Der zentrale Mann

Zweimal Reservist, einmal eingewechselt. Bastian Schweinsteiger ist noch nicht bei der WM angekommen. Bietet die Verletzung von Sami Khedira dem Vize-Kapitän jetzt die große Chance?

Hermann Gerland ist widerlegt. Bayern Münchens Fachmann beim Entdecken großer Talente hat vor vielen Jahren mal gesagt: "Der Philipp Lahm kann gar nicht schlecht spielen." Bei seiner dritten Weltmeisterschaft hat Lahm das Gegenteil bewiesen. In der Partie gegen Portugal (4:0) zum Auftakt spielte er zumindest mal nicht besonders gut, in der gegen Ghana (2:2) schlecht. Lahm verursachte ein Gegentor, weil er einen Fehlpass in einer Situation spielte, in der das verboten ist. Er leistete sich so viele Fehlpässe wie sonst in einer ganzen Bundesliga-Rückserie nicht.

Dadurch lahmte das deutsche Mittelfeldspiel. Und weil an nicht so guten Tagen zuweilen alles zusammenpasst, gönnte sich Lahms Nebenmann in der defensiver ausgerichteten Zentrale eine ziemlich matte Vorstellung. Sami Khedira fiel im zweiten Gruppenspiel in jenes Loch, das sich fast schon natürlich irgendwo nach dem Aufbautraining und einer halbjährigen Verletzungspause auftut. Er wirkte kraftlos, verlor Zweikämpfe, weil ihm erkennbar die nötige Spritzigkeit abging. "Ich suche da keine Ausreden", sagte er, "es war zu wenig". Lahm hatte lediglich zu Protokoll gegeben: "Fehler passieren auch anderen." Bundestrainer Joachim Löw erlöste Khedira von seinen Qualen und schickte Bastian Schweinsteiger aufs Feld. Und weil der mächtig Eindruck machte (Löw: "Er hat der Mannschaft einen Schub gegeben."), fängt der Konkurrenzkampf um die zentrale Position in der Mannschaft vor der Partie gegen die USA wieder an.

Dabei hatte Löw sich das ganz schön ausgedacht. Khedrias Wucht und antreibende Kraft sollten das taktische Geschick und die Spielintelligenz von Lahm perfekt ergänzen, leicht vorgezogen war es Toni Kroos ' Aufgabe, das Spiel mit Pässen zu entwickeln. Über Schweinsteiger wurden dann und wann ein paar lobende Worte verloren ("Er kann uns noch sehr helfen."), sein Stammplatz aber schien die Bank.

Danach sieht es jetzt nicht mehr aus. Schweinsteiger wird nach seiner guten 20-Minuten-Vorstellung eine Rückversetzung nicht ohne einen gewissen Widerstand ertragen. Und er hat - anders als zu Beginn der Vorbereitung - nun auch Argumente für einen Einsatz. Das wiederum bringt Löws mühsam errichtetes Gebäude in leichte Schwankungen. Denn Khedira, der sich als erklärter Wunschspieler des Trainers fühlen darf, wird vielleicht eine schöpferische Pause hinnehmen, wie Löw sie vorsichtshalber angekündigt hat: "Es kann sein, dass wir den Sami mal rausnehmen müssen." Was aber ist, wenn Schweinsteiger gegen die USA spielt und überzeugt?

Im Wettkampf der Platzhirsche wird dann das große Röhren beginnen. Und die Beobachter werden die Argumente zusammentragen.

Schweinsteiger hat ein bisschen was von Lahm, möchte bei allen Aufbauversuchen mal am Ball sein. Er hat ein bisschen was von Khedira, weil er Zweikämpfe bestehen kann. Und er hat ein bisschen was von Kroos, weil er ein großer Stratege ist. Aber er könnte das Gleichgewicht stören, das vor allem durch Lahms Versetzung ins Mittelfeld perfekt schien. Es war offenbar der Herzenswunsch des Kapitäns, der bei Bayern gemerkt hat, dass er in der Mitte mehr Einfluss aufs Spiel nehmen kann als auf der Rechtsverteidiger-Position.

Damit hatte er zunächst mal den Vereinskollegen Schweinsteiger aus der Mannschaft gedrängt, obwohl er davon nichts wissen will. "Ich nehme niemandem den Platz weg", sagt er. Löw droht, was er überhaupt nicht mag: ein Konflikt zwischen Stars. "Im Lauf des Turniers wird sich zeigen, was mit dem Teamgeist ist, wenn einer auf der Bank sitzt, der das nicht kennt", hat Lahm ziemlich weise festgestellt.

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Auf einen BlickAls die Sprache auf die "Schande von Gijón " kam, war für Jürgen Klinsmann Schluss mit lustig. Mit kämpferischer Miene schloss der US-Nationaltrainer einen Nicht-Angriffspakt im Spiel gegen sein Heimatland Deutschland aus. "Wir kämpfen immer um den Sieg", sagte er nach dem 2:2 (0:1) der USA im WM-Spiel gegen Portugal. Dass beiden Mannschaften ein Unentschieden für den Sprung in die Runde der letzten 16 reicht, lässt Erinnerungen an eine schwarze Stunde der deutschen WM-Geschichte wach werden. Bei der WM 1982 in Spanien hatte der Nicht-Angriffspakt zwischen der deutschen Elf und Österreich (1:0) im abschließenden Vorrundenspiel in Gijón für einen Skandal gesorgt - so kamen beide Mannschaften weiter. sid