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Der märchenhafte Aufstieg des Erik Durm

Der märchenhafte Aufstieg des Erik Durm

Die Chance mag verschwindend gering sein, aber der 1. FC Saarbrücken will Borussia Dortmund mutig entgegen treten. Kapitän Timo Ochs bestätigt sogar, dass die Mannschaft eine Siegprämie ausgehandelt hat.

FCS-Trainer Milan Sasic erklärt seinen Spielern, was er von ihnen im DFB-Pokalspiel gegen Borussia Dortmund erwartet. Foto: Schlichter Foto: Schlichter



Erik Durm schaut kurz ein wenig hilflos drein. Schon wieder baut sich ein Kamera-Team vor ihm auf. Kein Pressesprecher in Sicht, keine schützende Hand, die ihn in die Kabine geleitet. Also steht er wieder Rede und Antwort, erzählt von seinem raketenhaften Aufstieg bei Borussia Dortmund, erläutert geduldig Gegenpressing und Laufwege, so als habe er nie etwas anderes getan. Dass ausgerechnet der 21-Jährige dieser Tage ein begehrter Gesprächspartner ist, liegt an der Rückkehr zu seinen Wurzeln. Am Samstag war er in der Bundesliga zu Gast in Mainz (3:1), von wo er 2012 zum BVB wechselte. Heute spielt Durm mit Dortmund im Achtelfinale des DFB-Pokals beim 1. FC Saarbrücken (20.30 Uhr/Sky).

"Es gibt ja viele, die sagen, dass sie Profi werden wollen. Erik hat man das geglaubt", sagt Bernd Rohrbacher. Unter ihm als Trainer hat Durm bis 2010 in der A-Jugend des 1. FC Saarbrücken gespielt, wurde dort Torschützenkönig, ehe dann das Angebot aus Mainz kam. "Er hat das ganz professionell zu Ende gespielt", erinnert sich Rohrbacher. Auch der 21-Jährige denkt gerne an seine erste Station zurück: "Ich habe gute Erinnerungen an Saarbrücken. Es war der erste größere Verein, für den ich gespielt habe." 2007 war der gebürtiger Pirmasenser von der SG Rieschweiler zum FCS gekommen.

Im Juli 2010 folgte der Wechsel in die Jugendabteilung des FSV Mainz 05, und noch als A-Jugendlicher absolvierte er am 4. Dezember 2010 gegen die SV Elversberg sein Debüt in der zweiten Mannschaft. Es blieb sein einziger Einsatz in der Saison 2010/2011, im Jahr danach startete er aber durch, erzielte in 32 Regionalliga-Spielen 13 Tore. Das Angebot, einen Profivertrag beim FSV zu unterschreiben, lehnte Durm allerdings ab - und ging in die U23 des BVB, für die er vergangene Saison 28 Partien in der 3. Liga bestritt.

Ein steiler Aufstieg, keine Frage. Aber nicht vergleichbar mit den Wochen seit dem Beginn der aktuellen Spielzeit. Die erlebte Durm, den BVB-Trainer Jürgen Klopp vom Stürmer zum Außenverteidiger umfunktionierte, wie im Rausch.

Am 10. August debütierte Durm am ersten Spieltag beim 4:0-Auswärtssieg gegen den FC Augsburg, als er in der 87. Minute für Robert Lewandowski eingewechselt wurde. Dann begannen die traumhaften Wochen des Erik Durm: Vertragsverlängerung bis 2017, Bundesliga, Champions League. Weil der gesetzte Linksverteidiger, Nationalspieler Marcel Schmelzer, immer wieder verletzungsbedingt ausfiel, aktuell mit einem Faserriss in der linken Wade, stand U21-Nationalspieler Durm zuletzt immer in der Startelf. "Erik macht das außergewöhnlich gut. Er macht die Seite zu, wird nach vorne immer stärker", sagt Trainer Klopp begeistert: "Er ist für die Champions League geboren."

Und nun zwischendrin die Rückkehr ins Saarland. Zum FCS hält Durm übrigens noch Verbindungen. "Ich habe regelmäßig Kontakt mit Philipp Hoffmann", erzählt er. Hoffmann ist in dieser Saison der Senkrechtstarter des FCS, kämpft gegen den Abstieg in der 3. Liga, während Kollege Durm zwischen Bayern München, Arsenal London und dem SSC Neapel hin und her pendelt. "Ich werde öfter gefragt, ob das wie ein Märchen für mich ist - und das ist es auch. Ich habe eigentlich gar keine Zeit, darüber nachzudenken", sagt Durm und schiebt schnell nach: "Vielleicht ist das auch gut so."Es gibt keinen guten Zeitpunkt für Verletzungen, aber es gibt ganz, ganz schlechte. So einen hat Christian Eggert erwischt. Ausgerechnet vor dem Achtelfinale des DFB-Pokals streikt das Knie des Mittelfeldspielers des 1. FC Saarbrücken. Ausgerechnet vor dem Wiedersehen mit seinen Ex-Club Borussia Dortmund. "Ich habe sechs Jahre für diesen Verein gespielt", sagt Eggert, dessen Einsatz fraglich ist: "Herz und Verstand streiten sich. Ich will unbedingt gegen den BVB spielen, aber vielleicht ist es wichtiger, wenn ich Samstag wieder fit bin."

