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Der mit dem Pferd tanzt

Im Gelände sind sie ein Traumpaar und kaum zu schlagen. Vielseitigkeitsreiter Michael Jung und Sam gehen als große Favoriten auf Gold ins das Auftakt-Wochenende in Rio. Foto: Gentsch/dpa
Im Gelände sind sie ein Traumpaar und kaum zu schlagen. Vielseitigkeitsreiter Michael Jung und Sam gehen als große Favoriten auf Gold ins das Auftakt-Wochenende in Rio. Foto: Gentsch/dpa FOTO: Gentsch/dpa
Rio de Janeiro. Seine Beinamen sagen alles über Michael Jung: Der „Goldene Reiter“, das „Alien“, „Der mit dem Pferd tanzt“. Der Doppel-Olympiasieger von London 2012 gilt als sicherste deutsche Goldbank in Rio de Janeiro. sid-Mitarbeiterin Angela Bern

Die strahlend blauen Augen von Michael Jung blitzen vergnügt, die Lachfältchen werden tiefer und tiefer. "Ich freue mich, wenn die Menschen mich und meinen Sport wahrnehmen. Das war ja nicht immer so", sagt der Mann, den nicht wenige für den besten Reiter der Welt halten. Teamkollege Andreas Ostholt bezeichnet Jung gar als "Alien im Sattel", aber das findet der Michi aus dem schwäbischen Horb dann vielleicht doch ein bisschen übertrieben: "Ich mache halt meinen Job."



Er macht ihn so gut, dass bei der an diesem Samstag beginnenden olympischen Vielseitigkeit kaum ein Weg an Michael Jung und seinem 16-jährigen Wallach Sam vorbeiführen dürfte. Im Sattel von Sam hat Jung in den vergangenen Jahren alles gewonnen, was sein Sport zu bieten hat, einschließlich der beiden olympischen Goldmedaillen 2012 in London. "Sam ist mein absoluter Liebling", sagt Jung: "Wir haben alles zusammen erlebt, wir kennen uns in- und auswendig, wir sind ziemlich beste Freunde."

Sam musste wieder ran, nachdem Jungs Europameister-Pferd Takinou wegen eines fiebrigen Infekts kurzfristig ausfiel. Und dem Wallach geht es blendend. "Er ist in guter Form, er ist in einer Tip-Top-Verfassung aus dem Flugzeug gekommen", sagt Jung nach den ersten Ritten auf der olympischen Reitanlage draußen in Deodoro nordwestlich von Rio .

Im Gelände, dem Herzstück der Vielseitigkeit, fliegen die ziemlich besten Freunde mit einer geradezu himmlischen Leichtigkeit über die schwersten Hindernisse. Spielerisch sieht es aus, Mensch und Tier bilden eine perfekte harmonische Einheit. Die Springreiter übertreffen sich bei dem Versuch, den Kollegen zu beschreiben. "Michi muss im Sattel geboren sein, anders ist das eigentlich gar nicht zu erklären", sagt Marcus Ehning, und Christian Ahlmann nennt Jung einen "abnormalen Reiter".

Dem eher zurückhaltenden Schwaben ist das viele Lob zwar manchmal "ein bisschen peinlich", grundsätzlich empfindet er es aber auch als "große Motivation". Auch in Rio werde er deshalb "versuchen, meinen Job so weiterzumachen wie bisher" - einen Job, der "niemals ohne das Team hinter mir funktionieren würde". Ein bisschen gerührt ist Michael Jung, dass er mit seinem "ganz, ganz, ganz, ganz guten Sam" noch einmal bei Olympia antreten darf: "Das macht es für mich noch viel spezieller, als Olympia ja ohnehin schon ist."



Trotz aller Erfolge in seiner sportlichen Vita, trotz der Anerkennung von Teamkollegen und Konkurrenten, trotz aller Prognosen der Experten bleibt Jung selbst getreu seinem Naturell vor den Reiterspielen in Deodoro bescheiden und zurückhaltend. "Die Gegner wissen mittlerweile auch alle, dass eine Topleistung in der Dressur die Basis für ein gutes Ergebnis ist", sagt er, "alle werden mit Sicherheit perfekt vorbereitet sein." Er hoffe natürlich auf Gold, aber: "Eigentlich möchte ich es lieber so formulieren: Es wäre toll, eine Medaille zu gewinnen." Es wäre mindestens eine große Überraschung, wenn es nicht die goldene wird.