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Wahnsinn auf dem Eis
Die Kür ihres Lebens

Aljona Savchenko und Bruno Massot liefen die fast perfekte Kür. Der überraschende Lohn für die beiden deutschen Eiskunstläufer war die lang ersehnte Goldmedaille. Danach waren beide überwältigt.
Aljona Savchenko und Bruno Massot liefen die fast perfekte Kür. Der überraschende Lohn für die beiden deutschen Eiskunstläufer war die lang ersehnte Goldmedaille. Danach waren beide überwältigt. FOTO: dpa / Peter Kneffel
Pyeongchang. Was für ein Drama auf dem Eis: Aljona Savchenko und Bruno Massot machen den fast unmöglichen Olympiasieg perfekt. Nach ihrer grandiosen Vorstellung hatten sogar Fotografen und Journalisten Tränen in den Augen.

Von Weinkrämpfen geschüttelt musste Aljona Savchenko die Sieger-Interviews immer wieder unterbrechen. „Manche brauchen fünf Anläufe, manche nur einen. Ich gebe niemals auf“, stammelte die weltbeste Paarläuferin nach dem Triumph mit Bruno Massot bei ihren fünften Winterspielen. „Wir haben uns gesagt, wir kämpfen wie Tiger. Olympischer Champion – ich bin so glücklich. Es ist mein Moment“, erklärte die 34-Jährige die Energieleistung in der nahezu perfekten Kür am Donnerstag in Pyeongchang, mit der sie drei Plätze aufholten.


Eingehüllt in die Deutschland-Fahne glitten die neuen Olympiasieger bei einer Extra-Runde übers Eis und machten Selfies. „Wir sind happy, das für Deutschland geholt zu haben. Hier wurden wir unterstützt“, betonte die gebürtige Ukrainerin, deren französischer Partner erst vor Kurzem den deutschen Pass erhalten hatte. Es war das erste olympische Paarlauf-Gold für Deutschland seit 66 Jahren, zuletzt gewann 1952 das Ehepaar Ria und Paul Falk. Nicht einmal das einstige Traumpaar Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler hatte es auf den Olymp geschafft.

Wegen des Fehlers im Kurzprogramm von Massot beim Salchow starteten die WM-Zweiten als vermeintlich abgeschlagene Vierte zuerst in der Topgruppe. „So vorzulegen, hat den Druck auf die anderen erhöht. Ich bin so glücklich und habe geheult“, sagte Katarina Witt. „Sie haben alles richtig gemacht und endlich auch ein Quäntchen Glück gehabt.“ Witt war 1988 in Calgary die bis dahin letzte deutsche Olympiasiegerin im Eiskunstlauf.

Wegen der Niedergeschlagenheit von Massot hatte die deutsche Teamleitung am Tag zuvor eine ernste Besprechung angesetzt. „Wir haben klare Worte gefunden und uns eingeschworen“, berichtete Trainer Alexander König. Dabei wurde ein Facebook- und Presseverbot bis Wettkampfende ausgesprochen, um sich voll zu fokussieren.

„Von Platz vier auf eins – das ist unglaublich und großartig. Wir haben den Weltrekord gesehen. Aber wir mussten ja noch warten, das war härter als zu laufen“, beschrieb der 29 Jahre alte Massot die ungewisse Zeit bis zum feststehenden Olympia­sieg. Direkt nach dem brillanten an einen Naturfilm angelehnten Vortrag „La terre vue du ciel“ (Die Erde von oben gesehen) ließ sich die erleichterte Savchenko in der Arena auf die Eisfläche fallen.



Sogar Fotografen und Journalisten hatten nach der Vorstellung mit der Kür-Bestmarke von 159,31 Punkten feuchte Augen. Ob die Gesamtnote reichen würde, war lange nicht klar. Dann schwächelten die Weltmeister Sui Wenjing/Han Cong aus China (235,47), und 235,90 Punkte waren gerade eben genug. Meagan Duhamel/Eric Radford (230,15) aus Kanada bekamen Bronze.

„Sie haben Glück mit der Startnummer gehabt. Es war ein Kampf, und es war messerscharf“, sagte Udo Dönsdorf, Sportdirektor der Deutschen Eislauf-Union. Das künstlerische Programm sei zukunftsprägend für die Disziplin. Vor allem die nervliche Leistung von Massot sei sensationell. Dönsdorf hob zudem hervor, dass das Allgäuer Projekt mit dem Berliner König geklappt habe.

Sogar IOC-Präsident Thomas Bach war als Zuschauer gerührt: „Das war eine Achterbahn der Gefühle. Wenn ich ehrlich bin, habe ich nicht mehr daran geglaubt.“ 2010 und 2014 habe er Savchenko bereits in den Arm genommen und ihr geholfen, die Tränen nach Bronze mit Robin Szolkowy zu trocknen. Nun ist das elegante und quirlige Energiebündel am Höhepunkt der Laufbahn angelangt. „Sie ist ein wirklicher olympischer Champion“, sagte Bach.