Die größte Droge ist Anerkennung

Hannover benötigt in Lüttich ein Remis mit Toren, um sich für die K.o-Runde der Europa League zu qualifizieren. Clubchef Martin Kind spricht vom international größten Erfolg der Vereinsgeschichte

 Mirko Slomka trainiert seit Januar 2010 Hannover 96. Er löste Andreas Bergmann ab. Sein Vertrag gilt bis Juni 2013. Foto: Steffen/dpa

Mirko Slomka trainiert seit Januar 2010 Hannover 96. Er löste Andreas Bergmann ab. Sein Vertrag gilt bis Juni 2013. Foto: Steffen/dpa

Hannover benötigt in Lüttich ein Remis mit Toren, um sich für die K.o-Runde der Europa League zu qualifizieren. Clubchef Martin Kind spricht vom international größten Erfolg der Vereinsgeschichte. Was bedeutet das für den Trainer Slomka?Slomka: Für mich ist es auch ohne das Weiterkommen schon der größte internationale Erfolg, denn es ist nicht alltäglich, in der Relegation den FC Sevilla zu schlagen.

Aber Sie standen mit Schalke 04 schon im Halbfinale des Uefa-Cups und im Viertelfinale der Champions League.

Slomka: Das ist nicht vergleichbar. Mit Hannover freue ich mich ganz speziell, weil ich ein Kind dieser Stadt bin.

Wie kann der Europacup genutzt werden kann, um Nachhaltigkeit herzustellen? Mit ihrem Personaletat von 27 Millionen Euro ist der jetzige Rang acht in der Bundesliga okay, er ist aber kein Europacup-Platz.

Slomka: Wir müssen Spieler, von denen wir überzeugt sind, halten. Da reden wir von Typen wie Jan Schlaudraff, der bei uns an Größe gewonnen hat. Und es geht wahrscheinlich auch darum, begehrenswerte Spieler mal zu verkaufen - davon sollten wir uns nicht freimachen.

Wenn ein Club kommt und 15 Millionen Euro für Mohammed Abdellaoue bietet, ist ihr Stürmer nicht mehr unverkäuflich?

Slomka: Dann müssten wir nachdenken, und das halte ich für legitim. Wenn ein Spieler, der sich hier entwickelt hat, mit so deutlichem Gewinn abgegeben werden könnte, müsste man das in Erwägung ziehen. Wir wären dann gefordert, die nächste Entdeckung zu tätigen.

Die Entwicklung zur Topmannschaft ist schwierig. Mainz, Nürnberg, Freiburg können die Leistung der Vorsaison nicht bestätigen, finden sich im unteren Drittel wieder. Hannover nicht.

Slomka: Wir hatten das Glück, nicht mit Leihspielern zu arbeiten. Aber so ist unsere Personalplanung ausgerichtet. Für andere Clubs war es bitter, Spieler zu entwickeln, aber gleich wieder abzugeben. Wir konnten dagegen das Konstrukt zusammenhalten. Aber wenn unser Gerüst nur auf drei Positionen verändert würde, bekämen wir auch Probleme.

Sie haben Spieler wie Manuel Schmiedebach, Lars Stindl, Konstantin Rausch, Ron-Robert Zieler entwickelt, andere wie Schlaudraff oder Karim Haggui wieder stärker gemacht. Lässt sich das so leicht wiederholen?

Slomka: Ich glaube, ich habe 24, 25 Debütanten in die Liga geführt, darunter sind mit Benedikt Höwedes, Manuel Neuer oder Mesut Özil aktuelle Nationalspieler. Ich darf also behaupten, dass ich einen Blick für Talente habe und es schaffe, gestandene Spieler durch eine andere Art des Umgangs zu alter Stärke zurückzubringen.

Wie?

