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"Dopingproblem gilt für alle Sportarten"

"Dopingproblem gilt für alle Sportarten"

Herr Dr. Dr. Simon, schauen Sie sich eigentlich die Tour an?Perikles Simon: Ehrlich gesagt nicht. Neben Zeitmangel sehe ich auch außer den Landschaftsbildern keinen Grund, mir die Tour anzuschauen. Ich bin da desillusioniert. Ich habe definitiv nicht das Gefühl, dass da überwiegend saubere Fahrer radeln

Herr Dr. Dr. Simon, schauen Sie sich eigentlich die Tour an?

Perikles Simon: Ehrlich gesagt nicht. Neben Zeitmangel sehe ich auch außer den Landschaftsbildern keinen Grund, mir die Tour anzuschauen. Ich bin da desillusioniert. Ich habe definitiv nicht das Gefühl, dass da überwiegend saubere Fahrer radeln.

Was ist mit den Kontrollen der UCI, der Wada und französischen Anti-Doping-Agentur. Sind die wirkungslos?

Simon: Wirkungslos nicht. Aber prinzipiell kann ein Sportler mit diversen Mitteln und Methoden gedopt zu so einer Veranstaltung gehen, ohne zu befürchten, dass etwas entdeckt wird.

Vor zwei Jahren wurden viele Fahrer positiv getestet. Wie erklären sie sich diese Unterschiede?

Simon: Das stimmt. Aber vor zwei Jahren wurde zum ersten Mal auf Cera getestet (ein EPO-Präparat, Anm. d. Red.). Es ist auffällig, dass immer dann, wenn irgendeine Form der Neuerung in den Tests auftritt, mehr positive Fälle zu verzeichnen sind.

Was muss getan werden, damit es in Zukunft häufiger erfolgreiche Kontrollen geben kann?

Simon: Die Nachweis-Methoden hinken den Doping-Methoden hinterher - hauptsächlich deshalb, weil das Geld an allen Ecken und Enden fehlt. Die Entwicklung neuer Nachweise müsste vermittelt und kontrolliert über unabhängige Gremien wie etwa die Wada gefördert werden.

Angenommen, Sie hätten urplötzlich dieses Geld zur Verfügung. Was würden Sie tun?

Simon: Ich würde die bereits vorhandenen Ressourcen der Biomedizin besser nutzen wollen. Auf Grund vielseitigerer und stark verbesserter analytischer Verfahren sind wir mittlerweile sehr viel besser darin, Krankheiten zu diagnostizieren als früher. Dieses Wissen ließe sich problemlos auf die Anti-Doping-Forschung übertragen. Hier ließen sich durch Forschungsgelder für Anti-Doping-Projekte Anreize setzen, die völlig neue Möglichkeiten eröffnen. Dadurch würde sich auch die Dopingnachweis-Forschung nicht mehr nur auf einige wenige Labore beschränken, sondern sich zusätzlich auf forschungsstarke Labore der Universitäten ausdehnen.

Wie viel Geld bräuchten Sie ungefähr für den Anti-Doping-Kampf?

Simon: Man könnte es so ausdrücken: Statt Fußballer für 100 Millionen Euro von Manchester nach Madrid zu transferieren, könnte man auch weltweit die Dopingprobleme recht weitgehend lösen.

Stichwort Fußball: Der Radsport gilt als Synonym für Doping. Ist das gerechtfertigt?

Simon: Nein. Das Dopingproblem gilt für alle Sportarten. Schauen Sie sich die Doping-Skandale im Baseball an. Fußball ist im Vergleich zum Baseball eher an der Grenze zur extremen Ausdauersportart. Das typische Argument, dass Ballsportarten zu komplex seien für Dopingmittel, halte ich für unsinnig.

Ist ein Generalverdacht bei der Tour de France angebracht?

Simon: Man muss sich im Klaren darüber sein, dass die jetzigen Strukturen Doping begünstigen. Aber ein Generalverdacht bedeutet ja nicht, dass nicht auch Ungedopte mitfahren. Ich bin davon überzeugt, dass saubere Fahrer dabei sind.

Das müssen Sie erklären . . .

Simon: Schon beim Festina-Skandal gab es einen Fahrer namens Christophe Bassons, der die Tour nachweislich sauber gefahren ist - obwohl Aussagen existieren, dass ihm von der Teamleitung vorgerechnet wurde, dass er gedopt zehnfach mehr verdienen würde. Es ist also wahrscheinlich, dass ein Großteil der Fahrer dopt. An den Strukturen können aber die Fahrer nichts ändern. Die Verantwortung liegt bei denen, die die Regeln aufstellen, also die Verbände und Organisatoren. Die Ressourcen für einen Anti-Doping-Kampf wären da, man muss sie nur nutzen wollen.

Zur Person

Dr. Dr. Perikles Simon ist Professor für Sportmedizin an der Universität Mainz und Mitglied der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) als Experte für Gendoping. Er war als Sachverständiger unter anderem für Doping im Leistungssport bereits zweimal in den Sportausschuss des Bundestages als Experte geladen. Simon entwickelte an der Uni Tübingen einen Test für Gendoping, der in Mainz weiter auf seine Praxistauglichkeit hin untersucht wird. Die Verwendung dieses Tests (obgleich zum Patent eingereicht) wird der Wada kostenlos zur Verfügung stehen. msc