Der weiße Wal Emil Poklitar feiert 80. Geburtstag

FCS-Legende Poklitar : Der „weiße Wal“ ist unvergessen

Der frühere FCS-Kultstürmer Emil Poklitar feiert an diesem Freitag seinen 80. Geburtstag – und erinnert sich an seine Karriere.

Der „weiße Wal“ wird 80. An diesem Freitag. Nein, nicht Moby Dick aus dem Klassiker der amerikanischen Literatur von Herman Melville, denn der „erblickte“ ja schon 1851 das Licht der Welt. Der „weiße Wal“ ist der Spitzname von Emil Poklitar, des Kultstürmers des 1. FC Saarbrückens der Sechziger Jahre. „Ein gegnerischer Torwart sagte mal, man würde mich die ganze Zeit nicht sehen. Wenn ich dann aber im Strafraum auftauche, würde es gefährlich. Wie beim weißen Wal“, erzählt der Jubilar über den Namen, der bei FCS-Fans noch heute Gänsehaut auslöst – auch wenn Poklitar sein letztes Spiel für die Blau-Schwarzen im Sommer 1969 bestritten hat. „Es ist ein sehr schönes Gefühl, dass viele Leute meinen Namen noch kennen“, sagt Poklitar.

Geboren wurde Poklitar 1939 in Tatanir in Rumänien. Zwei Jahre später floh die Familie vor den anrückenden russischen Truppen – erst nach Deutschland, dann über die Tschechoslowakei und Polen wieder nach Berlin. „Vielleicht habe ich darum auch keine Heimat“, sagt Poklitar, der seit über 50 Jahren in Kleinblittersdorf zuhause ist.

In Berlin begann auch die Fußballer-Laufbahn. Von der SG Finkenkrug ging es 1958 zum DDR-Oberligisten Rotation Babelsberg und 1960 zum Stasi- und SED-Vorzeigeclub Dynamo Ost-Berlin. Schon im ersten Jahr traf Poklitar in 19 Spielen 14 Mal. Damals schon an seiner Seite war Arzttochter Grytha. „Ich kannte ihn gar nicht, erst eine Freundin hat mir erzählt, dass er ein guter Fußballspieler ist“, erzählt seine Frau: „In zwei Jahren feiern wir hoffentlich den 60. Hochzeitstag. Wir hatten in all den Jahren ganz selten Streit. Wir haben viel erlebt, was zusammenschweißt.“

Wie die Flucht in den Westen. Am 13. August 1961 nutzten Poklitar und sein Mitspieler Rolf Starost ein Freundschaftsspiel beim dänischen Verein Boldklubben 93 zur Flucht. „Wir hatten Wind davon bekommen, dass sie die Mauer bauen wollen. Die Mannschaftskollegen versperrten den Stasi-Aufpassern die Sicht, als wir den Zug verließen. Per Anhalter sind wir zum Hafen von Kopenhagen und von dort mit dem Schiff weiter nach Hamburg.“ Grytha, damals kurz vorm Abitur, hatte weniger Glück: „An dem Tag rollten Panzer durch die Straßen, innerhalb weniger Stunden war alles abgeriegelt.“ Mehrfach wurde sie von der Staatssicherheit verhört, Emil drohte als Fahnenflüchtigem sogar die Todesstrafe. Erst ein abgelaufener Schülerausweis und ein Kindertransport des Roten Kreuzes brachte die beiden wieder zusammen.