Slomka: Durch Respekt. Es geht darum, Wertschätzung für vergangene Leistungen entgegenzubringen, vielleicht auch ihre Art zu leben zu akzeptieren. Die größte Droge ist Anerkennung. Damit lässt sich in allen Bereichen der Gesellschaft größte Wirkung erzielen. Das Handwerkszeug bringen viele mit, doch um in die Spitze zu kommen, braucht es Selbstvertrauen und Willen. Dafür bin ich als Trainer verantwortlich.

Sie reden über mentale Stärke. Torwart Zieler haben Sie vor dem Debüt in der Nationalelf nach dem Schalke-Spiel (2:2) öffentlich kritisiert, aber nach seinen Fehlern in Wolfsburg (1:4) geschützt. Warum die Extreme?

Slomka: Was ich extern sage und intern im persönlichen Gespräch äußere, ist schon etwas anderes. Nur: Vor dem Schalke-Spiel hatte ich bei Ron-Robert den Eindruck, dass die Nationalelf ihn zu sehr beschäftigt und abgelenkt hat. Das habe ich ihm auch in aller Deutlichkeit gesagt. Torhüter dürfen nie aufhören, sich auf das Abrufen von Leistung zu konzentrieren.

Wie sind Sie mit Torwart Markus Miller umgegangen, der sein Burnout-Syndrom öffentlich gemacht hat?

Slomka: Er kam frühzeitig zu mir. Ich habe ihn gebeten, seinen Arzt von der Schweigepflicht zu entbinden, um mir ein besseres Bild zu machen. Ich hatte das Gefühl, er gibt mir seinen Rucksack, den ich nicht alleine tragen konnte. Ich finde, wir sind dann alle im Club professionell, ruhig damit umgegangen. Als Markus zurückgekommen ist, hatte ich das Gefühl, er wäre nie weggewesen. Er ist ein tolles Beispiel, dass nach einer solchen Erkrankung die Rückkehr möglich ist.

Ist Hannover 96 durch den Suizid von Robert Enke besser auf solche Probleme vorbereitet?

Slomka: Jeder Fall ist individuell. Aber: Markus hätte für seine Erkrankung kaum einen besseren Club haben können, weil Stadt, Fans, Mitspieler und Medien für dieses Thema sensibilisiert waren. Alle Seiten gehen damit respektvoll um. Robert Enke hat natürlich alle in Hannover aufhorchen lassen.

Ihr Weggefährte Ralf Rangnick ist aus den gleichen Gründen wie Miller ausgestiegen. Wie sehr hat Sie das betroffen gemacht?

Slomka: Grundsätzlich macht man sich über die Situation eines Trainers dann auch seine Gedanken, aber ich sage für mich, dass ich den Druck einigermaßen kanalisieren kann.

Schiedsrichter Babak Rafati aus Hannover konnte das offensichtlich nicht.

Slomka: Ich kenne ihn gut. Er hat eine Nähe zu 96. Mir zeigt der Fall, dass wir vom Inneren des Menschen zu wenig wissen. Ich denke, dass wir den Profi-Schiedsrichter einführen sollten, weil der Aufwand fast ähnlich ist wie für Spieler oder Trainer. Selbst TV-Kommentatoren erledigen ihre Arbeit nicht nebenbei, sondern bereiten sich Tage auf ein Spiel vor.

Würde es helfen, wenn die Branche verbal weniger brachial miteinander umgeht?

Slomka: Lob und Tadel bleiben die Mittel eines Trainers. Daher ist es schwierig, noch vorsichtiger zu sein oder sich alles vorher zu überlegen. Auf dem Trainingsplatz ist manchmal eine forsche Ansprache nötig. Wir müssen uns im Klaren sein, in welchem Berufszweig wir uns befinden. Da ist jeden Tag Druck. Es geht darum, mindestens einmal die Woche Höchstleistung abrufen. Dafür leben und arbeiten wir. Ich möchte das nicht missen. Jeder kann selber entscheiden, ob er daran teilnimmt. Konstruktive Kritik gegenüber allen, die an dem Produkt Fußball arbeiten, muss erlaubt sein. Beleidigend oder persönlich darf Kritik nie sein.

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