Eggerts Teamkollege Philipp Hoffmann freut sich auf das Wiedersehen mit Eric Durm. "Wir haben zusammen in der Jugend gespielt. Bei uns war er ein exzellenter Offensivspieler, aber jetzt macht er seine Sache als Verteidiger auf dem Niveau sehr gut", erzählt der Saarbrücker Mittelfeldspieler: "Er ist auch außerhalb des Platzes ein toller Typ."

Viel geschrieben wurde zuletzt auch über Gästetrainer Jürgen Klopp, der sich laut eines FCS-Fans wegen der langen Verletztenliste, der fehlenden Rasenheizung und der angekündigten frostigen Temperaturen um "die deutsche Meisterschaft im Jammern" bewirbt. Klopps Saarbrücker Kollege Milan Sasic geht in der Vorbereitung auf den Pokal-Knüller unerwartete Wege. Der als "harter Hund" bekannte Kroate gab seiner Mannschaft nach der kräfteraubenden 2:3-Niederlage gegen RB Leipzig am Samstag einfach mal zwei Tage frei. Druck verspürt Sasic, der 2011 mit dem MSV Duisburg schon einmal das DFB-Pokalfinale (0:5 gegen Schalke 04) erreicht hat, überhaupt nicht. "Wir freuen uns auf diese wundervolle Aufgabe", sagt der FCS-Trainer. Wer die ersten Elf sein werden, die das Vergnügen haben, in das rappelvolle Stadion einlaufen zu dürfen, lässt er offen. "Wir haben so viele Spieler, dass wir rotieren können", scherzt Sasic und hofft auf genügend Rückenwind von den Rängen: "Das sollte uns Antrieb sein und gierig machen, viel öfter vor so vielen Zuschauern spielen zu dürfen."

30 931 Fußballfans werden heute in den Ludwigspark kommen. Dazu Journalisten, Rostwurst- und Getränkeverkäufer, Ordnungs- und Hilfskräfte, Polizei in Bataillonsstärke. Sicher ist auch der ein oder andere Souvenirjäger am Start - aber nicht beim FCS. "Trikottausch? Das ist überhaupt kein Thema", sagt FCS-Schlussmann Timo Ochs barsch, "wer an sowas denkt, ist fehl am Platz." Der Saarbrücker Kapitän war zuletzt der herausragende Akteur seiner Mannschaft, und er tut das, was man als Sportler und Vorbild tun muss: Er glaubt an die Chance auf das Fußball-Wunder, sei sie noch so klein: "Natürlich haben wir mit dem Verein eine Prämie ausgehandelt. Warum sollte der 1. FC Saarbrücken keine Prämie ausloben, wenn man Borussia Dortmund schlägt?" Schatzmeister Dieter Weller wird sie sicher gerne und höchstpersönlich auszahlen - denn dafür gibt es eigentlich keinen schlechten Zeitpunkt. Das Verletzungspech bei Borussia Dortmund nimmt skurrile Züge an. Gegen den FCS muss BVB-Trainer Jürgen Klopp nun auch noch auf Marco Reus verzichten. Der Nationalspieler hat sich am Samstag beim Bundesliga-Spiel in Mainz (3:1) einen Bluterguss in der Wade zugezogen. Wie lange er ausfällt, soll eine nähere medizinische Untersuchung Mitte der Woche ergeben. Dazu gesellen sich vier Langzeitverletzte: Neven Subotic fehlt wegen eines Kreuzbandrisses, Ilkay Gündogan noch immer aufgrund einer rätselhaften Rückenverletzung. Mats Hummels hat einen knöchernen Bandausriss am rechten Fersenbein, Marcel Schmelzer hofft nach seinem Muskelfaserriss immerhin noch auf eine Rückkehr vor Weihnachten. Die angeschlagenen Sven Bender (Oberschenkel), Jakub Blaszczykowski (Hüfte) und Nuri Sahin (muskuläre Probleme) wären sicher froh, wenn sie eine Pause erhalten. Doch Klopp sagt: "Über Schonung bei fitten Spielern nachzudenken, verbietet sich. Wer glaubt, dass wir mit irgendeiner Elf weiterkommen, der verkennt die Situation."

Und diese Situation stellt sich für Klopp wie folgt dar: "Jede Nachricht von uns, wer nicht dabei ist, weckt das Selbstvertrauen in Saarbrücken. Das ist ein Drittligist, der im Pokal groß aufgespielt hat. Vor zwei Monaten haben sie sicher gedacht: Geil, volles Stadion, keine Chance. Jetzt denken sie sicher: Endgeil, volles Stadion, kleine Chance."

Der Respekt beim Gegner ist also vorhanden. "Da ich Milan Sasic kenne, weiß ich: Das wird eine gut organisierte Mannschaft sein", sagt der BVB-Trainer, "wir nehmen diesen Wettbewerb maximal ernst. Es wird ein Kampf auf Biegen und Brechen."