Emil Poklitar schloss sich Tennis Borussia Berlin an, machte dort wegen der verhängten Sperre aber kein Spiel. Deswegen platzte ein Wechsel zu Schalke 04, bei Viktoria Köln trainierte er unter einem gewissen Hennes Weisweiler. Wirklich zum Spielen kam er beim SC Freiburg, wo er in 67 Spielen 30 Tore erzielte. „Der SC Freiburg spielte damals noch auf einem Acker“, scherzt Emil, und Grytha Poklitar erzählt vom Leben im Breisgau: „Wir waren mit nichts als den Kleidern am Leib geflohen. Das Geld, das Emil verdiente, wanderte in einen Koffer unters Bett. Wir haben jeden Abend nachgezählt.“

Als Freiburg den Aufstieg verpasste, wechselte Poklitar zum FCS. Trotz anderer Angebote und nicht nur aus sportlichen Gründen. „Wegen des Geldes“, sagt er erfrischend offen: „20 000 Mark Handgeld habe ich bekommen, dazu 160 Mark im Monat und 100 pro Sieg.“ Davon gab es in der Saison 1964/1965 in der Regionalliga viele. Mit 33:1 Punkten wurde der FCS Meister, spielte in der Aufstiegsrunde unter anderem gegen Bayern München. „Damals waren 42 000 Leute im Ludwigspark. Gawletta ging über rechts durch und flankte. Ich lief in den Strafraum und köpfte den Ball rein“, erzählt der Siegtorschütze vom 1:0-Erfolg über den späteren Aufsteiger von der Isar.

Ein Jahr später ging es in der Aufstiegsrunde gegen Schweinfurt 05. „Ich hatte eigentlich schon bei Schalke unterschrieben“, sagt der Torjäger von einst: „Als ich gegen Schweinfurt in der Anfangsphase einen Elfmeter verschossen habe, haben die Fans mich ganz schlimm beschimpft.“ Doch der „weiße Wal“ schlug noch drei Mal zu, Saarbrücken gewann, der FCS stieg trotzdem nicht auf. „Sie haben mich dann überzeugt zu bleiben. Am letzten Tag vor Ablauf der Frist habe ich ein Telegramm mit der Absage nach Gelsenkirchen geschickt“, erinnert sich Poklitar.

Bis 1969 erzielte er für die Malstatter in 126 Spielen 99 Tore. Dann riss beim Probetraining in Italien der Oberschenkelmuskel, die Karriere war vorbei. „Hermann Neuberger war ein väterlicher Freund für mich. Erst hat er dafür gesorgt, dass ich einen Kurs zum Sportlehrer absolvieren konnte. Und als ich dann im Gymnasium am Schloss in Saarbrücken arbeiten durfte, konnte ich nebenher mein Studium als Diplomsportlehrer absolvieren.“

Bei seinen erfolgreichen Trainerstationen unter anderem in Fechingen und Saargemünd bekam er es in der Jugend des SV Auersmacher mit dem heutigen Nationalspieler Jonas Hector zu tun. „Jonas war ein sehr ehrgeiziger Spieler“, erzählt Emil, Grytha zeigt gemeinsame Fotos auf dem Handy: „Er hat uns vor ein paar Wochen zum Aufstiegsspiel nach Köln eingeladen, das war ein schönes Erlebnis.“

Vor 14 Jahren erlitt Poklitar einen Schlaganfall. Er kämpfte sich zurück ins Leben, lernte wieder sprechen und mit seiner rechtsseitigen Lähmung umzugehen. „Es muss ja weitergehen“, sagt er und strahlt unbändige Lebensfreude und positive Einstellung aus. Wenn das Ehepaar über kleine Abweichungen in den Erinnerungen „zankt“, blitzen immer wieder Charme und Humor auf und die tiefe Verbindung der beiden zueinander.

So haben ihn die Fans des 1. FC Saarbrücken kennen und lieben gelernt. Im Strafraum war Emil Poklitar (rechts) ein ständiger Gefahrenherd und gefürchteter Torjäger – sehr zur Freude der Blau-Schwarzen. Foto: Hartung

Ehemalige Weggefährten wie Egon Schmidt, Wolfgang Seel oder Horst Zingraf trifft Poklitar einmal im Monat beim gemeinsamen Stammtisch. Sie werden auch zu den Gratulanten gehören. Das schönste Geschenk wird ein anderes sein. „Der Geburtstermin unseres zweiten Urenkelkindes fällt auf diesen Tag“, sagt Poklitar: „Das wäre was.“

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