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Die WM fesselt auch nicht jeden

Die WM fesselt auch nicht jeden

Karl-Heinz ist jetzt über 75 Jahre alt. Er ist in Rente, Taxi fährt er nur noch ab und an.

So wie heute. Der Kollege, dem er sein Unternehmen verkauft hatte, habe keine Zeit, erklärt Karl-Heinz. Warum, wisse er nicht. Das komme eh selten vor. Ansonsten sei Karl-Heinz mit seiner Frau gerne im Süden, genieße die Pension. Schließlich ist er ein Leben lang Taxi gefahren. Da sollten doch mal ein paar Monate Gran Canaria im Jahr möglich sein.

"Weißt Du", sagt er, als er mich in Saarbrücken durch den Innenstadtverkehr fährt: "Ich habe 60 Jahre lang jeden Tag bis zu 14 Stunden hinter dem Taxisteuer gesessen." Tagsüber, nachts, "ich habe niemals Silvester mit Freunden gefeiert", sagt er. Und er habe sich nie "für Fußball interessiert". Er konnte eh kein Spiel sehen. Keine Zeit. Gefehlt habe ihm nichts.

Lediglich einmal hätte er gern ferngesehen. Am 8. März 1971, als Ali gegen Frazier im New Yorker Madison Square Garden boxte. Doch kurz vor dem ersten Gong kam eine Fahrt rein. "Da habe ich mich sehr geärgert", sagt Karl-Heinz und erzählt, dass seine Freunde ihn oft belächelten, weil er selbst die einfachsten Sachen im Fußball nicht kenne. 1990 etwa sei er vor Beginn eines Spieles im Urlaub in der Hotelbar gesessen, sei aber lieber aufgestanden, um einen nächtlichen Strandspaziergang zu machen. Danach erst habe er erfahren, dass er das WM-Endspiel gegen Argentinien (1:0) verpasst hatte. Er lacht. Warum heute auf einen Donnerstag soviel los sei in der Stadt, fragt er. Weil WM ist, antworte ich, die Deutschen spielen. Aber das kann Karl-Heinz nicht wissen. Er lächelt nur - und sagt: "Da kann ich heute gut verdienen." So ist das mit dem Fußball , denke ich.