Der Traum geht weiter

Zum ersten Mal in ihrer Karriere steht Angelique Kerber im Finale eines Grand-Slam-Turniers. Bei den Australian Open kommt es an diesem Samstag zum Duell mit der großen Favoritin Serena Williams aus den USA.

Der Glückwunsch vom anderen Ende der Welt kam von höchster Stelle. Angelique Kerber kramte nach ihrem Finaleinzug bei den Australian Open aufgeregt ihr Handy hervor und las andächtig die Zeilen einer Mail vor: "Ich freue mich riesig, lieben Gruß aus Las Vegas." Der Absender: die große Steffi Graf - so etwas wie eine Mentorin für Kerber. Eine, die ihr einst mit ein paar Worten half, die ständigen Selbstzweifel weniger werden zu lassen.

Mit derlei Rückendeckung blickte die deutsche Nummer eins optimistisch ihrem ersten Grand-Slam-Endspiel an diesem Samstag (9.30 Uhr/Eurosport) gegen Titelverteidigerin Serena Williams (USA)entgegen. "Der Traum geht weiter. Die Reise ist noch nicht zu Ende. Wenn man in einem Finale steht, will man es gewinnen", sagte Kerber nach dem 7:5, 6:2 im Halbfinale gegen die ungesetzte Britin Johanna Konta. Die Kielerin weiß: "Serena wird Druck spüren." Auch Bundestrainerin Barbara Rittner traut ihrer Vorzeigespielerin den großen Wurf zu: "Serena ist auch nur ein Mensch. Ich glaube, 2016 wird Angies Jahr."

Sprung ins Wasser?

Sollte Kerber den Siegerscheck in Höhe von 2,2 Millionen Euro in Empfang nehmen dürfen, plant sie eine besondere Aktion: Dann will sie als neue Nummer zwei der Weltrangliste (den Sprung auf Platz vier hat sie schon sicher) in den nahe gelegenen Yarra-River springen - wie es 1992 schon Jim Courier (USA) nach seinem Coup getan hatte.

Allein diese forsche Ankündigung sagt viel aus über die neue Angelique Kerber , die sich in diesen Tagen präsentiert. Selbstbewusst gibt sie sich und formuliert offen wie nie ihre Ziele. Um diese zu erreichen, hat die Linkshänderin noch einmal fünf Kilo abtrainiert und die Ernährung umgestellt. Mehr Eiweiß statt Kohlenhydrate heißt die Devise.

Im Frühjahr 2015 hatte ihre Welt noch anders ausgesehen. Da bekam sie nach einer deprimierenden Niederlagenserie und großen Selbstzweifeln Hilfe von Graf. "Steffi sagte mir damals, dass ich an mich glauben müsse", erzählt Kerber von den Trainingseinheiten in Las Vegas und den noch viel wichtigeren Gesprächen danach.

Mental viel stärker geworden

Schon 2011 hatte Kerber nach zehn Erstrundenpleiten in Serie das Racket schon für immer weglegen wollen. Damals half ihr Andrea Petkovic und lotste die Freundin in die Schüttler/Waske-Akademie nach Offenbach. "So fit wie danach war ich noch nie", erinnert sich Kerber. Wenige Wochen später stand Kerber als Nummer 92 im Halbfinale der US Open.

Doch immer wieder stand sie sich vor allem selbst im Weg. So wie vor drei Monaten beim WTA-Finale in Singapur, als ihr der Gewinn eines Satzes gegen Lucie Safarova (Tschechien) zum Einzug ins Halbfinale gereicht hätte und sie in zwei Sätzen verlor. In der Vorbereitung auf 2016 klotzte sie deshalb im Trainingscenter ihrer Großeltern im polnischen Puszczykowo noch mehr ran. Jetzt fährt "Angie" die Ernte ein.

Titelverteidiger Novak Djokovic steht bei den Australian Open zum sechsten Mal im Finale. Der Weltranglisten-Erste aus Serbien gewann gestern den Halbfinal-Knaller gegen den Schweizer Roger Federer mit 6:1, 6:2, 3:6, 6:3. Im Endspiel trifft er am Sonntag auf den Gewinner des zweiten Halbfinales zwischen dem Briten Andy Murray und Milos Raonic aus Kanada (heute, 9.30 Uhr/Eurosport). "Ich habe auf einem unglaublichen Niveau gespielt. Aber das musst du, wenn du gegen Roger bestehen willst", sagte Djokovic.