| 21:16 Uhr

Fußball-WM in Russland
Droht der nächste Nichtangriffspakt?

Saransk. Belgien und England treffen im Duell um den Gruppensieg aufeinander. Oder will niemand siegen?

Der größte Urinstinkt von Leistungssportlern und Profifußballern ist das Streben nach Siegen. Im sportlich eher nebensächlichen Duell zwischen England und Belgien könnte das etwas anders aussehen. Die beiden WM-Mitfavoriten haben mit jeweils sechs Punkten und 8:1 Toren das Achtelfinale erreicht. Das direkte Duell gerät zu einem Wettkampf: Wie schone ich am besten meine wichtigsten Spieler? Und vielleicht sogar: Wie kann ich am besten den Gruppensieg abschenken, ohne dass es besonders auffällt?


England und Belgien stehen vor dem Gruppenfinale heute (20 Uhr/ARD) in Kaliningrad vor einem möglicherweise skurrilen Duell. Der Sieger gewinnt die Gruppe G, aber was ist, wenn das gar keiner will? Zumindest öffentlich dürfen das die Trainer und Verantwortlichen nicht sagen. „Wir wollen jedes Fußballspiel gewinnen“, sagte Englands Trainer Gareth Southgate. Aber vor dem Verweigerungs-0:0 zwischen Frankreich und Dänemark hatten das ja auch beide Teams betont.

Spekulationen, nach denen die qualifizierten Three Lions gegen Belgien verlieren könnten, um schwierigeren Gegnern aus dem Weg zu gehen, wies Southgate daher vehement zurück: „Für unser Land wäre eine solche Einstellung kaum möglich.“ Immerhin: Seinen Superstar Harry Kane, der nach fünf Toren aus zwei Spielen auf die Torschützenkönig-Trophäe schielt, dürfte Southgate bringen. Und damit schon mehr Superstar-Kraft als es Roberto Martínez auf der Gegenseite plant.



„Ich glaube, die Teamperspektive ist das einzige, was zählt. Persönliche Belange zählen überhaupt nicht“, sagte der Spanier. Die England-Legionäre Kevin De Bruyne und Jan Vertonghen können einen Einsatz vergessen, weil sie gelb-vorbelastet sind. Chelseas Flügelstar Eden Hazard freut sich zwar, dürfte aber nach einer Wadenverletzung zuletzt auch geschont werden. Auch Vier-Tore-Mann Romelu Lukaku von Manchester United, der gegen Tunesien einen Schlag auf den Knöchel erlitt, bekommt kein Duell mit den Premier-League-Kollegen. „Er braucht mehr Zeit“, sagte Martínez.

Selbst elf Wechsel schloss der Trainer nicht aus. „Ich finde, jeder sollte die Möglichkeit bekommen, ein Spiel bei der WM zu absolvieren. Niemand hat einen Platz garantiert für dieses Spiel“, sagte der Trainer, der früher unter anderem den FC Everton betreute und den englischen Fußball bestens kennt.

Belgiens Motive sind gut nachvollziehbar. Aus der Partnergruppe H scheint es egal, ob man gegen Kolumbien, Senegal oder Japan im Achtelfinale spielen muss. Und der Gruppenzweite hat neben dem günstigeren Turnierbaum zwei weitere Vorteile: Er hat einen Tag mehr frei bis zum nächsten Spiel und die bessere Reiseroute. Wird Belgien Erster, heißt der Weg bis in ein mögliches Finale Rostow, Kasan und St. Petersburg. Wird Belgien Zweiter, lautet er Moskau, Samara, Moskau. Es ist unschwer zu erraten, was die Roten Teufel mit ihrem Trainingscamp direkt vor den Toren von Moskau bevorzugen.

Durch die besondere Situation mit zwei punkt- und torgleichen Teams entscheidet bei einem Remis sogar die Fairplay-Wertung und danach das Los. Aber absichtlich schinden? Sowas hat auch der raffinierte Martínez nicht im Sinn. „Wir werden uns keine Gelben Karten holen, um Zweiter zu werden. Wir müssen das England-Spiel nutzen, um besser zu werden.“ Eher nebensächlich also, wie das Duell endet.