Tischtennis-WM in Schweden Die Achterbahnfahrt endet mit WM-Silber

Halmstad · Die Tischtennis-Nationalmannschaft mit Timo Boll und dem Saarbrücker Patrick Franziska verliert erst im Finale gegen China.

Timo Boll und seine tapferen Teamkameraden hatten sich mit letzter Kraft zum Endgegner vorgekämpft. Sie hatten ihre Schmerzen ignoriert, die Nerven behalten und den Finaleinzug bei der Mannschafts-WM in Schweden wie einen Titel gefeiert. Es sollte ihr letzter ausgelassener Jubel in Halmstad bleiben. Im Endspiel fanden Boll und Co. keinen Weg vorbei an der Tischtennis-Übermacht China.

Beim 0:3 war die Auswahl von Bundestrainer Jörg Roßkopf gestern ebenso chancenlos wie bei den vier Finalniederlagen zuvor. Es reichte gerade einmal zu einem Satzgewinn. Bereits 2004, 2010, 2012 und 2014 war das Team um Anführer Boll von den erbarmungslosen Seriensiegern gestoppt worden. Dennoch glänzt die Silbermedaille diesmal etwas goldener als bei den Versuchen zuvor. „Es ist nicht das erste Mal, dass wir kurz vor dem Ziel noch gestoppt wurden. Aber China hat hochverdient gewonnen. Wir haben hier in Schweden eine echte Teamleistung gezeigt, und darauf bin ich stolz“, sagte Boll.

Das Verletzungspech im Team des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB) hätte kaum größer sein können. Dimitrij Ovtcharov (29) war nach seiner Hüftverletzung längst nicht im Vollbesitz seiner Kräfte, gegen China fehlte der Weltranglistendritte sogar. Aber auch Boll (Rücken) und der Saarbrücker Patrick Franziska (Oberschenkel) waren zeitweise angeschlagen, so dass sogar die Medaillenchance in Gefahr geriet.

Mit „unglaublichem Zusammenhalt“ (Roßkopf) stemmte sich das Team gegen die Misere – und wurde belohnt. Boll biss auf die Zähne, gemeinsam mit Rückkehrer Franziska sicherte der 37-Jährige den 3:2-Sieg am Samstag im Halbfinale gegen Südkorea und damit das Kräftemessen mit China. Im Überschwang der Gefühle schickte Franziska (25), der Topspieler des 1. FC Saarbrücken, gar noch eine Ansage an den Rekordweltmeister: „Wir wollen China angreifen. Wir sind bereit, China anzugreifen.“

Doch der Top-Favorit, seit 18 Jahren ohne Niederlage, konterte souverän und nahm mit beinahe unverschämter Leichtigkeit seinen 21. WM-Titel mit nach Hause. Der Weltranglistenzweite Boll (0:3 gegen Ma Long), Franziska (1:3 gegen Xu Xin) und der für Ovtcharov ins Team gerückte Abwehrspezialist Ruwen Filus (0:3 gegen Fan Zhendong) schafften es nicht, China den ersten Punkt im achten Turniermatch abzujagen. „Für mich war die WM eine Achterbahnfahrt. Erst super gestartet, dann kam die Verletzung. Deshalb fühlt sich die Silbermedaille super an“, sagte Franziska.

Gemeinsam mit den Frauen, die ebenfalls ihr 21. Mannschafts-Gold gewannen, feierten die Chinesen ihren 17. Doppelsieg der WM-Geschichte. Angesichts dieser einzigartigen Dominanz war von Enttäuschung im deutschen Lager kaum etwas zu spüren. Obwohl das Team vor China an Position eins gesetzt war, glaubten nur die kühnsten Optimisten tatsächlich an einen Triumph. Der kann nur gelingen, wenn Boll und Ovtcharov in der Verfassung sind, ihr gesamtes Potenzial abzurufen. Dass dies nicht passieren kann, war wegen Ovtcharovs Verletzung schon im Vorfeld klar.

Die Gelegenheiten, einen neuen Versucht zu starten, werden immer weniger, das Ende von Bolls großer Karriere rückt näher. Bis zu den Sommerspielen 2020 in Tokio wolle er auf jeden Fall weiterspielen, sagt Boll. Doch er muss damit rechnen, am letzten Level zu scheitern. Der Endgegner China dürfte unüberwindbar bleiben.

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