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Missbrauchs-Skandal im Turnen
Die Taten eines „Monsters“

Larry Nassar (54), der ehemalige Teamarzt der amerikanischen Turnerinnen, kam am 22. November 2017 in orangener Gefängniskleidung zu seiner Anhörung in ein Gericht in Lansing (USA).
Larry Nassar (54), der ehemalige Teamarzt der amerikanischen Turnerinnen, kam am 22. November 2017 in orangener Gefängniskleidung zu seiner Anhörung in ein Gericht in Lansing (USA). FOTO: Paul Sancya / dpa
Ingham County. Der frühere Teamarzt der US-Turner wird wohl lebenslang in Haft bleiben.

Die Vorwürfe sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen sind erschütternd und lassen nun auch den US-Turnverband in seinen Grundfesten wanken. In dem für diese Woche erwarteten Urteil droht dem früheren Teamarzt von USA Gymnastics, Larry Nassar, wegen extremer Übergriffe eine drastische Strafe in bisher kaum bekannter Dimension.



In seinem Strafantrag fordert der Generalstaatsanwalt von Michigan, den früheren Mediziner der State University zu 40 bis 125 Jahren Gefängnis zu verurteilen. Im November hatte sich Nassar bei einer Anhörung in Lansing, als er mit orangener Gefängniskleidung und Handschellen im Gerichtssaal erschien, für schuldig befunden, sieben Mädchen sexuell belästigt zu haben.

Rund 140 Klagen überwiegend minderjähriger Turnerinnen waren bei der Michigan State Police eingegangen, voraussichtlich 88 Opfer sollen ab heute angehört, ihre Aussagen in einem Medien-Livestream öffentlich werden. Bis zum Freitag sind Gerichtstermine vorbereitet. Doch noch ist unklar, ob dann auch das Urteil gesprochen ist.

Laut dem Lansing State Journal entschieden sich die Staatsanwälte für diese extremen Strafanträge, um die hohe Zahl von Klagen und die Vergehen Nassars zumindest annähernd widerzuspiegeln. Bereits im Dezember war Nassar in einem anderen Prozess wegen Besitzes von Kinderpornografie zu 60 Jahren Haft verurteilt worden, diese Strafe wird dem Urteil hinzugerechnet.

Durch die Aussagen – auch solch prominenter Turnerinnen wie der Olympiasiegerinnen Gabriele Douglas, Alexandra Raisman und McKayla Maroney – ist auch der Verband schwer unter Druck geraten. USA Gymnastics sei zu „100 Prozent“ verantwortlich, schrieb Raisman auf Twitter. Der Verband schiebe die Schuld auf die Opfer. Die Turnerinnen seien jedoch von einem „Monster“ missbraucht worden, dem der Verband sein Tun jahrzehntelang ermöglicht habe. „Es war verpflichtend, sich von Nassar behandeln zu lassen“, sagte Raisman.



Viele zahlungskräftige Sponsoren haben sich im Zuge der Missbrauchsvorwürfe vom Verband abgewandt. Der Anwalt von Turnerin Maggie Nichols kritisierte den Verband bei CNN, die Vorfälle unter den Teppich zu kehren. McKayla Maroney behauptete gleichfalls auf CNN, ihr sei Schweigegeld gezahlt worden. Sie verklagt daher neben dem Verband auch das Nationale Olympische Komitee der USA.

Einem Bericht des „Wall Street Journal“ zufolge hatte Maroney im Dezember in einer außergerichtlichen Einigung 1,25 Millionen US-Dollar (rund eine Million Euro) erhalten. Dabei sei Vertraulichkeit vereinbart worden. Maroney sei traumatisiert gewesen und habe Geld für ihre psychologische Behandlung benötigt, zitiert CNN ihren Anwalt John Manly. Die Abmachung sei ein unmoralischer und illegaler Versuch, ein Opfer von Kindesmissbrauch zum Schweigen zu bringen, fügte er hinzu.

USA Gymnastics rechtfertigte sich nach diesen Angriffen und behauptete, man habe „nie versucht, Nassars Fehlverhalten zu verstecken“. Man habe „die Angelegenheit so vertraulich behandelt, um die Untersuchung nicht zu beeinflussen“.

Der heute 54 Jahre alte Nassar hatte nach rund 20-jähriger Tätigkeit im US-Verband seine Lizenz 2015 verloren, nachdem Präsident Steve Penny zurückgetreten war. „Nassar jagte jahrzehntelang unwissende Opfer an jeder Ecke und bei jeder Gelegenheit: Im Keller seines Hauses, in der medizinischen Klinik, in seinem Fitnessstudio, in Trainingseinrichtungen und in Hotels auf der ganzen Welt“, schrieb Generalanwältin Angela Povilaitis im Strafantrag. Er habe seine Vertrauens-Position als Arzt genutzt, um „zu schaden statt zu heilen, um unbegrenzten Zugang zu seinen Opfern zu erhalten, um jeden Tag seine sexuellen Wünsche auszuleben“. Die Michigan State University kündigte an, einen Fonds von zehn Millionen US-Dollar einzurichten, um den Opfern zu helfen.

Nassar hatte vor Gericht gesagt, seine Übergriffe täten ihm „furchtbar leid“. Generalstaatsanwalt Bill Schuette hatte den Fall zuvor „als Spitze des Eisbergs“ bezeichnet. Laut der Zeitung „Indystar“ sollen in den letzten 20 Jahren 368 Turnerinnen und Turner durch Trainer, Betreuer oder Turnzentrums-Inhaber missbraucht worden sein.