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Fußball-Nationalmannschaft
Die Versuche einer Titelverteidigung endeten bisher in Dramen

Der 10. Juli 1994: Der Bulgare Jordan Letschkow (links) dreht nach seinem Kofballtor zum 2:1 ab. Guido Buchwald und Lothar Matthäus schauen zu.
Der 10. Juli 1994: Der Bulgare Jordan Letschkow (links) dreht nach seinem Kofballtor zum 2:1 ab. Guido Buchwald und Lothar Matthäus schauen zu. FOTO: dpa
Moskau. Die deutsche Nationalmannschaft und ihre ganz eigene „Mission Impossible“. Die Beispiele von 1958, 1978 und 1994 sind verheerend.

Der Versuch deutscher Nationalmannschaften, den WM-Titel zu verteidigen, endete bislang stets vorzeitig. Eine Geschichte voller Dramen, Skandale und verpasster Gelegenheiten.


1958 in Schweden: Halbfinal-Aus gegen den Gastgeber (1:3). Der DFB hatte es geahnt, die Rückfahrkarten für die Mannschaft mit sechs verbliebenen „Helden von Bern“ um Fritz Walter waren bereits für den 23. Juli gebucht, nach dem Viertelfinale. Als die entthronten Weltmeister dann erst sechs Tage später um 22.37 Uhr in Hamburg eintreffen, werden sie von 30 000 fast euphorisch begrüßt. Das Halbfinal-Aus gegen Gastgeber Schweden ist keine Enttäuschung, die Umstände sind skandalös. Schiedsrichter Istvan Zsolt (ausgerechnet aus Ungarn) verweigert der DFB-Elf einen Foulelfmeter und übersieht vor Schwedens Ausgleich ein Handspiel. Erich Juskowiak fliegt nach einem Revanchefoul vom Platz, Walter wird von den heißblütigen Schweden förmlich von diesem getreten. „Was hier passiert ist, grenzt an Volksverhetzung“, ereifert sich DFB-Präsident Peco Bauwens: „Nie wieder werden wir dieses Land betreten!“



1978 in Argentinien: Aus in der Zwischenrunde nach der „Schmach von Cordoba“ gegen Österreich (2:3). Auch 1978 sind die Voraussetzungen nicht gerade günstig. Säulen von 1974 wie Gerd Müller, Wolfgang Overath, Paul Breitner oder Jürgen Grabowski wollen, Uli Hoeneß kann nicht mehr. Franz Beckenbauer ist außen vor, weil er bei Cosmos New York spielt. Um Sepp Maier und Berti Vogts bleiben sieben 74er-Helden, die in den ersten drei Spielen drei Mal die Null halten. Doch selbst DFB-Boss Hermann Neuberger schimpft über „Fußball wie vor 20 Jahren“. Bundestrainer Helmut Schön hat den Laden nicht mehr im Griff, lässt im Training in zwei Gruppen – Stammspieler und Reservisten – trainieren. Im trostlosen Teamquartier Ascochinga sinkt die Stimmung auf den Nullpunkt. Dann: Cordoba, die maximal mögliche Blamage, 2:3 im letzten Zwischenrundenspiel gegen Österreich.

1994 in den USA: Viertelfinal-Aus gegen Bulgarien (1:2). „Auch mit 24-jährigem Abstand muss ich sagen: Das war wahrscheinlich die größte Enttäuschung meiner Spielerlaufbahn“, sagt der damalige Stürmer Jürgen Klinsmann: „Noch heute bin ich der Überzeugung, dass wir hätten gewinnen müssen.“ Berti Vogts, inzwischen Bundestrainer, hat um zwölf Weltmeister von 1990 zwar den bis dahin ältesten deutschen WM-Kader (29,04 Jahre/Schnitt) beisammen, dieser aber ist klarer Favorit. Die Vorrunde ist ein einziges Gewürge. Beim abschließenden Gruppenspiel gegen Südkorea kommt es zum Eklat, als Regisseur Stefan Effenberg deutschen Fans den Mittelfinger zeigt. Präsident Egidius Braun drängt Vogts, Effenberg rauszuwerfen. Der „Tiger“ bleibt als Urlauber vor Ort und versorgt die Öffentlichkeit via Sport Bild für 70 000 Mark mit Interna. Der GAU folgt im Viertelfinale trotz Führung gegen Bulgarien (1:2). Die Fußball-Republik fordert den Rücktritt von Vogts. Er bleibt – und wird 1996 Europameister.