Die TG Saar verpasst den deutschen Meistertitel gegen KTV Straubenhardt

Kostenpflichtiger Inhalt: TG Saar im Pech : Am Ende fehlt nur ein Zentimeter

Die TG Saar verpasst um Haaresbreite den deutschen Meistertitel in einem dramatischen Finale gegen die KTV Straubenhardt.

„Unfassbar, unerklärbar, unsäglich, unerträglich.“ Nach dem verlorenen Finale um die deutsche Mannschaftsmeisterschaft im Gerätturnen stehen in der Ludwigsburger Arena „Un-Wörter“ hoch im Kurs. Längere Kommentare hört man von den Fans der TG Saar am Samstagabend nicht. Die hauchdünne 27:29-Niederlage gegen die KTV Straubenhardt hat die rund 120 Schlachtenbummler in einen Schockzustand versetzt – und der Turn-Krimi wirkt heftig nach.

Die Wahrheit schmeckt bitter: Im sechsten Gold-Duell der Erzrivalen gewinnt die TG Saar wieder nur Silber. Auch der stärkste Kader aller Zeiten schafft es nicht, den Triumph aus dem Jahr 2012 zu wiederholen. Spannend und dramatisch ist es wie immer – die großen Namen bürgen dafür. In einer fast dreistündigen Turn-Schlacht verlangen sich die besten deutschen Riegen des letzten Jahrzehnts alles ab und kämpfen vor rund 3000 Zuschauern um Zehntel-Punkte. Unglaubliche sieben Mann-gegen-Mann-Zweikämpfe enden mit der im Turnen seltenen 0-Wertung – also unentschieden. Ein Beweis für die turnerische Qualität in zwei absolut ebenbürtigen Teams.

Eugen Spiridonov verpasste die Reckstange um einen Zentimeter. Foto: Rudi Brandt/Rudi Brand

Und wie beim 24:24-Remis im letzten Bundesliga-Wettkampf in Straubenhardt – da löste die TG Saar das Final-Ticket – fällt die Entscheidung zwei Wochen später erneut in letzter Minute. Diesmal jubeln die anderen – und bei den Saarländern fließen Tränen. „Ich möchte allein sein und will nichts dazu sagen“, äußert sich Eugen Spiridonov wortkarg und sitzt zusammengesunken auf einer Bank. „Wieder nur Vizemeister, wieder haben wir verloren, wieder gegen die KTV“. Solche Gedanken werden dem TG-Turner-Trainer in diesen Moment durch den Kopf schießen. Doch am meisten ärgert sich der Routinier vermutlich über sich und seinen folgenschweren Fehler am Reck.

Doch von Anfang an: „Wir dürfen uns nicht in Sicherheit wiegen. Das bleibt bis zum Schluss eng“, warnt Spiridonov nach dem 12:3-Auftakt-Erfolg am Boden, wo er vier Zähler beisteuert. Der 37 Jahre alte Allrounder soll Recht behalten, ahnt aber noch nicht, dass er zum tragischen Helden wird. Schon am Pauschenpferd (3:10) holt der Abonnementmeister zum Gegenschlag aus und kommt auf 15:13 heran. Sebastian Grimmer steigt vom Gerät, nur Oleg Wernjajew kann für die Saarländer punkten. An den Ringen (6:4) baut die TG Saar den Vorsprung wieder aus. In der letzten Übung vor der Pause (21:17) sichert sich Florian Lindner drei Zähler.

Nikita Nagornyy, hier bei seiner Ringe-Übung, unterstrich in Ludwigsburg seine Stellung als derzeit komplettester Turner der Welt. Foto: Rudi Brand

„Wir führen mit vier Punkten und sind im zweiten Abschnitt etwas stärker. Wir können es diesmal packen, aber wir dürfen keine Fehler mehr machen“, sagt Michael Steinmetz, der für die TG Saar am Morgen im Finale der Jugend-Bundesliga als Kampfrichter aktiv war. „Unser Nachwuchs hatte Bronze angepeilt, ist mit sechs Zehnteln an Silber vorbeigeschrammt und Vierter geworden“, erzählt Steinmetz und zeigt mit dem Finger in den Fanblock. Auf der Tribüne jubeln die künftigen den aktuellen Bundesliga-Turnern zu, als die am schwächsten Gerät „nur“ fünf Punkte abgeben.

Felix Remuta fehlt am Sprung schmerzlich. Zwei Tage, nachdem er in Straubenhardt mit seiner letzten Reck-Übung den Final-Einzug klar gemacht hatte, unterzog sich der 21 Jahre alte Nationalturner einer Fuß-Operation. Im Rollstuhl sitzend verfolgt der deutsche Meister am Sprung den Turn-Krimi aus der Mannschaftsecke und hält es nach dem Führungswechsel (21:22) kaum noch aus. „Mir läuft es eiskalt über den Rücken. Ich kann nicht helfen. Das ist echt hart“, seufzt Remuta und drückt die Daumen. Dies hilft kurz, denn am Barren (6:4) zieht die TG Saar vorbei und geht mit einer hauchdünnen 27:26-Führung ans Reck.

Bange Blicke bei der TG Saar vor der Verkündung der letzten Wertung, auch der verletzte Felix Remuta (im Rollstuhl) drückt die Daumen. Doch es reichte nicht. Foto: Rudi Brand

Und hier wird es richtig dramatisch. Tages-Topscorer David Belyavskiy gewinnt im Duell mit Waldemar Eichorn drei Punkte und bringt Straubenhardt mit 29:27 in Führung. Das Duell von TG-Athlet Lukas Dauser gegen Ivan Rittschik endet Remis. Als Lucas Herrmann im dritten Duell die Stange verpasst, bietet sich Spiridonov die Chance, seine Mannschaft auf Sieg-Kurs zu turnen. Doch es knallt ihn beim zweiten Flug-Teil ebenfalls auf der Matte. Statt der erhofften drei oder vier Punkte endet der Vergleich Remis. Im letzten Duell geht KTV-Ass Andreas Bretschneider dann volles Risiko und turnt den nach ihm benannten Doppelsalto rückwärts mit zwei Schrauben perfekt über die Stange. Nikita Nagornyy setzt zwar eine gleichwertige Übung dagegen, aber das reicht nicht.

So steht nach der letzten Null auch die bittere Niederlage fest – und Thorsten Michels völlig neben sich. „Es tut brutal weh. Es ist meine schlimmste Niederlage seit dem verlorenen Finale 2007 gegen Cottbus. Ich bin völlig leer“, sagt der TG-Vorsitzende und schämt sich der Tränen nicht. Auch mit Dreifach-Weltmeister Nagornyy, Barren-Olympiasieger Wernjajew und dem besten deutschen Mehrkämpfer Lukas Dauser schafft es die TG Saar nicht, den Erzrivalen zu schlagen. Aufgeben will Michels nicht: „Irgendwann müssen wir sie knacken. Wir werden 2020 wieder einen starken Kader ins Rennen schicken. Die Mannschaft hat Charakter und kämpft immer weiter – unermüdlich.“ Ungebrochen wollen die TG-Turner nach der Winterpause noch härter trainieren und 2020 Revanche nehmen. „Wir greifen wieder an. Beim nächsten Mal schaffen wir sie. Ganz bestimmt“, sagt Felix Remuta trotzig.