| 21:29 Uhr

Wahl des WM-Gastgebers
Der Milliarden-Poker um 2026

Eine marokkanische Flagge weht im Wind. Bis zur letzten Minute kämpft der Bewerber um den Zuschlag für die Fußball-WM 2026.
Eine marokkanische Flagge weht im Wind. Bis zur letzten Minute kämpft der Bewerber um den Zuschlag für die Fußball-WM 2026. FOTO: dpa / Lukas Schulze
Moskau. Heute wird der WM-Gastgeber 2026 gekürt. Marokko kämpft gegen das Amerika-Trio USA, Mexiko und Kanada.

Favoritensieg für das Amerika-Trio aus den USA, Mexiko und Kanada – oder findet die erste XXL-WM trotz der Drohungen von US-Präsident Donald Trump doch im Königreich Marokko statt? Im Milliardenpoker um die Vergabe der Weltmeisterschaft 2026 werben die beiden Kandidaten bis zur letzten Minute um die entscheidenden Stimmen für den Zuschlag beim heutigen Fifa-Kongress (ab 8 Uhr).


In der Vrubel Hall des edlen Fünf-Sterne-Hotels Metropol in Moskau versuchte Brasiliens Ex-Weltmeister Roberto Carlos gestern, die europäischen Vertreter um DFB-Präsident Reinhard Grindel von den Vorzügen der marokkanischen Bewerbung zu überzeugen. Die Nordafrikaner hätten die Entwicklungsmöglichkeiten für den ganzen Kontinent hervorgehoben, berichtete Grindel von der Präsentation hinter schweren Holztüren: „Von der United Bid wurde auf die größeren wirtschaftlichen Perspektiven für die Fifa hingewiesen.“

Und dies könnte in der Kampfabstimmung der 207 Verbände, die maximal mitwählen werden, womöglich den Ausschlag zugunsten des Trios mit dem Werbenamen „United 2026“ geben. Eine Folie der amerikanischen Präsentation verdeutlicht diesen Fokus: Ein grünumrandetes Dollarzeichen prangt überdimensional darauf. 14,3 Milliarden US-Dollar Einnahmen verspricht der Dreierbund – fast doppelt so viel wie Marokko. „Dies korrespondiert nicht mit historischen Fakten oder Hochrechnungen für die Zukunft“, klagte Marokkos Verbandspräsident Fouzi Lekjaa.



Im Bewerber-Rennen um die erste Weltmeisterschaft mit 48 Teilnehmern wird hinter den Kulissen mit allen Tricks gearbeitet. Ob die vier Verbände der amerikanischen Außengebiete abstimmen dürfen, diskutieren Funktionäre auf den Fluren der Moskauer Luxus-Tagungshotels ebenso wie den möglichen Einfluss von Fifa-Chef Gianni Infantino oder Donald Trump. Mit seinen muslimfeindlichen Einreisestopps oder „Drecksloch“-Beschimpfungen von Staaten hat der US-Präsident das Amerika-Trio in Teilen der Welt eigentlich unwählbar gemacht. Doch gleichzeitig mischte er sich mit einer offenen Drohung in den Wahlkampf ein: Die USA könnten einem anderen Land die Unterstützung bei den Vereinten Nationen entziehen, wenn dieses für Marokko stimmt. Keiner habe Trump erwähnt, behauptet US-Verbandschef Carlos Cordeiro und gibt sich siegesgewiss.

„Ich hoffe, dass die Wahl nicht allzu sehr politisch beeinflusst wird“, sagte Fifa-Präsident Infantino – und weiß doch, dass es wenig Politischeres als die Kür eines Gastgeberlandes gibt. „Wir können Marokko nicht unterstützen“, sagte etwa Südafrikas Sportminister Tokozile Xasa; „Es ist das Mandat eines Landes und ist die Pflicht des Verbands zu verstehen, was auf der Agenda steht.“ Dass die Stimmen anschließend veröffentlicht werden, sorgt für zusätzlichen Druck bei einigen Nationen, die möglichst nicht öffentlich auf der Verliererseite stehen wollen.

Und so rechnet ein hochrangiges Mitglied der Fifa hinter vorgehaltener Hand vor, dass Marokko rund 40 bis 45 der 53 Stimmen aus Afrika, 20 bis 25 der 46 Stimmen aus Asien und auch einige Stimmen aus Europa erhalten könnte, etwa die Franzosen. Ozeanien galt zuletzt als unentschieden, Südamerika hat seine volle Unterstützung für die Dreier-Bewerbung angekündigt. Überraschende Wendungen, wie beim Zuschlag für Katar für die WM 2022, sind im Ringen um Mehrheiten auf sportpolitischer Bühne allerdings nie auszuschließen.

Der DFB wollte seine Wahlentscheidung erst kurz vor dem Kongress bekannt geben. Die deutsche Bevölkerung spricht sich klar für die USA, Kanada und Mexiko aus. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur erklärten 48 Prozent, dass die WM in acht Jahren in Amerika stattfinden solle. Lediglich 21 Prozent votierten für den Kontrahenten Marokko. „Der DFB wird seine Entscheidung ausschließlich nach sachlichen Kriterien treffen. Wir lassen uns von politischen Rahmenbedingungen nicht beeinflussen“, versprach Grindel. Das Votum für die USA, Mexiko und Kanada wäre dann nur logisch.

Sollten die Nordafrikaner bereits das fünfte Mal mit einer WM-Bewerbung scheitern, würde Fifa-Chef Gianni Infantino seine nächste Niederlage auf dem Funktionärs-Parkett vermeiden. Der 48-Jährige wird dem US-Lager zugerechnet. Und nachdem er schon mit seinen Plänen für einen 25-Milliarden-Verkauf von Wettbewerben an Investoren vorerst gescheitert ist, braucht auch Infantino dringend ein Erfolgserlebnis.

Die Flaggen von Mexiko, den USA und Kanada stehen nebeneinander. Das Amerika-Trio ist Favorit im Bewerber-Rennen.
Die Flaggen von Mexiko, den USA und Kanada stehen nebeneinander. Das Amerika-Trio ist Favorit im Bewerber-Rennen. FOTO: dpa / epa Shawn Thew