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Dopingskandal in Russland
Der Kronzeuge wartet im Nirgendwo

Köln. Whistleblower Rodtschenkow ist Russlands Staatsfeind Nummer eins, hat durch seine Bekenntnisse im Dopingskandal alles verloren.

Die Kamera filmt in Nahaufnahme, wie sich Grigorij Michailowitsch Rodtschenkow von seiner Frau verabschiedet. Mit Tränen in den Augen erklärt er seiner Nika im fernen Moskau über eine wackelige Skype-Leitung, dass er sich nun in das Zeugenschutzprogramm des FBI begeben müsse und nicht wisse, wann er sich wieder melden könne. „Ich verstehe“, sagt Nika blass vor Angst und Verzweiflung und fügt noch hinzu, dass doch alles so traurig sei. Dann verschwindet ihr Mann – der Drahtzieher des dreistesten Betruges in der Geschichte des modernen Sports und mittlerweile Russlands Staatsfeind Nummer eins – irgendwo in den USA in der Versenkung.


Rodtschenkows Vermächtnis sind die Beweise für ein staatlich gelenktes Dopingsystem in Russland, die er aus Angst um sein Leben öffentlich gemacht hat und die den Weltsport in Atem hält. Morgen gibt das Internationale Olympische Komitee in Lausanne seine Strafe gegen Russland bekannt. Dann wird Rodtschenkow wissen, ob der Sport ihm etwas dafür zurückbezahlt, dass er Familie und Heimatland verlassen und alle Kontakte abbrechen musste. Dass ihn der russische Staat enteignete und die Pässe seiner Angehörigen beschlagnahmte. Dass er aus Angst vor russischen Killerkommandos in den USA untertauchen musste. Morgen wird er wissen, ob all das umsonst gewesen ist.

Rodtschenkow ist Opfer und Täter in einer Person. Seit seiner Studienzeit war der ambitionierte Mittelstreckenläufer hautnah dran am Dopingsystem. Erst als dopender Athlet, dann als Doktor der Chemie, Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors, Mitarbeiter des Geheimdienstes FSB und findiger Wissenschaftler, der weltweit anerkannte Anti-Doping-Tests entwickelte. Er konnte wie kein zweiter Experte positive Proben in saubere verwandeln. „Ich habe in meiner Karriere viele schmutzige Proben als sauber deklariert, aber nie andersherum“, sagte Rodtschenkow jetzt der New York Times. Er war aber auch Dealer, der verbotene Medikamente verkaufte und die Hand aufhielt, bevor er positive Dopingtests verschwinden ließ.

Als ihm deswegen Gefängnis drohte, wurde er depressiv. Im März 2011 unternahm er in der heimischen Badewanne einen Selbstmordversuch. Er kam in eine Nervenheilanstalt. Auf Wladimir Putins Geheiß, so glaubt Rodtschenkow, wurde er dort herausgeholt, damit er als brillanter Experte seinen Teil dazu beitragen konnte, die Winterspiele im heimischen Sotschi zu einem Erfolg werden zu lassen – mit Hilfe eines Doping-Betruges von gewaltigem Ausmaß.

Kurze Zeit später trat Bryan Fogel in Rodtschenkows Leben. Der amerikanische Regisseur zeigt Rodtschenkow in seinem Dokumentarfilm „Icarus“ als verschrobenen, durchaus sympathischen Endfünfziger, der zu viel erlebt hat, als dass er den Zynismus völlig von seinem Wesen fernhalten konnte. Und als einen Mann, der keine Zweifel daran lässt, dass ihm genau wie den meisten seiner Landsleute jegliches Unrechtsbewusstsein in Bezug auf Doping fern liegt.



„Icarus“ sollte eigentlich einen illegalen Doping-Selbstversuch Fogels dokumentieren, der von Rodtschenkow begleitet wurde. Die beiden freundeten sich an, der Russe nannte den über Monate hochgezüchteten Amateur-Radsportler Fogel fast zärtlich sein „mittelgroßes Monster“. Beide besuchten sich gegenseitig in ihrer Heimat, und die Kamera lief immer mit: in Rodtschenkows Wohnzimmer oder bei einer Familienparty ebenso wie in hochsensiblen Bereichen des Moskauer Doping-Labors. Sie sinnierten über Doping, Edward Snowden und Wodka, und Rodtschenkow sagte zu Fogel: „Russland ist das entspannteste Land der Welt.“ Fogel fragte: „Wirklich?“ Rodtschenkow grinste und antwortete: „Nein!“

Humor und Unbeschwertheit verschwanden aus seinem Leben, nachdem die ARD am 3. Dezember 2014 den Dokumentarfilm „Geheimsache Doping – Wie Russland seine Sieger macht“ ausgestrahlt hatte. Am 9. November 2015 stellte Dick Pound, Sonderermittler der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), Russland öffentlich an den Pranger. Rodtschenkow verlor seinen Job. Als er bemerkte, dass er als Sündenbock dienen sollte – die bloßgestellte russische Führung bezeichnete ihn als Einzeltäter –, floh er mit Fogels Hilfe in die USA. Dort lebt er seit dem 17. November 2015.

Kurz nach seiner Ankunft erfuhr er vom Tod zweier Freunde in Russland. Die beiden Anti-Doping-Funktionäre Wjatscheslaw Sinew und Nikita Kamajew starben kurz nacheinander, angeblich an Herzversagen. In „Icarus“ ist festgehalten, wie Rodtschenkow von Kamajews Tod im Fernsehen erfährt. Sein Freund, so sagte er, wollte ein Buch über Doping in Russland schreiben. Bücher in Russland zu schreiben, sei gefährlich. Als dann auch noch das FBI Rodtschenkow in die Mangel nahm, entschied sich der von allen Seiten in die Enge getriebene Russe zu einem weiteren radikalen Schritt: Er erzählte seine Geschichte der New York Times.

Die Veröffentlichung ließ die Sportwelt am 13. Mai 2016 erbeben. Und Rodtschenkow plaudert weiter. Er redete mit der Wada, lieferte dem neuen Sonderermittler Richard McLaren die wertvollsten Hintergründe für den Beweis des staatlich orchestrierten Dopingsystems, das in der filmreifen Manipulation von Dopingproben russischer Sportler in Sotschi gipfelte. Mittlerweile hält sogar das IOC Rodtschenkow für einen „glaubwürdigen Zeugen“. Nur der Fußball-Weltverband Fifa, der seine WM 2018 in Russland ausrichtet, will noch immer nicht mit ihm sprechen. Darauf muss Rodtschenkow weiter warten, im amerikanischen Nirgendwo. Heute wird er wissen, ob auch Russland büßen muss – oder nur er.