Drei Spiele, drei Namen, zwei Medaillen

Drei Spiele, drei Namen, zwei Medaillen

In einer Serie trifft sich die SZ-Sportredaktion mit deutschen Medaillengewinnern bei Olym- pischen Spielen, die zugleich eine besondere Beziehung zum Saarland haben. Heute Teil 15 und der letzte der Serie: Ute Schell ( 50).

Bei Ute Schell zuhause in Hanweiler deutet nichts auf eine große sportliche Karriere hin. Keine Bilder, keine Urkunden, keine Medaillen. Nur das Ruder mit den Bundesfarben auf dem Blatt an der Garagenwand in ihrem Garten ist ein ungewöhnlicher Blickfang. Abgegriffen, die Farben nach fast 25 Jahren an manchen Stellen abgesplittert, der hölzerne Schaft bereits verwittert. Es ist das Ruder, mit dem Ute Schell bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona im Achter der Frauen die Bronzemedaille gewonnen hat. "Wir haben es einfach mitgenommen, jeder seines", erzählt die 50-Jährige.

Die Bronzemedaille von Barcelona nimmt sie aus einem Karton, sie ist ebenso abgegriffen. Die Goldmedaille, die Schell vier Jahre zuvor in Seoul im Achter der DDR gewonnen hat - die ist nicht da. "Wahrscheinlich habe ich sie irgendwo gut versteckt", sagt Schell und lacht. Eigentlich sollte sie mit den anderen WM- und EM-Medaillen in dem verstaubten Schuhkarton sein, den sie aus dem Keller geholt hat. "Ganz schön ins Schwitzen" sei sie deshalb gekommen und muss lachen.

Wer zwei Mal bei Olympischen Spielen auf dem Podest steht, einmal im Trikot der DDR, einmal in dem der BRD, der muss sicher massenhaft Geschichten und Anekdoten erzählen können. Schell kann das auch, aber "ich wüsste jetzt gar nicht, was ich noch sagen sollte", findet sie und erinnert an die bereits erschienen Serienteile zu ihren Kolleginnen Annegret Hämsch (geborene Strauch) und Christiane Junker (Harzendorf).

Drei Mal ist Ute Schell bei den Spielen dabei - 1988 in Seoul als Ute Stange, 1992 in Barcelona als Ute Wagner (mittlerweile verheiratet) und 1996 in Atlanta als Ute Schell, nachdem sie ein Jahr zuvor erneut geheiratet hatte. Und zwar den da bereits zurückgetretenen Bundestrainer Wolfgang Schell, mit dem der Achter in Barcelona erfolgreich war. "Dazu muss ich jetzt aber nichts sagen", fragt Schell amüsiert auf der Veranda ihres Hauses und lächelt. "Es hat sich im Leben halt so ergeben, und es wussten ja alle", sagt sie. Heute ist sie immer noch glücklich verheiratet und Mutter von drei Töchtern: Andrea (16), Daniela (15) und Johanna (8).

Als sie etwa so alt war wie ihre älteste Tochter heute, ist Schell nach Leipzig ins Sportinternat gewechselt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie "mit dem Rudern überhaupt nichts am Hut". "In Thüringen sind wir mit der Leichtathletik im Sommer und dem Skilanglauf im Winter aufgewachsen." Erst durch eine Sichtung sollte sich alles ändern. Vermessen nach Arm- und Beinlänge sowie Größe war ihre Sportart quasi vom System vorbestimmt: Rudern .

"Anfangs", sagt sie, sei das alles "ein bisschen lax" gewesen. Noch nicht so streng. Erst mit den Weltmeisterschaften der Junioren "hat sich auch mein Ehrgeiz entwickelt". Und es war klar: Wer keine Leistung erbringt, kann nach Hause gehen. "Aber zurück ins Dorf, einfach so, das wollte ich auch nicht", sagt sie. Die Blicke sagen: Naja, sie hat es halt mal probiert. Deshalb, und weil es mit ihren Ruderpartnern so gut geklappt hätte, waren auch die Strapazen leichter zu ertragen gewesen. Und trotzdem hatte sie viele schöne Zeiten gehabt, "viel gelacht und rumgealbert".

