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Leistungssportreform in Deutschland
Die Sorgen um Tokio 2020 wachsen

Bundesinnenminister Thomas de Maiziere verfolgt die Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes neben der künftigen Generaldirektorin Veronika Rücker (links).
Bundesinnenminister Thomas de Maiziere verfolgt die Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes neben der künftigen Generaldirektorin Veronika Rücker (links). FOTO: dpa / Thomas Frey
Koblenz. Der Deutsche Olympische Sportbund sieht bei der stockenden Leistungssportreform die Politik in der Verantwortung und Pflicht.

Das Großprojekt steht still, die Verbände schlagen Alarm: Die umstrittene Leistungssportreform ist ein Jahr nach ihrer Verabschiedung ins Stocken geraten und bedroht nun sogar die deutschen Chancen bei den Olympischen Sommerspielen 2020. „Wenn wir nicht in den nächsten sechs bis neun Monaten Klarheit bekommen, ist die Gefahr groß, dass das Ergebnis in Tokio negativ von der Umstellung beeinflusst wird“, sagte Präsident Alfons Hörmann im Anschluss an die 14. Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) in Koblenz.


Der Dachverband demonstrierte Einigkeit. Vor allem in der Darstellung, dass der organisierte Sport seine Hausaufgaben gemacht habe – und nun die Politik am Zug sei. Die Verzögerung sei „nicht von den Spitzenverbänden zu verantworten“, hieß es in einer Stellungnahme der Spitzensportverbände. Die Folge: „Erhebliche Verunsicherung bei Athleten, Trainern und Verbänden“ und daher auch „massiv gefährdete Vorbereitungen auf Tokio 2020“. Letztlich stimmten die 462 Delegierten den Forderungen der sogenannten „Leistungssport-Resolution“ einstimmig zu.

„Wir sind an einem Punkt, an dem die Möglichkeiten des Sports enden. Ohne die finanziellen Mittel geht es nicht weiter“, betonte DOSB-Präsident Alfons Hörmann in seiner Rede: „Wir können nur hoffen, dass sich die politischen Fragezeichen in Berlin sehr bald lösen.“ Dort fehlt es weiterhin an einer Regierung und an einem entscheidungsfähigen Innenminister.



Neben dem Warten auf mehr Geld aus Berlin bestimmten aber atmosphärische Störungen zwischen Politik und Sport zuletzt die Diskussionen. Auch deshalb rief Thomas de Maiziere, derzeit nur in geschäftsführender Funktion für den Sport zuständig, in seiner Rede zur Geschlossenheit auf. „Solche großen Reformen gelingen nur gemeinsam. Nicht übereinander reden, sondern miteinander – das ist eine Erfolgsbedingung“, sagte der CDU-Politiker: „Gegen etwas zu sein, ist einfacher als für etwas. Die Summe der Gegenargumente ergibt keine Lösung, erst recht keine Teamarbeit und Teamgeist. Solche großen Reformen werden nicht von Popcorn, Partyhüten und Konfettiregen begleitet.“

De Maiziere sagte erneut zu, sich für mehr Geld für den Spitzensport einzusetzen – wenn er denn auch weiterhin zuständig bleibe. Er betonte, dass er den Reformprozess als Innenminister gerne weiter begleiten würde. Allerdings solle man, so de Maiziere, „solche Entwicklungen nie von einzelnen Personen abhängig machen“.

Nicht nur der Sport, sondern auch de Maiziere weiß nicht, was die nächsten Wochen so alles bringen. Bleibt er Innenminister, soll unmittelbar nach der Regierungsbildung bei einem Treffen mit allen an der Reform Beteiligten „neuer Teamgeist“ gestiftet werden, sagt de Maiziere. Noch am Tag vor der Mitgliederversammlung hatte DOSB-Sportvorstand Dirk Schimmelpfennig in einer Sitzung der Spitzensportverbände noch seinem Unmut über den Status Quo und die Geldgeber aus Berlin unter lautem Applaus der Delegierten Luft gemacht – im Beisein von Gerhard Böhm, de Maizieres aktuellem Abteilungsleiter Sport im Innenministerium.

Doch beim wichtigsten Thema konnte der Minister auch einen Tag später keine Zugeständnisse machen. Ohne neue Haushaltsverhandlungen einer neuen Regierung könne es kein neues Geld geben, sagte de Maiziere und warnte: „Mehr Geld ersetzt definitiv nicht den Reformbedarf.“

Die Gräben sind tief. Ausgerechnet bei einem der Kernpunkte der Reform liegen Bund, Länder und DOSB noch weit auseinander. Denn der im Reformentwurf fest verankerten Reduzierung der Bundesstützpunkte kommen Regional-, Verbands- und Politinteressen massiv in die Quere. Zuletzt war bekanntgeworden, dass die bei der Sportministerkonferenz in St. Wendel vereinbarte Reduzierung gar keine war, weil die Länder offenbar den Wintersport ausgespart hatten. Die Zänkereien, die am Wochenende in Koblenz Thema fast jedes Gespräches waren, machen klar: Die Reform könnte weiter stocken – selbst wenn das Geld irgendwann doch mal fließt. Und das verheißt nichts Gutes für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio.