Saarrekordler: Die Legende kann das Laufen nicht lassen

Saarrekordler : Die Legende kann das Laufen nicht lassen

Marathon-Saarrekordler Werner Dörrenbächer nimmt erstmals seit Jahren wieder an einem internationalen Wettbewerb teil.

Laufen bei sonnigem Wetter und milden Temperaturen macht in der Regel mehr Spaß als bei nasskaltem Dezember-Wetter. Das dürften selbst die größten Lauf-Enthusiasten, die nur schlechte Kleidung, aber kein schlechtes Wetter kennen, unterschreiben. Werner Dörrenbächer sieht das genauso. Und er muss es wissen – schließlich darf man ihn getrost als die saarländische Läufer-Legende schlechthin bezeichnen. In dieser Woche schnürt der 63-Jährige wieder mal die Laufschuhe bei einem internationalen Wettbewerb. „Die Tasche ist gepackt, ich stehe in den Startlöchern“, sagt Dörrenbächer, der nach seiner Pensionierung als Oberkommissar der Polizei nach Bulgarien ausgewandert ist und mit seiner Ehefrau in der Nähe von Burgas am Schwarzen Meer lebt.

Dörrenbächer ist nach Israel eingeladen worden, an den See Genezareth. Genauer gesagt: zum Tiberias-Marathon, der am 5. Januar bei quasi garantiert schönstem Wetter stattfindet. 15, 16 Grad Celsius, eine leichte Brise. Am Mittwoch geht der Flieger. „Ich werde über die zehn Kilometer starten“, erzählt Dörrenbächer, der bei dem Lauf gut 200 Meter unter dem Meeresspiegel eine Zeit um eine Stunde anpeilt, „der Marathon findet schon zum 41. Mal statt.“ Was er nicht sagt: Der erste Sieger am See Genezareth war 1977 Werner Dörrenbächer. Schon im vergangenen Jahr war er eingeladen gewesen, sollte im Rahmen der 40. Auflage geehrt werden. Aber er konnte nicht vor Ort sein. „Ich bin seit einem Jahr Besitzer zwei neuer Hüftgelenke“, sagt Dörrenbächer, „mittlerweile ist aber alles in Ordnung, ich merke nichts mehr und kann alles machen.“

Alles heißt vor allem auch – sein geliebtes Laufen. Kein Saarländer vor oder nach ihm lief den Marathon so schnell wie der ehemalige Polizeibeamte. 2:12:22 Stunden über 42,195 Kilometer, absolviert im Marathon von Essonne bei Paris am 16. März 1980. Diese Zeit steht in Stein gemeißelt in der Bestenliste des Saarländischen Leichtathletik-Bundes auf Platz eins. Selbst deutschlandweit stehen in der ewigen Bestenliste nur 17 Athleten vor ihm – und in diesem Jahrtausend lief mit Arne Gabius nur ein einziger Deutscher schneller als Dörrenbächer damals.

25 Jahre alt war der Polizist, in der Form seines Lebens – und ein Kandidat für die Olympischen Spiele 1980 in Moskau. Mit der Zeit von Paris erlief er sich die Startberechtigung für das größte Sportereignis der Welt – und konnte doch nicht hin. Weil die damalige UdSSR in Afghanistan einmarschierte, boykottierte der Großteil der westlichen Nationen die Spiele, darunter auch die Bundesrepublik. Der Traum von Olympia war jäh geplatzt. Dass der Sieger von Moskau, DDR-Athlet Waldemar Cierpinski, mit einer Zeit von 2:11,01 Stunden die Goldmedaille gewann – eine Zeit, die für Dörrenbächer durchaus im Bereich des Möglichen gewesen wäre – zeigt, was Dörrenbächer da durch die Politik vermutlich entgangen ist.

„Ich bin da schon in ein kleines Loch gefallen damals“, macht Dörrenbächer keinen Hehl aus seinen Motivationsproblemen, die ihn seinerzeit ereilten. Doch der 1,72 Meter große Laufästhet kam schnell wieder in Tritt und setzte sich die Olympischen Spiele 1984 in Los Angeles zum Ziel. Dörrenbächer war quasi auf sich allein gestellt, sparte den Urlaub aus zwei Dienstjahren auf und finanzierte ein achtwöchiges Trainingslager auf Gran Canaria selbst. Die Form passte, die Basis für einen schnellen Marathon war da. Doch nach seiner Rückkehr erfuhr Dörrenbächer, dass sein Dienst­herr ihn zur Teilnahme an einem Lehrgang auserkoren hatte – für drei Monate. Keine Frage: Dörrenbächer musste als Polizeibeamter zur Fortbildung. Als Sportler wusste er, was das bedeutete: „Das war das Aus“, erzählt Dörrenbächer, „zwei Mal am Tag trainieren während eines Lehrgangs war nicht drin.“

Die ganz große Leistungssport-Karriere war damit vorbei – doch Dörrenbächer lief weiter. Im wahrsten Wortsinne, denn er verschrieb sich den noch längeren Distanzen. Und so steht sein Name in einer weiteren Bestenliste – er wurde 1987 der erste deutsche Meister im 100-Kilometer-Lauf. Seine Zeit damals: unglaubliche 6:34,45 Stunden. 1990 beendete er dann seine aktive Karriere, die im kleinen Stennweiler bei Ottweiler mit einem Geschenk seines Onkels begonnen hatte. Mit ein paar Langlauf-Ski machte der kleine Werner die damals noch vorhandenen Loipen im Stennweiler Wald unsicher – und wurde schnell zu einem der besten Nachwuchs-Langläufer des Saarlandes. Fußball spielte er als Jugendlicher natürlich auch – „ich habe auf dem Bolzplatz auch mit Gerd Zewe zusammen gefuppt“, erinnert Dörrenbächer an den späteren deutschen Nationalspieler, der wie Dörrenbächer aus Stennweiler stammt. Doch Mannschaftssport – das war nicht die Welt des Werner Dörrenbächer. „Manchmal wurde schon vor dem Spiel getrunken“, erzählt er und lacht, „ich brauchte eine Einzelsportart.“

Was wäre möglich gewesen in der Karriere des Werner Dörrenbächer – bei optimalen Trainingsbedingungen und einem auf den Athleten zugeschnittenen beruflichen Umfeld, so wie es heute oft vorhanden ist? „Höhentrainingslager wie heute – das gab es damals gar nicht“, erzählt Dörrenbächer. Tempomacher während eines Marathons – die sogenannten Hasen – waren auch noch kein Thema. Eine Zeit von 2:10,00 Stunden wäre unter perfekten Bedingungen wohl machbar gewesen, glaubt Dörrenbächer. Mit Interesse verfolgte er den Rekordversuch der Sportartikelfirma Nike im Mai 2017, das sogenannte Projekt „Sub2“, bei dem der Kenianer Elius Kipchoge nahezu unter „Laborbedingungen“ auf der Auto-Rennstrecke im italienischen Monza versuchte, als erster Mensch unter der magischen Zwei-Stunden-Marke zu bleiben. Kipchoge scheiterte um 26 Sekunden, „aber irgendwann wird die Marke geknackt“, sagt Dörrenbächer.

Wenn Werner Dörrenbächer im Winter im bulgarischen Pirin-Gebirge unterwegs ist, steht für den ehemaligen Marathonläufer in der Regel auch eine Schneewanderung auf dem Programm. Foto: Werner Dörrenbächer
Sport treibt Werner Dörrenbächer täglich. Wenn er nicht joggt oder Rad fährt, ist er auf Skirollern unterwegs. Foto: Werner Dörrenbächer
Ein Ausriss aus der Saarbrücker Zeitung von 1980 dokumentiert den zweiten Sieg von Werner Dörrenbächer beim Marathon rund um Genezareth. Seine Prämie damals: ein Ferienaufenthalt in Tel Aviv und ein elektrisches Massagegerät. Foto: Werner Dörrenbächer
Ein Bild aus alten Läuferzeiten: Hier startet Dörrenbächer im Trikot von Saar 05 Saarbrücken. Foto: Hartung

Mit dem Saarland hat Werner Dörrenbächer abgeschlossen. „Ich habe mich abgenabelt“, sagt er, „ich bin angekommen.“ Angekommen am Schwarzen Meer, wo er die Wärme genießt („von März bis Oktober hatten wir nur vier Regentage“), das gute bulgarische Essen und den bulgarischen Rotwein – und die Natur. „Ich muss draußen sein“, sagt Dörrenbächer, „ich bin ein Naturmensch.“ Der höchste Berg Bulgariens, der 2925 Meter hohe Musala, wurde schon von ihm erklommen, und in der Nähe der Stadt Bansko am Fuß des Pirin-Gebirges, etwa 400 Kilometer von Burgas entfernt, hat er ein kleines Appartement, in dem er gerne Zeit verbringt und im Winter zu Schneewanderungen aufbricht. „Nur eine Loipe haben sie hier nicht“, sagt Dörrenbächer und lacht. Trotzdem geht der Blick regelmäßig noch ins vertraute Heimatland – alleine schon wegen des Vaters, der weiter in Stennweiler zuhause ist. Alte Weggefährten aus dem Saarland von früher besuchen ihn hin und wieder – und für den Saarsport interessiert er sich natürlich auch. Dörrenbächer verfolgt Ultra- und Spaßläufer Florian Neuschwander (36) aus Neunkirchen („der ist zu einer richtigen Marke geworden“) und blickt gespannt auf die Entwicklung von Langstreckenläufer Tobias Blum (22), der sich 2018 erstmals auf die Marathon-Distanz wagen will. „Ich bin sehr gespannt, wie er sich schlägt“, sagt Dörrenbächer, „er ist noch jung und hat noch Zeit.“ Aber die Fabelzeit von Werner Dörrenbächer vom 16. März 1980 wird wohl noch lange bestehen bleiben.

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