Die Protestwelle rollt

Köln. Das Olympia-Aus für die Ringer hat eine weltweite Protestwelle gegen das Internationale Olympische Komitee (IOC) ausgelöst

Köln. Das Olympia-Aus für die Ringer hat eine weltweite Protestwelle gegen das Internationale Olympische Komitee (IOC) ausgelöst. Nachdem die IOC-Exekutive am Dienstag in Lausanne den bereits in der Antike bekannten olympischen Traditionssport aus dem Kern-Programm für die Spiele 2020 verbannt hat, sieht sich die Welt-Sportregierung dem Vorwurf ausgesetzt, sie opfere die Tradition dem Milliardengeschäft. Zugleich scheint nicht völlig ausgeschlossen, dass das IOC sich selbst korrigiert und Ringen bei der 125. IOC-Session im September in Buenos Aires doch im Programm lässt.Mit großer Gelassenheit reagierte IOC-Präsident Jacques Rogge. "Wir sind uns der heftigen Reaktionen bewusst. Wir wussten, dass wir Kritik einstecken müssen, egal, welche Sportart es erwischt", sagte der Belgier. Er bestätigte, mit dem Präsidenten des Internationalen Ringer-Verbandes Fila, Raphaël Martinetti, bereits Kontakt aufgenommen zu haben. "Wir haben vereinbart, dass wir uns zeitnah austauschen", sagte Rogge weiter. "Sie haben versprochen, ihren Sport weiterzuentwickeln und zu kämpfen, um im Programm für 2020 bleiben zu können."

IOC-Kritiker finden längst, dass dies nicht mehr gegeben ist, dass die Funktionäre dem Mammon schon zu viel unterordnen. Gefragt für das Olympiaprogramm sind vor allem spektakuläre, telegene Sportarten. Dafür wird auch der Traditionsbruch riskiert. Das Fernsehen gibt immer stärker vor, was für Olympia in Frage kommt. Allein der TV-Riese NBC zahlt 4,38 Milliarden Dollar für die US-Rechte an den Spielen von 2014 bis 2020.

Das IOC passt sich Trend und Zeitgeist an: Bei der Winter-Olympiade (2014 in Sotschi 98 statt bisher 86 Wettbewerbe) wurde binnen weniger Jahre die Aufnahme von 20 neuen Disziplinen der Trendsportarten Snowboard und Ski-Freestyle durchgeboxt. Bei den Sommerspielen (zuletzt 302) platzt das Programm aus allen Nähten, darum müssen Traditionssportarten dem Zeitgeist Platz machen: In St. Petersburg berät die IOC-Exekutive darüber, ob nach Golf und Rugby (bereits für 2016 aufgenommen) künftig Karate, Squash, Baseball/Softball, Klettern, Rollersport, Wakeboard oder gar der chinesische Kampfsport Wushu zur Aufnahme für 2020 vorgeschlagen werden sollen.

Der Ringer-Weltverband Fila hofft, dass er noch eine Chance erhält. Er will analysieren, was zur Entscheidung in Lausanne führte, und eine Strategie entwickeln. Sie zielt darauf ab, dass die IOC-Exekutive das Ringen bei ihrer Tagung Ende Mai in St. Petersburg doch zu den Vorschlägen bezüglich neuer Sportarten addiert, die bei der Session im September zur Abstimmung stehen.

Kommt es nicht dazu, fürchtet der Deutsche Ringer-Bund (DRB) das finanzielle und sportliche Fiasko, denn er hätte statt 1,5 Millionen künftig nur noch gut 500 000 Euro zur Verfügung. Während der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) derzeit jährlich rund eine Million an den Fachverband zahlt, wären es ab 2017 für eine nicht-olympische Organisation kaum noch 100 000 Euro. Hinzu kämen nur 500 000 Euro Eigenmittel. DRB-Generalsekretär Karl-Martin Dittmann sagte: "Wir könnten den Leistungssport nicht mehr finanzieren, kaum noch Trainer und Trainingslager bezahlen."

DRB-Präsident Manfred Werner sagte: "Der Weltverband prüft derzeit, was zum Ausschluss durch die Exekutive geführt hat. Ziel ist es, durch eine starke Präsentation Ende Mai beim IOC in St. Petersburg eine neue Chance zu erhalten."

Die heftigste Reaktion nach der IOC-Entscheidung kam aus dem Mutterland der Spiele. "Das IOC tötet den Olympischen Geist. Wenn Ringen abgeschafft wird, sollte das IOC die Spiele in Olympische Business Games umbenennen", wetterte Kostas Thanos, der Präsident des griechischen Ringer-Verbandes, und warf den IOC-Funktionären vor, es ignoriere mit dem Olympia-Ausschluss seine eigene Hymne. In dieser sei im zweiten Vers die Rede vom "Laufen, Ringen und Weitwurf".

Proteste gegen die Streichung des Ringens kamen aus der gesamten Welt, vor allem aus Russland, dem Iran und den USA. "Ich hoffe, dass die Vernunft siegt und Ringen doch noch im Programm bleibt", sagte der russische Sportminister Witali Mutko, dessen Land seit Sowjetzeiten 93 Mal Gold errungen hat. In den USA, mit 53 Olympiasiegen zweitbeste Nation der Ringer-Historie, will man durch eine Unterschriftenaktion selbst US-Präsident Barack Obama für das olympische Ringen mobilisieren. "Das IOC tötet den Olympischen Geist."

Kostas Thanos, Präsident des griechischen Ringer-Verbandes

Auf Einen Blick

Die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), bekennender Fan des deutschen Ringer-Vizemeisters KSV Köllerbach, hat mit großem Unverständnis auf die Entscheidung der IOC-Exekutive reagiert, Ringen 2020 aus dem olympischen Programm zu nehmen. "Unfassbar! IOC will mit Ringen ab 2020 eine der olympischen Kernsportarten bei Olympia streichen. Was soll dann kommen? Hallenhalma?", twitterte Kramp-Karrenbauer. Der in Köllerbach wohnende Europa-Abgeordnete Jo Leinen (SPD) sagte: "Das wirkt wie ein Hammerschlag gegen die Ringergemeinde." Das dürfe nicht das letzte Wort des IOC gewesen sein. red/dpa

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