Der Richter im Wintergarten

Der Richter im Wintergarten

Bexbach. Draußen ist es ungemütlich. Kalter Regen prasselt an die Fenster des Wintergartens. Drinnen sitzt Horst Hilpert. In seinem Rücken flackert ein kleines Feuer im Kamin, zu seiner rechten leuchten elektrische Kerzen an einem Weihnachtsbaum

Bexbach. Draußen ist es ungemütlich. Kalter Regen prasselt an die Fenster des Wintergartens. Drinnen sitzt Horst Hilpert. In seinem Rücken flackert ein kleines Feuer im Kamin, zu seiner rechten leuchten elektrische Kerzen an einem Weihnachtsbaum. Seine Frau Annemarie holt gerade Gebäck aus der Küche im Landhausstil, als er erklärt, dass die Lampen des Baumes mit einer Fernbedienung schaltbar sind. Annemarie ist sehr froh damit. "Sachen gibt's. Toll", sagt sie, als sie mit Zimtwaffeln und Spritzgebäck zurückkommt. Auch Horst Hilpert scheint zufrieden in seinem Sessel. Er lächelt.Ein paar Zettel hat er vor sich auf den Tisch gelegt. Gedächtnisstützen, damit er nichts vergisst, wenn es darum geht, zu erzählen, was er denn heute so macht. "Ich schreib' alles von Hand", sagt er, als er die Zettel durchblättert. In Blau, mit Kuli. Wichtiges hat er mit Rot unterstrichen. "Computer sind nicht so meins", sagt er und lacht. Seit November ist er 75 Jahre alt, da müsse er sich das nicht mehr antun. Natürlich habe er eine Email-Adresse, doch da muss ihm immer eines seiner zwei Kinder oder eines seiner sieben Enkelkinder helfen. Dabei "liebe ich das Schreiben", sagt Hilpert, "früher wäre ich immer gerne Sportjournalist geworden." Was eine Antwort auf die Frage ist, was er denn heute so macht. Er schreibt über Sport, über Sportrecht im Speziellen.

Hilpert war bis 1995 Saarlands höchster Richter. Doch Schlagzeilen wie "Richter Gnadenlos" oder "Die Bibelstunde aus Bexbach" bekam er nicht wegen folgenreicher Verfassungsentscheide. Er bekam sie wegen seines geliebten Ehrenamtes. Zwischen 1992 und 2007 veranlasste er in der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise Urteile im deutschen Profi-Fußball. Wer am Wochenende Rot sah, sah am Montag Hilpert. Er entschied, wie lange Spieler gesperrt wurden. Der Bexbacher war der Vorsitzende des Kontrollausschusses des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), der so genannte "DFB-Chefankläger".

Sein "intensivster Fall" war die komplexe Aufarbeitung des Wett- und Manipulationsskandals um Schiedsrichter Robert Hoyzer. Dass Spieler beim Torjubel nicht mehr ihr Trikot lupfen, um auf ihren Unterhemden Botschaften an die Welt zu schicken, geht auch auf den Mann im Wintergarten zurück. Sein Ziel war es, die Tatsachenentscheidung zu schützen. Pfeift der Schiedsrichter falsch, weil er etwas falsch gesehen hat, ist seine Tatsachenentscheidung nach dem Spiel nicht mehr anfechtbar. Das ist Hilperts Gesetz. Außer es liegt eine "unerträgliche Ungerechtigkeit" vor, erklärt er. Das berühmte "Phantomtor" von Thomas Helmer am 23. April 1994 war so etwas Unerträgliches, weil es keins war. Hilpert revidierte die Tatsachenentscheidung und beantragte ein Wiederholungsspiel (die Bayern gewannen 5:0, Nürnberg stieg ab).

Auch gegen Schwalben kämpfte er. Das bekam Andreas Möller zu spüren. Hilpert strafte ihn als ersten Spieler überhaupt für den Versuch ab, einen Elfmeter zu ergaunern (zwei Spiele Sperre/10 000 D-Mark Geldstrafe). "Heute gibt es für solche Schwalben beim DFB entsprechende Strafen", sagt er im Wintergarten nicht ohne Stolz. "Erst wenn die letzte Schwalbe gefangen ist, gebe ich Ruhe", sagte er damals.

