aus beruflichen Gründen wegging. Der Saarbrücker nahm 2016 an Olympia in Rio teil – mit dem leichten Vierer, der früheren Domäne im Saarland. 2013 verlegte der DRV diese Bootsklasse nach Hamburg-Ratzeburg, in die Nähe einer Großstadt. Mittlerweile hat das Internationale Olympische Komitee sie aus dem Programm für die nächsten Spiele in Tokio gestrichen. Franzmann hat seine Karriere still beendet. Er studiert BWL in Hamburg, arbeitet nebenbei für einen Kaffeehändler.

Der 26-Jährige ist ein Fürsprecher seiner alten Heimat. „Saarbrücken ist ein sehr guter Stützpunkt, mit der Modernität der Anlagen kann so mancher große Ruderclub in Deutschland und so mancher Bundesstützpunkt nicht mithalten“, sagt Franzmann. Die Möglichkeiten seien da, aber die Leute nicht. Franzmann führt das auf das Studienangebot und die Berufschancen in der Region zurück.

 Anja Noske ist praktisch eine Alleinunterhalterin in Saarbrücken.
Anja Noske ist praktisch eine Alleinunterhalterin in Saarbrücken. Foto: Thomas Wieck
 Tobias Franzmann hat seine Ruder-Karriere still beendet.
Tobias Franzmann hat seine Ruder-Karriere still beendet. Foto: picture alliance / Jan Haas/dpa Picture-Alliance/Jan Haas

„Die gesamten Sportmöglichkeiten sind gut in Saarbrücken“, sagt auch Mario Woldt vom DRV. Doch zwei Kader-Athleten seien keine Grundlage für einen Bundesstützpunkt. Woldt erklärt: „Wir können keinen zusätzlichen Bereich dort ansiedeln.“ Das sei wiederholt versucht worden, habe aber keine Früchte getragen. Der Sportdirektor sagt deutlich: „Erfolgreiche Sportler haben aufgehört, neue kommen perspektivisch nicht nach Saarbrücken, wenn es dort keine olympische Perspektive gibt.“ Einem länderübergreifenden Bundesstützpunkt will Woldt keine Absage erteilen. Doch er hält dies für schwer realisierbar. Auch wenn die konkrete Umsetzung der Leistungsreform noch offen ist. Was Woldt sagt, klingt nicht nach einer Zukunft für den Bundesstützpunkt an der Saar.