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Die Fingernägel von Flo-Jo

Die Fingernägel von Flo-Jo

Was für eine Frau. Bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul gab es verschwitzte russische Diskuswerferinnen. Kugelstoßerinnen, die einen ausgewachsenen Mann hochheben konnten. Und es gab Florence Griffith-Joyner. Die US-Sprinterin war die größte Attraktion, und das nicht nur für einen Elfjährigen im Saarland. Ich kann mich noch genau erinnern, was "Flo-Jo" anhatte

Was für eine Frau. Bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul gab es verschwitzte russische Diskuswerferinnen. Kugelstoßerinnen, die einen ausgewachsenen Mann hochheben konnten. Und es gab Florence Griffith-Joyner. Die US-Sprinterin war die größte Attraktion, und das nicht nur für einen Elfjährigen im Saarland. Ich kann mich noch genau erinnern, was "Flo-Jo" anhatte. Die Amerikanerin sah so gar nicht aus wie eine Athletin, mehr wie eine Schönheitskönigin. Lange, wehende, schwarze Haare, ein hautenger Rennanzug - und immer frisch geschminkt. Das Stadion war ihre Bühne, ihr Catwalk. Das Model und die Laufbahn.

Was mir am meisten in Erinnerung geblieben sind, sind ihre unfassbar langen Fingernägel. Rot lackiert und zehn Zentimeter lang - ein Rätsel, wie sie damit starten konnte. Was die Frau mit dem Doppelnamen (sie hatte den Dreispringer Al Joyner geheiratet) auf die Tartanbahn brachte, war nahezu unglaublich. Vorher ohne große Titel, gewann sie in Seoul über die 100 Meter (10,54 Sekunden), über die 200 Meter sogar in Weltrekordzeit (21,34 Sekunden), und mit der US-Staffel die 4x100 Meter. "Flo-Jo" war der Liebling der Medien. Silber über 4x400 Meter rundete ihre Bilanz ab.

Bald aber schon gab es auf Grund ihres immensen Leistungssprungs binnen einen Jahres die ersten Dopinggerüchte. Auch ihr bald folgender Rücktritt vom Spitzensport nährte diese Gerüchte. 1989 kehrte sie dem Leistungssport den Rücken und brachte 1990 Töchterchen Mary Ruth zur Welt. Mehrmals wollte sie zurück auf die Laufbahn, auf ihre Bühne. Das scheiterte aus gesundheitlichen Gründen - zuletzt vor Atlanta 1996 wegen Achillessehnebeschwerden.

Dann der Schock: Florence Griffith-Joyner starb am 21. September 1998 mit nur 38 Jahren. Über die Todesursache wurde wild spekuliert. Das Herz, ein Hirntumor, ein epileptischer Anfall? Offiziell war es eine Gehirnanomalie. Ihr Geheimnis nahm sie mit ins Grab. Und trotz aller Gerüchte: Ich bin froh, dass nach dem Skandal um Ben Johnson mir dieses Staunen über einen Athleten bei "Flo-Jo" nicht genommen wurde.