Vielleicht erlebt er gerade deshalb einen "unruhigen" Lebensabend. Als er 70 Jahre alt war, gab er sein Amt altersbedingt ab, saß danach des Öfteren samstags am Sportplatz des SV Bexbach und schaute seinen Enkelkindern beim Kicken zu. Oder er hörte sich Vorlesungen an. So fuhr er 2008 nach Kiel, um eine Vorlesung bei Professor dr. jur. Martin Nolte zu hören. Über die Geschichte des Sportrechts referierte der Professor - und Hilpert wurde unruhig. "Ich habe gemerkt, dass ich manches sogar besser wusste, als der Professor", sagt Hilpert. Nach der Vorlesung ging er zu Nolte, gestand ihm Besserwisserei ein und bat den Juristen, ihn als Doktorand aufzunehmen. Thema: "Die Geschichte des Sportrechts". Nolte sagte ihm sofort zu. Ab dann war der Lebensabend wieder unruhiger, denn Hilpert durfte schreiben, schreiben und schreiben. "Die Arbeit habe ich hier im Wintergarten geschrieben", erklärt Hilpert, "bei gutem Wetter im Garten." Von Hand. 560 Druckseiten. Freiherr von und zu Guttenberg hat sieben Jahre gebraucht, Hilpert eineinhalb, "und meine Fußnoten sitzen", sagt der Bexbacher und lacht. Professor Nolte gab ihm ein "summa cum laude".

Seine handgeschriebenen Manuskripte hatte seine ehemalige Sekretärin am Computer erfasst, ab 4. Januar erscheint die Dissertation im Boorberg-Verlag. Eine von Hilperts Thesen lautet: "Ex oriente ludi!" Aus dem Osten kommen die Spiele - aus Ägypten und Mesopotamien (dem heutigen Irak). Dort sucht er den Ursprung des Sportrechts. Seine Zeitreise geht weiter über Griechenland und seine 293 Olympischen Spiele. Er erklärt, dass die Geschichte des Marathonlaufs falsch sei, ehe er weiter nach Rom zu den spielregelarmen Gladiatorenkämpfen reist: "Wer tot war, hat verloren", beschreibt Hilpert eine Regel. Er erklärt, dass in der Renaissance und im Humanismus der antike Sport wieder blühen konnte und dass die Industrialisierung in England gleich eine ganze Maschinerie für Sportregeln angeworfen hatte.

"England ist das Mutterland des modernen Sports", sagt Hilpert und legt die Zettel zur Seite. Projekt abgehakt. Der Wächter des modernen Fußballs schaut in den verregneten Garten, "ich arbeite bereits am nächsten Buch", sagt er. Es geht um Regeln. "Die ersten 200 Seiten habe ich schon fertig." Von Hand? "Von Hand", sagt der Richter im Wintergarten und lächelt zufrieden. "Ich schreib' alles von Hand. Computer sind nicht so meins."

Horst Hilpert

Zur Person

Horst Hilpert bekleidete in den vergangenen vier Jahrzehnten viele Ämter und Ehrenämter und erhielt viele Auszeichnungen. Hier ein kurzer Überblick:

1970 bis 1999: Vorsitzender der Spruchkammer des Saarländischen Fußballverbandes (SFV); 1972 bis 2007: Mitglied des Kontrollausschusses des Deutschen Fußballbundes (DFB); 1986 bis 1995: Präsident des Saarländischen Verfassungsgerichtshofes; 1986 bis 1999: Präsident des Landesarbeitsgerichts des Saarlandes; 1992 bis 2007: Ehrenamtlicher Vorsitzender des DFB-Kontrollausschusses; 1995: Goldene Ehrennadel des DFB; 2004: DFB-Ehrenmedaille und Bundesverdienstkreuz (1. Klasse); 2007: DFB-Ehrenmitglied, Verabschiedung aus allen Ämtern beim 39. DFB-Bundestag in Mainz; 2000 bis 2008: SFV-Justiziar und Präsidiumsmitglied; seit 2011: SFV-Ehrenmitglied. kip

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