Der wertvollste zweite Platz seiner Karriere

Der wertvollste zweite Platz seiner Karriere

Yeah, World Champion", brüllte Nico Rosberg nach dem Zieleinlauf in den Boxenfunk, drehte nach 55 Runden auf dem Yas Marina Circuit einige Kringel aus Gummi auf den Asphalt, sprang von seinem Auto, rannte zu seiner Mechaniker-Truppe, herzte fast jeden Einzelnen und wurde geherzt, insbesondere von Mutter Sina und Frau Vivian. In der Mercedes-Box wurden zuvor schon Tänzchen aufgeführt, es herrschte unbeschreiblicher Jubel. Im Parc fermé hatte Sieger Lewis Hamilton dem neuen Champion fair gratuliert, Ferrari-Kollege Sebastian Vettel umarmte seinen Landsmann, und Rosbergs Frau, die eigens von Monaco eingeflogen wurde, war überglücklich: "Wahnsinn, unglaublich, ich zittere immer noch. Diese Intensität kann man gar nicht beschreiben. Mir ist das Rennen vorgekommen wie 200 Stunden."

Mit seinem zweiten Platz im Saisonfinale von Abu Dhabi hat Nico Rosberg seinen Teamkollegen Lewis Hamilton als Weltmeister entthront, der den Flutlicht-Grand-Prix gewonnen hat. Ausgerechnet an der Stätte seiner schmerzlichsten Niederlage, an der Rosberg 2014 die WM gegen Hamilton verloren hat, krönte sich der 31-Jährige erstmals zum Formel-1-Weltmeister - als dritter Deutscher nach Michael Schumacher (sieben Titel) und Sebastian Vettel (vier Titel). "Für mich hat sich ein Kindheitstraum erfüllt. Einfach unglaublich, unglaublich. Auf der Auslaufrunde kamen Tränen ohne Ende. Ich bin stolz, dass ich in die Fußstapfen meines Vaters treten konnte", sagte Rosberg, dessen Vater Keke 1982 Weltmeister geworden war. Der Finne war beim Triumph seines Sohnes nicht direkt an der Strecke, wollte sich das Geschehen in Ruhe vor dem Fernseher anschauen. "Ich möchte allen danken, die mich während der Saison unterstützt haben. Jetzt aber will ich feiern und die Sau rauslassen", sagte Rosberg junior.

Bis zum Feiern machte ihm Dauerrivale Hamilton, der mit zehn Saisontriumphen einen Sieg mehr eingefahren hat als Rosberg, das Leben schwer. Das an Höhepunkten ereignisarme Rennen nahm erst in der zweiten Hälfte Fahrt auf. In Runde 32 von 55 bummelte Hamilton um den Kurs, um Rosberg hinter ihm einzubremsen. So sollten die Gegner von hinten rankommen und Attacken auf Rosberg starten. Denn nur, wenn der das Podium verpasst hätte, wäre der Titel für den dreimaligen Weltmeister wieder in Reichweite gewesen. Als Hamilton vom Kommandostand aufgefordert wurde, das Tempo zu forcieren und Gas zu geben ("Lewis, das ist ein Befehl"), antwortete der frustrierte Weltmeister , der das Rennen von der Pole Position vor Rosberg angeführt hatte: "Ich verliere hier gerade die Weltmeisterschaft. Da ist es mir egal, ob ich das Rennen gewinne oder verliere." Markige Worte, die nicht ohne Folgen bleiben werden. Hamilton fuhr weiterhin "sein" Tempo und widersetzte sich dem Boxenbefehl. Nach dem Rennen gestand Hamilton ganz offen, dass er Rosberg einbremsen und das Rennen beeinflussen wollte "Ja, absolut, das wollte ich", unterstrich er. Motorsportchef Toto Wolff stieß die Handlungsweise Hamiltons auf: "Damit hat er den Sieg für Mercedes gefährdet und einen Präzedenzfall für die Zukunft geschaffen. Wenn wir so weitermachen, würde das totale Anarchie bedeuten, dann macht jeder, was er will. Da werden wir dazwischenhauen."

Für einen ersten Aufreger hatte Rosberg in Runde 20 gesorgt. In einem riskanten Manöver setzte er sich neben Max Verstappen, zog erst zurück und schnappte sich den Niederländer, der auf der Piste selbst wenig zurückhaltend zu Werke geht, dann dank seiner Motorpower und war wieder auf Platz zwei hinter Hamilton. Eine mutige Aktion, wenn man bedenkt, was auf dem Spiel stand. Ferrari-Pilot Sebastian Vettel wurde nach einem starken Schlussspurt Dritter, Nico Hülkenberg im Force India Siebter, Manor-Pilot Pascal Wehrlein fuhr auf Rang 14.

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