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Die richtige Antwort

Göteborg. Die deutschen Fußballerinnen greifen nach dem 1:0 gegen Schweden am Sonntag zum achten Mal nach dem EM-Titel. Die starke Leistung gegen den Gastgeber macht Mut, die schwache Vorrunde ist vergessen. sid

. Nach dem 1:0-Sieg im EM-Halbfinale gegen Schweden tanzte Silvia Neid ausgelassen mit ihren Schützlingen über den Rasen. Am Tag danach ging es für das deutsche Team schon in Richtung EM-Titel. "Wenn man im Finale ist, dann will man natürlich auch gewinnen", sagte Neid, bevor sie in den Zug nach Solna einstieg. Im Stockholmer Vorort wollen die Titelverteidigerinnen am Sonntag (16 Uhr live/ARD und Eurosport) gegen Dänemark oder Norwegen den sechsten EM-Triumph in Folge und den achten insgesamt feiern. Den Spielerinnen, die jeweils 15 000 Euro sicher haben, winkt die EM-Rekordprämie von 22 500 Euro. Nach dem starken Auftritt im Halbfinale gegen den favorisierten Gastgeber ist das Selbstvertrauen groß. Die schwache Vorrunde der DFB-Auswahl ist endgültig vergessen.

Mit ihrem Siegeswillen sorgte Dzsenifer Marozsan am Mittwochabend vor 16 608 Zuschauern in Göteborg und über acht Millionen an den Fernsehgeräten in Deutschland in der 33. Minute dafür, dass auch die letzten Zweifler verstummt sind. Und auch Neid ist wieder unumstritten. Für die Bundestrainerin, die ihr Team auf Grund der personellen Probleme stark verjüngen musste (23,5 Jahre im Durchschnitt), ist der Grund für die Wende klar. "Das 1:0 gegen Italien im Viertelfinale war das Schlüsselspiel", sagte die 49-Jährige, in deren Kader nur noch neun Europameisterinnen von 2009 und zehn WM-Teilnehmerinnen von 2011 stehen.

Noch wichtiger als der Sieg gegen Italien waren für Nadine Angerer die Lehren aus der Pleite gegen Norwegen. "Wir wussten, dass wir so ein Larifari-Spiel nicht noch mal zeigen können, sonst sind wir ganz schnell raus", sagte die Torhüterin, die erst einen Gegentreffer kassiert hat: "Im Finale müssen wir mit der gleichen Leidenschaft, dem gleichen Mut und dem gleichen Spaß wie im Halbfinale auftreten."

Ihre Kolleginnen sind davon überzeugt, dass dieses Vorhaben gelingen wird - und zwar nicht nur wegen der um einen Tag längeren Pause im Vergleich zum Finalgegner. "In Deutschland hatten uns schon viele abgeschrieben. Aber wir haben die richtige Antwort gegeben. Der Sieg gibt uns viel Kraft", sagte Nadine Keßler.

Zusätzliche Kraft verleiht der Blick auf die EM-Historie. Schließlich gingen die Deutschen, die vor dem Endspiel um Celia Okoyino da Mbabi (Oberschenkel-Zerrung) bangen müssen, nach ihren bisherigen sieben Final-Teilnahmen als Siegerinnen vom Platz. Auch im Frauenfußball geht es mitunter so schnell, dass trotz mehrerer Zeitlupen schwer zu klären ist, warum letztlich solch ein goldenes Schüsschen entsteht wie das Sieg bringende 1:0 von Dzsenifer Marozsan gegen Schweden. "Ich dachte, ich grätsche da jetzt mit der Fußspitze rein, das war ein 50:50-Ball. Und bei meinem Glück dachte ich, der geht an den Pfosten", erinnert sich die 21-Jährige.

Wenn jemand vielleicht so ein Tor gebraucht hat, dann die in ihrer Karriere von vielen Rückschlägen gekennzeichneten Fußballerin mit ungarischen Wurzeln, deren Vater, der Ex-Saarbrücker Profi Janos, mal ungarischer Nationalspieler war. In der Vorrunde schien die Filigrantechnikerin vom 1. FFC Frankfurt mit dem Ballast der Erwartungen überfordert, spielte gehemmt und blockiert. Fast folgerichtig erlebte ausgerechnet diejenige den Anpfiff des Viertelfinals gegen Italien auf der Bank, die auf den offiziellen Uefa-Werbebannern auftaucht.

Bundestrainerin Silvia Neid verkaufte das Fehlen ihrer "besten Fußballerin" als taktische Maßnahme. Doch in Wahrheit war es auch eine Denkpause. Danach suchte die Trainerin das Einzelgespräch mit dem Talent - dieses Attribut soll die beste Akteurin der U 20-WM nämlich in Südschweden abstreifen. "Ich habe zu Dzseni gesagt, dass sie so weitermachen soll, wie sie gegen Italien aufgehört hat", so Silvia Neid, die sich von ihrer Nummer 10 noch mehr Behauptungswillen wünscht.

Dzsenifer Marozsan sagt zwar oft, dass sie Vertrauen zurückzahlen möchte, aber mitunter folgen diesen Worten keine Taten. Siegfried Dietrich, FFC-Macher und Marozsan-Manager, war deshalb als Augenzeuge in Göteborg sehr angetan vom 23. Länderspiel seiner lange sehr behüteten Ausnahmespielerin. "Sie hat das sehr professionell aufgenommen und sich jetzt durchgebissen. So wünsche ich mir das."

Dietrich hat übrigens bei der Vermarktung der Hochbegabten neuerdings mit Maik Barthel von der Agentur Eurosportsmanagement, die als prominentesten Klienten Robert Lewandowski führt, Konkurrenz bekommen. Was sagt die Nationalspielerin eigentlich selbst dazu? "Herr Barthel ist mein Berater, Herr Dietrich mein Manager." Und warum braucht es plötzlich zwei Vertretungen? "Das eine hat sich ergeben. Zufällig." Ein bisschen so wie dieses 1:0.