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Der sonderbare volle Umfang eines Balles

Der sonderbare volle Umfang eines Balles

Saarbrücken. Wolfgang Winkler (Foto: SZ) ist Musiker, Lehrer und war früher mal Stürmer beim UFC Wacker 1973. Der 61-jährige Sulzbacher mag einfach Fußball. Er mag ihn sehr sogar - sonst wäre er nicht so in "Sorge" gewesen, als er bei der Suche nach einer Antwort nicht mehr weiterkam

Saarbrücken. Wolfgang Winkler (Foto: SZ) ist Musiker, Lehrer und war früher mal Stürmer beim UFC Wacker 1973. Der 61-jährige Sulzbacher mag einfach Fußball. Er mag ihn sehr sogar - sonst wäre er nicht so in "Sorge" gewesen, als er bei der Suche nach einer Antwort nicht mehr weiterkam. Winkler stellte sich die Frage: "Wann ist ein Ball im Tor?" Und fand darauf einfach keine verlässliche Antwort. Normalerweise stehen Antworten auf solche Fragen ja in den Regeln des Deutschen Fußballbundes (DFB). Verlässlich ist diese Ordnung für gewöhnlich. 120 Seiten für Pedanten, für Schiedsrichter, ein Kanon voller Paragrafen, die das wilde Spiel zähmen und keine Fehlinterpretationen zulassen.

Außer bei der Frage nach dem Tor eben.

Als Antwort steht da auf Seite 69 in Regel 10: "Ein Tor ist gültig erzielt, wenn der Ball die Torlinie zwischen den Torpfosten und unterhalb der Querlatte in vollem Umfang überquert." Wissen wir alle, die Regel ist ja verdammt alt, vielleicht neben der Abseitsregel die meist zitierte überhaupt. Aber für Winkler ist sie ungenügend. "Mit vollem Umfang?", fragt er. Gibt es den Umfang einer Kugel überhaupt? "Mathematisch schon mal gar nicht", sagt Winkler, "man kann das Volumen berechnen, aber den Umfang? Nein. Die Regel ist in diesem Punkt schon mal ungenau." Und so suchte Winkler weiter im Regelwerk und fand auf Seite 13 unter Regel 2 , was der DFB unter dem Umfang eines Balles versteht. Dort steht: "Der Ball ist regelkonform, wenn er einen Umfang von mindestens 68 und höchstens 70 cm hat." Winkler zählte eins und eins zusammen: "Wenn der Ball mit vollem Umfang hinter der Linie sein muss - und der Umfang des Balles 70 Zentimeter beträgt, dann muss er laut Regelwerk 70 Zentimeter hinter der Linie sein, um im Tor zu sein." Dass nicht der Umfang gemeint ist, sondern der Durchmesser, weiß Winkler natürlich auch, "aber es steht eben nicht in den Regeln. Das wäre doch genau so, als wenn Sie bei Rot über die Ampel fahren, dafür bestraft werden, obwohl in den Verkehrsregeln steht, dass sie nur bestraft werden, wenn sie bei Blau über die Ampel fahren. Die Regel ist einfach ungenau."

Daher war Winkler in Sorge und ging das Problem offensiv an. "Ich habe beim DFB angerufen und wollte mit Präsident Theo Zwanziger darüber reden, auf dass diese Peinlichkeit aus der Welt geschafft wird." Doch Winkler wurde nicht durchgestellt, fühlte sich abgewimmelt und so rief er bei der Saarbrücker Zeitung an, ob wir dem DFB Fragen stellen könnten.

Gefragt, getan. Und siehe da, der Verband antwortete: Und zwar wie folgt: "Wir folgen mit dem Text unseres Regelheftes den Vorgaben der Fifa, die einmal im Jahr über Rundschreiben die beschlossenen Änderungen bekannt gibt. Dort war für uns unverständlicher Weise der englische Wortlaut 'the whole of the ball' in 'in vollem Umfang' übersetzt worden." Dabei wäre die Übersetzung "der ganze Ball", die richtige gewesen. Das weiß auch der DFB, so schreibt die Pressestelle: "Wider besseres Wissen, aber im Vertrauen auf das richtige Verständnis unserer Schiedsrichter haben wir uns dem angepasst. Inzwischen hatte unser Schiedsrichter-Referent im E-Mail-Verkehr mit seinen Fifa-Kollegen erreicht, dass der deutsche Wortlaut der Fifa in 'vollständig' geändert wurde, leider ohne entsprechende Information an die Nationalverbände. Unser Regelheft wurde dann zum Druck vorbereitet, ohne den Fifa-Text zu Hand zu haben; deshalb steht bei uns eben noch der wissenschaftlich falsche Ausdruck. Sie werden aber nicht festgestellt haben, dass irgend wo eine Schiedsrichter-Entscheidung in diesem Bereich nicht nach 'Sinn und Geist der Regel' getroffen worden ist." Ein Druckfehler also. Und falsch gepfiffen wurde auch nicht. Angefochten hat einen Torentscheid auch (noch) niemand, obwohl findige Juristen die Regel mit Genuss sezieren könnten. Was der DFB aber nicht befürchtet. So schreibt die DFB-Pressestelle weiter: "Und Sie müssen aber sicher zugeben, dass der Ball, wenn er vollständig eine Linie überquert hat, er auch seinen kompletten Umfang, seinen Durchmesser und seine Masse bei sich hat." Das kann man zugeben - dennoch freut es auch Winkler, dass der DFB zusagt, die Formulierung der Regel zu ändern. "Seien Sie versichert, dass im nächsten Regelheft diese Änderung komplett, also nicht nur in Regel 10, eingearbeitet wird", schreibt die Pressestelle. Und so kommt es, dass im nächsten Regelheft von einem "vollem Umfang" nichts mehr zu lesen sein wird. Die wichtigste Regel im deutschen Fußball wird also umformuliert. "Mich freut das", sagt Winkler. Schließlich hat er nun eine Sorge weniger.