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Ein Champion der Herzen

Ein Champion der Herzen

New York. Am Boden war er nur einmal an diesem Endspiel-Montag. Doch da war auch schon alles vorbei für Roger Federer, den alten und neuen "König von New York"

New York. Am Boden war er nur einmal an diesem Endspiel-Montag. Doch da war auch schon alles vorbei für Roger Federer, den alten und neuen "König von New York". Nichts hielt den Giganten noch auf den Beinen, als ihn die Erleichterung und die Emotionen übermannten, als er nach einem Tennisjahr mit vielen kleineren und größeren Krisen endlich wieder einen Grand-Slam-Titel eingesackt hatte. "Es war ein unwiderstehliches Gefühl, ein Gefühl wie früher. Das Gefühl, unbesiegbar zu sein", sagte Federer nach seinem souveränen 6:2, 7:5, 6:2-Sieg über den Schotten Murray.

Schwerelos leicht wirkte Federer bei den Überstunden am 15. Turniertag, die ihm einen neuen Eintrag in die Rekordbücher seines Sports einbrachten: Denn als erstem Spieler der modernen Tennis-Ära war es ihm gelungen, fünf Mal hintereinander das komplizierteste und nervenaufreibendste Major-Turnier zu gewinnen, ein Turnier, an dem andere Stars ein Leben lang verzweifelten. Nur der Amerikaner Bill Tilden hatte von 1920 bis 1924 das gleiche Kunststück vollbracht. "Es war eine Lehrstunde für mich da draußen. Gegen den besten Spieler aller Zeiten", sagte Murray später über seinen Schweizer Gegner.

Wie eine Nummer 1 spielte der Mann, der seit kurzem nur noch die Nummer 2 ist, und wie ein Cowboy überwältigte Federer seinen jungen Kollegen - mit scharfen Schüssen aus der Hüfte, mit 44 Netz-Attacken in drei Sätzen, mit einer Aggressivität, die den Schotten regelrecht verängstigte. Und so wie Federer spielte, so redete er auch nach seinem 13. Grand-Slam-Sieg - kompromisslos, gerade heraus: "Eins kann ich versprechen. Bei 13 Titeln wird es nicht bleiben. Ich will den Rekord", sagte er und schickte lächelnd einen Gruß an seinen Freund Pete Sampras, den Spitzenreiter mit 14 Titeln.

Fünf Titel in Serie. Alles wie immer, alles wie gehabt? Von wegen. Denn der Federer, der in New York 2008 gewann, war nicht der Federer der vergangenen Siegerjahre. Es war nicht jener Federer, der in einem Parallel-Universum seine Kreise drehte - und dessen Siege von nüchterner Eleganz geprägt waren. Es war stattdessen ein Federer zu bestaunen, der sich wieder mittendrin im Kampfgetümmel bewegte, der sich seinen Lohn schwer erarbeiten musste. Der zitterte, fluchte, feierte, brüllte. Der seinen Ärger über leichte Fehler herausschrie und in Glücksmomenten strahlte wie ein Kind. "Es war ein ganz besonderes Turnier für mich", sagte der Sieger später, "ein Turnier, bei dem die Gefühle intensiver waren."

Nichts war geblieben von den klinischen Missionen des Maestro, der hier in den letzten vier Jahren als eiskalter Spaß- und Spielverderber gewirkt hatte. Auch weil ihm über die letzten Monate die Aura des Unberührbaren abhanden gekommen war, fiel Federer nichts leicht in diesen 15 US- Open-Tagen. "Es ist eine Ewigkeit her, dass er zwei Wochen so um einen Sieg kämpfen musste", sagte John McEnroe, "aber diese Siege sind dann die schönsten." Den neuen Federer hatten die New Yorker vom ersten Moment an in ihr Herz geschlossen. "Sie sind in sein Lager übergelaufen, weil er ein vertrautes Gesicht ist, weil er nett ist, weil er ein Freund von Tiger Woods ist, weil er ein New-York-Fan ist - und weil er jetzt auch noch Emotionen zeigt", notierte die "New York Post" über den Champion, dem erst recht die Sympathien zuflogen, als er schwer um seine Siege fighten musste.