Der Weltmeister wackelt, siegt aber

Der Weltmeister wackelt, siegt aber

Das war noch nicht europameisterlich. Mit einigen Wacklern in der Abwehr hat sich Mitfavorit Deutschland zu einem glücklichen Auftaktsieg gezittert. Die Treffer erzielten Shkodran Mustafi und Bastian Schweinsteiger.

Bastian Schweinsteiger rannte über das ganze Feld und sprang Manuel Neuer überglücklich in die Arme. Sekunden zuvor war der eingewechselte Kapitän noch über den halben Platz in die andere Richtung gehetzt und hatte den deutschen Fußball-Weltmeistern zum Auftakt der EM ein 2:0 (1:0) gegen die Ukraine gesichert - mit seinem ersten Tor in einem Länderspiel seit knapp fünf Jahren. "Unglaublich, dass es so etwas gibt", sagte Schweinsteiger, der erst seinen zweiten Kurzeinsatz seit Mitte März hatte. Schweinsteigers Treffer in der Nachspielzeit war der Schlusspunkt eines glücklichen Sieges.

Der Weltmeister wackelte bedenklich, aber er fiel nicht. Shkodran Mustafi mit seinem Treffer in der 19. Minute, Torhüter Manuel Neuer mit mehreren Glanzparaden und Jerome Boateng mit einer spektakulären Rettungstat verhalfen dem Team von Bundestrainer Joachim Löw zu einem schmeichelhaften Erfolg. Die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes blieb damit auch im zwölften Auftaktspiel bei einer EM-Endrunde ungeschlagen. Für Löw war es bei seinem fünften Turnier als Cheftrainer auch der fünfte Sieg im ersten Spiel.

"Ich bin froh, dass wir gewonnen haben und dass es auch mir gut geht", sagte Schweinsteiger, der lange mit einer Knieverletzung gekämpft hatte. Zufrieden war auch der andere Torschütze. "Wir haben gewonnen und sogar noch zu null gespielt - wir haben also eigentlich alles erreicht", fand Mustafi.

Der Weltmeister muss sich aber gewaltig steigern, vor allem in der Abwehr. Gegen die Ukraine wirkte die deutsche Elf mit ihrer neu formierten Hintermannschaft bisweilen unsortiert. In Hälfte zwei war die Hintermannschaft stabiler, aber auch im Spiel nach vorne sah Deutschland selten weltmeisterlich aus. Mario Götze fehlte die Bindung, Thomas Müller konnte sich nicht in Szene setzen. Nur Toni Kroos gelang es, für Gefahr im Spielaufbau zu sorgen. Sein Fernschuss touchierte die Latte (52.).

Die größte Baustelle war die Abwehr. Höwedes kam gleich mal zu spät, als Jewgeni Konopljanka in der vierten Minute abzog und Neuer zu einer Glanzparade gegen den Schuss aus 16 Metern zwang. Sein weltmeisterliches Können musste Neuer noch ein weiteres Mal unter Beweis stellen: Bei einem Schuss von Jewgeni Chatscheridi aus kurzer Distanz riss er gerade noch die rechte Faust hoch und lenkte den Ball über die Latte (27.). Im Angriff war Deutschland zunächst uninspiriert, die beste Chance hatte nach Vorarbeit von Müller noch Hector (13.), der Auersmacher traf den Ball aber nicht richtig. Dafür gelang Mustafi ein wunderbarer Kopfball nach einem Freistoß von Kroos - sein erstes Tor im elften Länderspiel. Sami Khedira hätte die Führung ausbauen können (29.), scheiterte aber am aufmerksamen Torhüter Andrej Pjatow.

Noch eine Spur artistischer als die Paraden von Neuer war die Rettungstat von Boateng, der in der 37. Minute sein eigenes Eigentor verhinderte - im Rückwärtsfallen schlug er den Ball von der Torlinie.

Vor dem Spiel hatten deutsche Hooligans ein schlechtes Licht auf die Bundesrepublik geworfen. Mehr als 50 Krawallmacher griffen in Lille ukrainische Fans an. Und das ausgerechnet an dem Tag, an dem auf Einladung des DFB Daniel Nivel im Stadion saß, jener Polizist, den 18 Jahre zuvor deutsche Hooligans fast zu Tode geprügelt hatten - im nur 30 Kilometer entfernten Lens.