Über manche Dinge - etwa dass die Sportler ihre Pässe vor Auslandsreisen abgeben mussten - wurde gar nicht gesprochen. Sie erinnert sich an eine Regatta in Mannheim mit dem Vierer. "Ins Shuttle, zurück zum Hotel, haben nur wir Ruderinnen gepasst", erzählt sie: "Also haben wir unseren Fahrer gefragt, ob wir einen Abstecher nach Heidelberg machen könnten. Das haben die Funktionäre damals nicht mitgekriegt, sonst hätte es bestimmt Ärger gegeben. Aber wir hatten ja nicht die Absicht wegzubleiben. Wir wollten nur mal was sehen."

Anekdoten wie diese erzählt Ute Schell viele. Auch wie sie damals beim Training im Kanal in Leipzig ihr Boot einfach aus dem Wasser genommen und sich in die Wiese gelegt haben. Später, wieder zurück auf dem Wasser , haben sie sich selbst nass gespritzt, dass es wenigstens so aussah, als hätten sie trainiert. Andere zogen sich bei den Läufen um den Kanal auch gerne mal aus und schwammen mit den Klamotten in der Hand durch den Kanal. Um die zehn Kilometer lange Laufstrecke abzukürzen.

Ganz so lustig sei es nicht immer gewesen. "Aber man erinnert sich natürlich nur an die schönen Sachen und verdrängt die schwierigen Situationen", sagt Schell. Ganz oft hatte sie den Punkt erreicht, an dem sie nicht mehr konnte. "Ich weiß nicht, wie viele Tränen ich im Training vergossen habe", sagt sie. Weil sie nicht mehr konnte oder ihre Hände voller Blasen waren, sodass sie nichts mehr anfassen konnte.

Ihre ersten Spiele erlebt sie mit 22 Jahren. "Das war schon beeindruckend. Das ganze Flair. Das war irre", erinnert sie sich. Weil sie im Achter der Frauen zu den Letzten gehörten, die aufs Wasser sind und viele DDR-Kollegen zuvor schon Medaillen gewonnen hatten, ist vor allem das Kribbeln im Gedächtnis geblieben, das sie vor dem Start spürte. "Da willst du nicht der Loser sein, der ohne Medaille heimkommt."

Den Moment, als sie und der DDR-Achter die Goldmedaille sicher hatten, beschreibt sie als "herrlich". Doch für Athleten wie sie, die im damaligen Leistungssportsystem des Ostens groß geworden sind, sei die Olympia-Teilnahme einfach eine Folge der Leistungsentwicklung gewesen, "man steckte da in diesem System drin". Das nächste Ziel sei immer eine WM oder eben Olympia gewesen.

Mit dem Mauerfall ändern sich der Erfolgshunger und die Motivation von Ute Schell nicht, dafür fast alles andere in ihrem Leben. "Ende 1990, Anfang 1991" kommt sie ins Saarland. Eberhard Kamchen, ehemals Trainer in Dresden, ist mittlerweile am Stützpunkt in Saarbrücken und lockt sie hierher, ähnlich wie ihre Achter-Kolleginnen Annegret Hämsch und Christiane Junker. An ihrer damaligen Trainerin in Leipzig, Herta Weisig, habe das nicht gelegen, betont Schell. Sie wohnt anfangs in Riegelsberg - und freut sich, dass alles passt: Athleten, Verein, Umfeld. "Dass wir so unwahrscheinlich herzlich aufgenommen worden sind, hat es schon einfacher gemacht", erinnert sich Schell, zumal eine der größten Umstellungen die Herausforderung war, ihr Leben selbst zu organisieren. Aber insbesondere Lothar Altmeyer, heute Präsident des Saarländischen Leichtathletik-Bundes, damals Laufbahnberater, und Eike Emrich, der damalige Leiter des Olympiastützpunkts, kümmerten sich enorm um sie.

