„Diese WM hat Abbruch-Potenzial“

„Diese WM hat Abbruch-Potenzial“

Sao Paulo. Lutz Pfannenstiel steht im „Guinness Buch der Rekorde“ als einziger Profifußballer, der auf allen sechs Fifa-Kontinenten gespielt hat. Er ist der einzige Deutsche, der je in der 1. brasilianischen Liga gespielt hat. Für ZDF- und BBC-Dokumentationen verbrachte er sechs der letzten zwölf Monate im WM-Land. Im Interview mit sid-Mitarbeiter Holger Schmidt spricht er über Klima, Leute und Sicherheit – und über seine Sorge vor einem WM-Abbruch.

Herr Pfannenstiel, was erwarten Sie von der WM in Brasilien?

Lutz Pfannenstiel: Es wird entweder die tollste WM aller Zeiten. Oder der größte Albtraum.

Albtraum wegen der politischen Probleme?

Pfannenstiel: Ja. Ich bin mir zu 100 Prozent sicher: Die Demonstranten werden auf die Plattform WM nicht verzichten und alles tun, um gehört zu werden.

2010 wurden im Vorfeld auch allerlei Schreckensszenarien verbreitet, und am Ende blieb alles ruhig.

Pfannenstiel: Das ist eine komplett andere Situation. Es war klar, dass 2010 eine tolle WM wird, wenn die Sicherheit der Fans gewährleistet werden kann. In Südafrika gab es ,nur' das Problem Kriminalität. Das gibt es in Brasilien auch, eine WM ist ein Paradies für Kleinkriminelle. Aber die sozialpolitischen Probleme hier sind deutlich größer.

Also haben Sie mehr Bedenken als vor vier Jahren?

Pfannenstiel: Definitiv. Ich sage sogar: Wenn die Behörden gravierende Fehler machen sollten, hat diese WM Abbruchpotenzial. Ich hoffe nicht, dass es so kommt. Ich glaube es auch nicht. Aber das Potenzial ist da.

Wird das auch für die Fans zur Gefahr?

Pfannenstiel: Das glaube ich nicht. Beim Confed-Cup im Vorjahr bin ich mitten in eine Auseinandersetzung zwischen Fans und der Polizei geraten. Mir flogen Steine und Gummigeschosse um die Ohren. Plötzlich tauchten rund 100 mexikanische Fans auf. Beide Seiten einigten sich stillschweigend auf einen Waffenstillstand, bis die Fans vorbeigezogen waren, dann ging die Auseinandersetzung weiter. Fans und Touristen werden sicher sein, solange sie nicht aus Unwissenheit oder Dummheit in eine Favela gehen, vor allem im Nordosten.

Wie gefährlich kann es denn dort werden?

Pfannenstiel: Am 17. April war ich für den DFB abends in Salvador unterwegs. Alleine in dieser Nacht sind 40 Menschen erschossen worden. Man muss sich unbedingt in Räumen bewegen, in denen die Polizei stark vertreten ist. Man darf niemals den Abenteurer spielen oder versuchen, auf Abwegen Brasilien zu erkunden.

Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke hat kürzlich behauptet, viele Menschen seien nur von den sozialen Medien aufgehetzt und wüssten gar nicht, wofür sie auf die Straße gehen.

Pfannenstiel: Das ist eine ganz schwache Aussage. Zumal die Leute, die auf der Straße demonstrieren, zu 90 Prozent nicht aus den Favelas kommen. Es sind gebildete Menschen aus der Mittelschicht. Sie leiden keinen Hunger, aber sie erkennen, dass einiges falsch läuft.

Was denn vor allem?

Pfannenstiel: Die Bildung ist ein Riesenthema, auch die Infrastruktur. Aber das größte Problem ist das Gesundheitswesen. Es gibt zu wenig und zu schlecht ausgebildetes Personal und zu wenig Medikamente und Geräte. Das darf in einem Land wie Brasilien nicht sein. Und wenn dann zig Hunderte Millionen in Stadien investiert werden, die nach der WM niemand braucht, und auf der Gegenseite Versprechungen nicht eingehalten werden, ist das durchaus ein Grund, auf die Straße zu gehen.

Das heißt, Sie verstehen die Demonstranten?

Pfannenstiel: Friedliche Demonstrationen unterstütze ich absolut. Auch die meisten Spieler der brasilianischen Nationalmannschaft haben sich solidarisch erklärt. Man muss nur unterscheiden zwischen friedlichen Demonstrationen und purer Gewalt auf den Straßen. Das Problem ist auch, dass die Polizei nicht gerade zimperlich ist. Und wenn zwei aggressive Seiten aufeinander treffen, dann kann es richtig krachen.

Wie abhängig ist der Frieden im Land vom Abschneiden der brasilianischen Mannschaft?

Pfannenstiel: Wenn Brasilien ausscheiden sollte, könnte eine Schärfe reinkommen. Sportliche Euphorie könnte positiven Einfluss haben. Aber grundsätzlich wird das schon getrennt. Der Brasilianer, ob arm oder reich, ob schwarz oder weiß, liebt den Fußball und ist stolz darauf, dieses Turnier auszutragen. Aber er will sich auch Gehör verschaffen.

Wird Brasilien Weltmeister?

Pfannenstiel: Sie sind der Top-Favorit. Die Spieler sind jung, haben Biss. Ihr einziges Problem ist der große Druck. Seit dem Gewinn des Confed-Cups erwartet jeder Straßenhund in Brasilien den Titel.

Welchen Einfluss wird das Klima bei dieser WM haben?

Pfannenstiel: Einen großen. Das Thema wird komplett unterschätzt. Wenn man in Manaus oder Cuiabá zur Mittagszeit spielen muss, fühlt es sich an, als ob man im Gewächshaus sitzt. Das ist ein Martyrium.

Auch Bundestrainer Joachim Löw warnt schon seit langem vor den Bedingungen.

Pfannenstiel: Für Deutschland dürfen sie keine Ausrede sein. Alle drei Spiele in derselben Klimazone bestreiten zu dürfen, ist ein riesiger Vorteil. Außerdem liegt Deutschland nicht in der Arktis, hier sind es im Sommer auch mal knapp 30 Grad.

saarbruecker-zeitung.de/

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