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Fußball-Nationalmannschaft
Der Neuanfang startet gegen den neuen Weltmeister

Philipp Lahm ist inzwischen einer der größten Kritiker von Joachim Löw.
Philipp Lahm ist inzwischen einer der größten Kritiker von Joachim Löw. FOTO: dpa / Christian Charisius
München. Alle Experten sind sich einig: Ein „Weiter so“ kann es bei der Nationalmannschaft nicht geben. Eine Analyse liefert erschreckende Ergebnisse.

Philipp Lahm nahm in Moskau mit einem Lächeln Abschied vom WM-Pokal, und die entthronten deutschen Weltmeister würdigten den neuen Champion Frankreich mit warmen Worten. „Ihr verdient es, unser Nachfolger zu sein“, schrieb Toni Kroos bei Twitter, Mesut Özil wünschte eine nette Party, und Lukas Podolski meinte augenzwinkernd: „Passt gut auf meine WM-Trophäe auf!“


Schließlich soll der goldene Cup 2022 zurück in die Vitrine in der Frankfurter DFB-Zentrale. Doch von Hoffnung auf neue Triumphe ist in Fußball-Deutschland nichts zu spüren, stattdessen blickt die Nationalmannschaft mit zitternden Knien auf das Rendezvous mit der frisch gekrönten Equipe Tricolore am 6. September in München.

„Wir sind uns alle einig: So, wie es jetzt passiert ist, kann es nicht weitergehen“, sagt der von Joachim Löws Musterschüler zum Chefkritiker mutierte Lahm. Zu heftig sind noch immer die Erschütterungen des WM-Desasters, zu unklar, wie der Weg zurück zu alter Stärke gelingen könnte – auch weil Bundestrainer Löw, derzeit im Urlaub in Italien, ausdauernd schweigt.



„Meine Hoffnung, so wie von jedem Deutschen, ist, dass wir besser werden. Dass man so ein Turnier wieder genießen kann“, sagt Lahm: „Wir wollen, dass Deutschland wieder erfolgreich Fußball spielt. Da sollten wir alle nach Lösungen suchen.“ Alle – auch Löw, den Lahm erneut wegen dessen Führungsstil angeht. Jetzt müsse „an mehreren großen Schrauben“ gedreht werden.

Die wohl wichtigste dürfte die Erneuerung des deutschen Spielstils sein. Die WM-Analyse des früheren Bundesliga-Profis Stefan Reinartz ergab, dass das DFB-Team beim Verteidigen gegnerischer Konter „die zweitschwächste Mannschaft des gesamten Turniers“ war. „Schwächer war nur Tunesien“, sagt Reinartz, dessen Firma Impect die Zahl „überspielter Gegner“ (Packing) als Kennzahl der Spielanalyse eingeführt hat. Löws Ballbesitzfußball sei nicht tot, doch es fehle eine Absicherung wie sie Frankreich in Person von N’Golo Kanté besitze.

Pro WM-Begegnung seien im Schnitt 51 Deutsche überspielt worden, aber nur 20 Franzosen, hat Reinartz ermittelt. Die Folge: „Mats Hummels war die ärmste Sau des Turniers.“ Ein weiteres Manko: die harmlose Offensive. Deutschland habe sogar die meisten Gegner überspielt, „war also spielerisch eine der stärksten Mannschaften, aber hat es nicht ins letzte Drittel geschafft“, so Reinartz. Dass Löw diese Schwäche nicht rechtzeitig erkannte und behob, war sein größter Fehler.

Die Nationalmannschaft habe „ein erbärmliches Bild abgegeben“, meint Ex-Profi Thomas Berthold: „Der Imageschaden ist riesig.“ Ein Hauptverantwortlicher ist aus Sicht des Weltmeisters von 1990 DFB-Direktor Oliver Bierhoff. Die „völlig überzogene Kommerzialisierung, die Verwissenschaftlichung und die Entfremdung der Nationalmannschaft von Fans und Medien ist auf ihn zurückzuführen“.

In eine ähnliche Richtung zielt Karl-Heinz Rummenigge. Der DFB mutiere „zu einer Vermarktungsmaschine, und das wird vom FC Bayern nicht akzeptiert“, sagt der Vorstands-Chef der Münchner. Auch hier ist ein „Weiter so“ undenkbar.