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Diego am Galgen und Dellen im Golf

Diego am Galgen und Dellen im Golf

Es war mein Sommer. Nein - es war unser Sommer. Wir - das war meine Clique in Ottweiler. Die meisten von uns hatten gerade ihr Abitur in der Tasche. Ich fuhr nach dem mündlichen Abitur Ende Mai mit drei Jungs und drei Mädels mit einem Neun-Sitzer-Bus nach Frankreich. Mittelmeer, St. Tropez, Campingplatz Kontiki. Acht Tage Sommer, Strand, Wasser - und ja, auch Alkohol

Es war mein Sommer. Nein - es war unser Sommer. Wir - das war meine Clique in Ottweiler. Die meisten von uns hatten gerade ihr Abitur in der Tasche. Ich fuhr nach dem mündlichen Abitur Ende Mai mit drei Jungs und drei Mädels mit einem Neun-Sitzer-Bus nach Frankreich. Mittelmeer, St. Tropez, Campingplatz Kontiki. Acht Tage Sommer, Strand, Wasser - und ja, auch Alkohol.

Anfang Juni mussten wir zurück - nicht, weil das Geld alle war (war es allerdings tatsächlich), sondern weil die WM anstand. Wir hatten uns knapp zwei Jahre hart vorbereitet. Fast alle Qualifikations- und Vorbereitungsspiele der Deutschen hatten wir uns gemeinsam angeschaut - meistens in unserer "Stammkneipe", der Cafeteria in der Seminarsporthalle in Ottweiler. Jeder war ein Spieler, und jeder hatte Badeschlappen an den Füßen und als "Trikot" ein Unterhemd an. Ich war Uwe Bein. Der Torhüter saß ganz hinten auf einem Barhocker, und wenn ein Spieler gefoult wurde, fiel sein "Double" vom Stuhl. Dann kam Seka, die beste Wirtin aller Zeiten, angerannt und heilte die Verletzung - meistens mit Bier.

8. Juli, das Finale. Wir schauen diesmal bei einem Kumpel im Keller. Maradona ist auch da - eine selbstgebastelte Puppe mit seinem Konterfei baumelt über dem Fernseher an einem Galgen. Der kleine Zauberer kriegt gegen den wahren "Diego" Buchwald keinen Stich, und Andi Brehme macht uns glücklich.

Danach geht's ab in die Autos nach Neunkirchen. Gott und die Welt sind unterwegs, der Weg von Ottweiler über Wiebelskirchen in die Lindenallee, wo die Party steigt, dauert über eine Stunde. Es geht nur im Schritt-Tempo voran - was auch gut so ist, denn auf dem Dach des Golfs meiner Mutter, den ich steuere, sitzen vier Mann. Ein Fünfter, Thorsten, sitzt auf der Motorhaube - bis zur ersten abrupten Bremsung. Verletzt hat er sich Gott sei Dank nicht. Danach verschwimmen die Erinnerungen - ich weiß nur, dass es sehr spät war, als ich nach Hause kam. Und dass meine Mutter von den Dellen im Dach ihres Autos nichts mitbekommen hat. Jedenfalls bis heute.

Vor 20 Jahren wurde Deutschland bei der WM in Italien zum letzten Mal Weltmeister. Redakteure der Saarbrücker Zeitung und SZ-Mitarbeiter schreiben, wo sie am Abend des 8. Juli 1990 waren und wie sie sich gefühlt haben, als Andreas Brehme die deutsche Mannschaft in Rom gegen Argentinien per Elfmeter zum Titel schoss.