Auch der Einstieg in die Arbeitswelt hätte ihr "unglaublich gut getan", sagt sie heute. Einfach mal was anderes zu machen. "Man hat dann eben das, was man gemacht hat, effektiv gemacht", sagt sie. Das Training auf dem Wasser ebenso wie die Arbeit bei der Union Krankenversicherung, bei der Schell seit 1993 als Sachbearbeiterin tätig ist - bis heute.

Ihr letztes Rennen für die DDR fährt sie bei der WM 1990. Dort hat sie auch ihren Mann Wolfgang Schell zum ersten Mal kennengelernt. Damals war er noch Bundestrainer in Dortmund. Der Bübinger kam im November nach den Olympischen Spielen in Barcelona an den Ruderstützpunkt ins Saarland. Die Spiele 1992 seien schon anders gewesen, weil die Ruderer etwa 100 Kilometer entfernt vom Olympischen Zentrum in Banyolas ihre Wettkämpfe bestritten. "Ohne das Flair, wie ich es 1988 kennengelernt habe", erzählt Ute Schell, "von der Atmosphäre nicht zu vergleichen". Man hätte nach den Wettkämpfen zwar noch ins Olympische Dorf gedurft, Schlafplätze hätten aber nicht alle Athleten gehabt.

Dass sie manches Mal auch mit den Olympischen Spielen hadert, liegt wohl an ihrer letzten Teilnahme 1996. "Aus Atlanta bin ich früher abgereist", erzählt sie: "Ich wollte gar nicht bleiben." Nachdem ihr Mann ein Jahr zuvor sein Amt als Bundestrainer niedergelegt und eine Stelle als Ingenieur angenommen hatte, sei der Wurm drin gewesen im Frauen-Achter. Der neue Trainer, Jörg Landvoigt, kam selbst aus dem Osten und "hätte es wohl gern gehabt, dass es nach dem alten DDR-System funktioniert, dass alles nach dem Sport ausgerichtet wird", erzählt Schell: "Die Sportler konnten das aber gar nicht mitmachen."

Die schlechte Stimmung schlägt sich im Ergebnis nieder - Zweiter im B-Finale oder anders gesagt: Letzter. "Das war nicht das, was wir drauf gehabt haben", sagt Schell. Es war kein schöner Abschied: "Dann habe ich mir einen Flug genommen und bin abgereist." Noch heute klingt sie enttäuscht: "Wenn du schon Gold und Bronze gewonnen hast, willst du nicht ohne Medaille heim." Und mit dem letzten Platz aufhören, das kam für sie eigentlich nicht infrage. "Aber du kannst es eh nicht mehr ändern, und irgendwann hörst du auch auf, dich zu ärgern."

Ute Schell (rechts) 1992 in Barcelona mit ihrer Teamkollegin Annegret Hämsch. Auch Hämsch stammte aus der DDR – und auch sie blieb wie Schell nach der Karriere im Saarland. Foto: Schell/privat. Foto: Schell/privat

Heute, 20 Jahre später, sagt sie, dass es dennoch eine schöne Zeit gewesen sei, "aber irgendwann ist es eben auch vorbei". Mittlerweile beschäftigt sie eher der Beruf und die Familie mit ihren drei Töchtern. Dass die meisten Menschen im Dorf - mal abgesehen von ihrem Stammtisch in Hanweiler - gar nichts von ihren sportlichen Erfolgen wüssten, passt irgendwie zu ihrer bescheidenen Art. "Ich war auch nie der Typ, der damit hausieren gegangen wäre." Selbst wenn sie gefragt wurde, habe sie das nie sagen wollen. Dabei ist die Geschichte der Ute Schell außergewöhnlich: drei Spiele, drei Namen, zwei Medaillen. Manchmal wird sie schon gebeten, ihre Medaillen mitzubringen - macht sie dann auch gerne, wenn sie sie findet. Und für sich hat sie ja immer ihr Ruder zuhause an der Garagenwand.

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