Die logische Wahl

Bastian Schweinsteiger ist als Nationalspieler Geschichte. Schnell will Bundestrainer Joachim Löw die Konzentration auf die Mammutaufgabe WM-Titelverteidigung richten. Der Kader ist gleich mal dezimiert.

Die große Show ist Manuel Neuers Sache nicht. "Ich bin kein Typ, der in Unterhosen posiert", hat er mal erzählt, als Cristiano Ronaldo in allen Hochglanzmagazinen leichtest bekleidet zu sehen war. Manuel Neuer hat das nie nötig gehabt. Er mag "Show auf dem Rasen. Aber nur, wenn sie zweckdienlich ist". Es ist die perfekte Selbst-Charakterisierung in einem Satz.

Diese Einstellung hat Neuer sehr weit gebracht und zum Weltmeister gemacht. Gestern krönte schließlich Bundestrainer Joachim Löw eine Karriere, die vom kleinen Knirps in der Schalker Fankurve zum weltbesten Torhüter kaum geradliniger hätte verlaufen. Manuel Neuer ist nun offiziell, was er schon in allen sechs Spielen bei der EM in Frankreich war: Kapitän der Nationalmannschaft.

"Für mich ist es eine große Ehre. Ich freue mich sehr über das Vertrauen, das mir der Bundestrainer schenkt", sagte der 30-Jährige, der nach Oliver Kahn somit der zweite fest benannte Torhüter als DFB-Kapitän ist. Er fügte aber auch bescheiden hinzu: "Wir wissen alle, dass wir auf dem Platz mehrere Führungsspieler benötigen. Die entscheidenden Dinge werden ohnehin im Mannschaftsrat besprochen und gemeinsam beschlossen."

Manuel Neuer ist die "logische" Kapitänswahl, findet Löw. "Er bringt alles mit, was ich mir von einem Spielführer wünsche. Seine sportlichen Leistungen sind überragend. Manuel ist immer für die Mannschaft da, er ist ein Teamplayer und ein absolutes Vorbild. Dazu kommen seine großen menschlichen Qualitäten", sagte Löw.

Auch Abwehrchef Jérôme Boateng war hoch gehandelt worden, mehr noch bei den Fans. In vielen Abstimmungen lag er deutlich vorne. Es wäre eine Entscheidung gewesen, die spätestens nach den Attacken des AfD-Politikers Alexander Gauland auch eine sozialpolitische Note gehabt hätte. Auch deshalb bemühten sich wohl alle Seiten, das Thema nicht zu hoch zu hängen. Stets war die Rede von einem Führungszirkel, von flacheren Hierarchien. "Für mich ist das nicht so das Allerwichtigste", sagte Löw: "Wir haben mittlerweile mehrere Kapitäne ." Aber nur einer trägt die schwarz-rot-goldene Binde: Manuel Neuer .

Bei der EM war der Münchner trotz der Etablierung Boatengs als Wortführer bereits wie selbstverständlich Kapitän. Fünf Mal von Beginn an, weil der nun abgetretene Bastian Schweinsteiger auf der Bank saß, ein sechstes Mal bei der Halbfinal-Niederlage gegen Frankreich (0:2), nachdem Schweinsteiger den Platz verlassen hatte. Neuer ist der neunte Schlussmann seit 1908, der eine deutsche Nationalmannschaft angeführt hat. Darunter sind große Namen wie Kahn, Sepp Maier und Heinrich Stuhlfauth, aber auch längst Vergessene wie Christian Schmidt von Concordia Wilhelmsruh, der 1910 für ein Spiel die Ehre hatte.Joachim Löw hatte nach dem emotionalen Servus für Bastian Schweinsteiger kaum Zeit für Sentimentalitäten. Den Fokus richtete der Bundestrainer sofort auf die WM-Qualifikation. Das große Ziel ist die Titelverteidigung 2018 in Moskau. Der erste unbequeme Gegner wartet schon an diesem Sonntag (20.45 Uhr/RTL) in Oslo. "Norwegen ist gefährlich. Wir spielen so ein bisschen aus der kalten Hose heraus, weil die meisten erst einen Wettkampf haben, einen Bundesliga-Spieltag", warnte Löw.

Ein Fehlstart wie in der EM-Qualifikation soll unbedingt vermieden werden. Vor zwei Jahren verlor der Weltmeister in Polen das erste Auswärtsspiel auf dem holprigen Weg Richtung Frankreich. Nach der tränenreichen Basti-Party im Borussia-Park beim 2:0 gegen Finnland musste Löw aber erst einmal sein Personal sortieren.

Der Plan, die im August hoch belasteten und gegen Finnland munter aufspielenden Silber-Jungs von Rio - Max Meyer, Niklas Süle und Julian Brandt - alle zur Erholung nach Hause zu schicken, war hinfällig. Nach dem Ausfall von Kevin Volland, der schon gestern an seiner gebrochenen Mittelhand operiert wurde, beließ Löw die Youngster Meyer und Brandt im arg geschrumpften Aufgebot. Nur Defensivmann Süle reiste wie geplant zurück nach Hoffenheim. Da auch Emre Can (Knöchel) definitiv fehlt und Julian Draxler wegen Grippe geschwächt ist, kann Löw personell kein Risiko mehr eingehen.

Die gute Nachricht des Finnland-Spiels: Die von Löw in die Startelf beförderten Nachwuchskräfte überzeugten, vor allem Torschütze Meyer. Geschonte Stammkräfte wie Toni Kroos , Sami Khedira oder Mats Hummels werden in Oslo aber wieder ins Team rücken.

Meinung:

Fußball ist kein Wahlkampf

Von SZ-Redakteur Kai Klankert

Manuel Neuer ist nicht nur eine gute, er ist die beste Wahl für das Amt des Spielführers der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Der 30-Jährige ist der wohl beste Torhüter der Welt, sportlich über jeden Zweifel erhaben, überall anerkannt und geschätzt.

Es hatte auch Argumente für andere gegeben, etwa Jérôme Boateng , der sich in den vergangenen Tagen auch selbst ins Spiel gebracht hatte. Die Entwicklung des Abwehrchefs zum Anführer und meinungsstarken Typen ist ein solches. Seine Nominierung wäre nach der bundesweiten "Nachbar-Diskussion", ausgelöst von AfD-Politiker Alexander Gauland, allerdings vor allem ein politisches Zeichen gewesen.

Fußball soll aber Fußball sein und bleiben, er hat nicht die Aufgabe, politische Signale zu senden. Die Nationalmannschaft soll sich ab Sonntag für die WM 2018 in Russland qualifizieren und nicht Wahlkampf betreiben.