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Finanzskandal beim LSVS
Die Welt des Saarsports gerät aus den Fugen

Es dämmert über der Hermann-Neuberger-Sportschule in Saarbrücken.
Es dämmert über der Hermann-Neuberger-Sportschule in Saarbrücken. FOTO: BeckerBredel
Saarbrücken. Der Landessportverband für das Saarland hat ein gewaltiges Haushaltsloch. Der Spielraum für künftige Einsparungen ist begrenzt. Von Tobias Fuchs und Kai Klankert

Hinter einer schwarz-gelben Schranke beginnt die Welt des Saarsports. Der Weg führt hinauf zur Hermann-Neuberger-Sportschule. Sie verteilt sich über 90 000 Quadratmeter im Saarbrücker Stadtwald. Seit Jahren modernisiert der Landessportverband für das Saarland (LSVS) die Anlage aus den Fünfzigern. Hier sollen auch in Zukunft Olympiasieger gemacht werden. Wenn sich die Mächtigen dieser Parallelwelt öffentlich über Bilanzen äußern, geht es in der Regel um Medaillen. Selten um die Millionen, die sie sich den Sport im Saarland kosten lassen. Mit dieser Diskretion dürfte es nun vorbei sein. Der LSVS steuert auf eine Finanzkrise ungekannten Ausmaßes zu. Der Verband geht von einem gewaltigen Defizit aus, möglicherweise fünf Millionen Euro. Nach SZ-Informationen wäre das in etwa ein Drittel des jährlichen Etats.



Die Auswirkungen könnten im Alltag vieler Saarländer zu spüren sein. Der LSVS fungiert als Dachorganisation der Sportfachverbände in der Region. Diese zählen 2070 Vereine mit 370 000 Mitgliedern. Finanziell hängen alle am Tropf des LSVS.

„Der LSVS ist unter Mithilfe von Wirtschaftsprüfern und Rechtsanwälten mit Hochdruck dabei, ein Gesamtkonzept zur Aufarbeitung und zu entsprechenden strukturellen Maßnahmen zu erarbeiten“, teilte LSVS-Präsident Klaus Meister mit: „Wir sind zuversichtlich, dass weder die Verbände noch die Vereine negativ betroffen sein werden.“ Meiser trat 2014 die Nachfolge von Gerd Meyer an. Er übernehme ein gut bestelltes Haus, erklärte der Landtagspräsident damals.

Wie konnte es zum Finanzloch kommen? Der Hauptgeschäftsführer des Landessportverbandes soll über einen längeren Zeitraum verschwiegen haben, dass die strukturellen Kosten höher als die Einnahmen gewesen seien. So formuliert es sein langjähriger Arbeitgeber. Der LSVS finanziert sich zu rund 90 Prozent aus Einnahmen von Saartoto. Dem Sport stehen 12,5 Prozent der Einsätze aus dem Lotteriebetrieb zu. Das sogenannte Sportachtel loben Politik und Funktionäre stets als Erfolgsmodell. Zusätzlich gibt es Geld aus den Überschüssen des staatlichen Glücksspiels.

2016 liefen die Geschäfte von Saartoto sehr gut. Die Spielumsätze beliefen sich auf 126 Millionen Euro. Das bedeutete das beste Ergebnis seit 2006. Der Landessportverband strich 13,6 Millionen Euro als Sportachtel ein. Im laufenden Jahr erwartet Saartoto jedoch einen Einbruch um etwa acht Millionen Euro. Das wären etwa 400 000 Euro weniger für den LSVS.



Seine Ausgabenpolitik kann der Verband nicht frei gestalten. 22,75 Prozent des Sportachtels muss er in Sportanlagen investieren. Das steht in einer Richtlinie der Landesregierung. Im Durchschnitt etwa drei Millionen Euro sind dadurch geblockt. In dieser Höhe bewegten sich 2014 jeweils auch Personalkosten und Zuschüsse an die Mitgliedsverbände. Das geht aus internen Dokumenten hervor, die der SZ vorliegen. Um die zwei Millionen Euro wendete der LSVS für die Sportschule auf, rund 1,2 Millionen für den Leistungssport. Wer diese Zahlen addiert, erkennt schnell: Einsparungen dürften den Verantwortlichen schwerfallen.

Beim LSVS handelt es sich um eine öffentlich-rechtliche Einrichtung. Sie steht unter der Rechtsaufsicht des Sportministeriums. Und funktioniert auf der Grundlage spezieller Gesetze, Vorschriften, Regelungen. Garantiert diese Struktur eine umfassende Kontrolle?

An der Spitze des LSVS steht das Präsidium. Das achtköpfige Gremium erarbeitet den Haushaltsplan. Es übernimmt auch die „Vorprüfung des Jahresabschlusses“. So will es die Satzung. In ihr ist außerdem nachzulesen, dass alle Protokolle der Verbandsspitze in Kopie an das Ministerium gehen. Der LSVS entscheidet nicht eigenständig über seine Ausgaben. Das Ministerium genehmigt den Haushalt. Bei der Behörde müssen am Ende auch geprüfte Bilanzen vorgelegt werden. Das Ministerium für Inneres, Bauen und Sport trage als Rechtsaufsicht keinerlei Verantwortung, teilt man auf SZ-Anfrage mit.

Die Abrechnungen des LSVS begutachtet ein Wirtschaftsprüfer. In den vergangenen Jahren war dies die Audittax Prof. Raber GmbH in Saarbrücken, vertreten durch ihren Geschäftsführer Manfred Zens. Die Bilanzexperten suchte das Präsidium nicht selbst aus. Die Firma wurde durch die Mitgliederversammlung gewählt. 2012 einstimmig.

Die Mitglieder des LSVS kommen alle drei Jahre zusammen. 2012 unterrichtete sie Wirtschaftsprüfer Zens über „umfangreiche Investitionstätigkeiten“ an der Sportschule. Im Protokoll der Versammlung, 21 Seiten lang, nehmen die Ausführungen des Fachmanns exakt vier Zeilen ein. Am Ende steht: „Dem Rechnungswesen des LSVS wurde für diese Jahre ein uneingeschränkter Bestätigungsvermerk erteilt.“ Kurz: Alles in Ordnung. Für den Saarsport gilt das seit Freitag nicht mehr.